Orte des Miteinanders
Positive Erfahrungen in der Schule, am Arbeitsplatz oder im unmittelbaren Wohnumfeld können die soziale Integration von Migrantinnen und Migranten begünstigen – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen für eine gleichberechtige Teilhabe sind vorhanden.
Die grelle Julisonne brennt erbarmungslos auf den dunklen Asphalt. In London ist es heiss an diesem Mittwochnachmittag, ungewöhnlich heiss – auch für diese Jahreszeit. Hier, am Ende der Bethnal Green Road, im berühmt-berüchtigtem Londoner East End, scheint die seit den 1990er-Jahren anhaltende Gentrifizierung noch nicht Einzug gehalten zu haben. Unweit der hippen Bars und angesagten Kunstgalerien säumen alte, heruntergekommene Backsteinhäuser den etwas verwahrlost wirkenden Strassenabschnitt. Es gibt nichts schönzureden: Mit dem Chic der reichen Bezirke wie Kensington oder Mayfair hat dieser Anblick nichts zu tun. Der städtebaulichen Tristesse zum Trotz herrscht auf dem engen Gehsteig ein buntes Treiben. Markthändler buhlen mit ihren exotischen Früchten, billigen Kleidern und allerlei Ramsch um die Gunst der Kundschaft. Während verschleierte Frauen die Qualität der Waren prüfen und geschickt über den Preis verhandeln, unterhalten sich vor den Schaufenstern der verheissungsvollen Bollywood-Modeläden bärtige Männer in langen, wallenden Hemden angeregt in einer fremden Sprache.
«Die meisten Menschen stammen aus Bangladesch, weswegen die Gegend auch ‹Banglatown› genannt wird. Weisse Engländerinnen und Engländer sind dort in der Minderheit», sagt ein junger Mann, der im trendigen Strassenteil einen Skateboardladen betreibt. Dass sich die ethnische Vielfalt in diesem Ausmass im Stadtbild bemerkbar mache, gehöre zu London wie der Big Ben, sagt er lakonisch und verschränkt zufrieden die tätowierten Arme. Im Viertel würden sich die wenigsten daran stören. «Trotzdem kann ich dieses Verhalten bisweilen nicht ganz nachvollziehen, denn mit dem Festklammern an der eigenen Kultur, manövrieren sie sich ins gesellschaftliche Abseits. Das ist schade.» Dass es in der Schweiz keine solchen monoethnisch geprägten Quartiere gibt, überrascht ihn nicht. «Switzerland is a rich country, init?», stellt er mit seinem breiten Cockney-Akzent lachend fest.
Gleichmässig verteilt
Am Reichtum alleine liege es nicht, weiss Angela Stienen, die am Institut für Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule in Bern die Abteilung Schule und Gesellschaft leitet. Viel entscheidender sei, so die Professorin, «dass die Schweiz traditionell dezentral, also föderalistisch organisiert ist – politisch wie auch wirtschaftlich. Entsprechend funktionieren bei uns auch Migrationsbewegungen dezentral». Das heisst: Die räumliche Konzentration von Migrantinnen und Migranten ist auf verschiedene Grossregionen gleichmässig verteilt. Gemäss der Sozialanthropologin liegt das unter anderem auch daran, dass in der Schweiz diese Verteilung nach zwei Prinzipien erfolgt: Zum einen lebt ein Grossteil der Menschen mit Migrationshintergrund dort, wo es Arbeit gibt, also rund um die Wirtschaftsmetropolen wie Basel, Bern Genf oder Zürich. Zum anderen sorgt der flächendeckende Verteilschlüssel für Asylsuchende, die den Kantonen proportional zur Einwohnerzahl zugewiesen werden, für einen Ausgleich. Darüber hinaus sei die Kleinräumigkeit des Landes dafür verantwortlich, «dass es keine ghettoähnlichen Siedlungen oder Vorstädte gibt», ergänzt der renommierte Sozialarbeitswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Hinte von der Universität Duisburg-Essen. «Selbst in der grössten Schweizer Stadt Zürich leben gerade einmal knapp 400 000 Menschen; das entspricht einer mittelgrossen deutschen Stadt. Migrationspolitische Herausforderungen, mit denen Millionenmetropolen wie Paris, London oder Berlin konfrontiert sind, kennt man in der Schweiz schlichtweg nicht. Dank diesen überschaubaren räumlichen Verhältnissen lassen sich auch Integrationsprozesse in räumlich segregierten Quartieren mit einem hohen Ausländeranteil einfacher organisieren und verhindern, dass sich monoethnische Communitys bilden, in denen die Menschen tendenziell von der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet leben – so wie Sie das im Londoner East End erlebt haben», erklärt Hinte und fügt an: «Was dazu führt, dass Integration in der Schweiz auch tatsächlich passiert.»
Teilhabe zentral für Integration
Die Kleinräumigkeit hat ferner zur Folge, dass in der Schweiz sogar Quartiere mit einem erhöhten Anteil an sozial benachteiligten Personen heterogen zusammengesetzt sind: Sie unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer ökonomischen Situation, sondern auch bezüglich Herkunft, Alter und Religion. Viertel, in denen nur einzelne Migrantengruppen leben, wie es in den USA und Kanada zum Teil der Fall ist (Little Italy, Chinatown usw.), gibt es bei uns nicht. Ob nun Quartiere mit einem überdurchschnittlich hohen Ausländeranteil trotzdem zu Orten sozialer Ausgrenzung werden, entscheidet sich nicht an der Bevölkerungsstruktur, sondern vielmehr am Umfang und an der Form der Teilhabemöglichkeiten im Bildungswesen, in der Arbeitswelt, Wohnumfeld oder Freizeitangebot. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Studie, die 2011 u.a. im Auftrag des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) und des Staatssekretariats für Migration (SEM) herausgegeben worden ist. Demnach müssen typische Einwanderungsquartiere für Migrantinnen und Migranten keineswegs eine Integrationssackgasse darstellen.
Das untermauern Aynur Buluts* Erfahrungen: «Nachdem ich Ende der 1970er-Jahre als Sechsjährige in die Schweiz gekommen bin, lebten wir in einem Haus, in dem überwiegend Gastarbeiterfamilien aus der Türkei wohnten. Die Nähe zu Menschen aus dem gleichen Ursprungsland und mit derselben Sprache hat mir geholfen, schneller Fuss zu fassen. Unterstützung erhielt ich vor allem von einem gleichaltrigen Mädchen, das mit seiner Familie einige Jahre vor mir in die Schweiz eingewandert ist. Es stand mir beim Deutschlernen, auf dem Schulweg oder bei den Hausaufgaben immer beiseite. Dafür bin ich ihm bis heute unendlich dankbar», erinnert sie sich. Wie Bulut erleben viele Migrantinnen und Migranten ihre «ethnischen Kolonien» als Steigbügel in die neue Heimat und als wichtige Durchgangsstation auf dem Weg in die Aufnahmegesellschaft. Gleichwohl ist der heute 44-Jährigen bewusst, dass es für eine erfolgreiche Integration mehr braucht als eine anatolische Freundin. «Ein integrationsförderndes Umfeld umfasst alle Ebenen, wo Menschen miteinander in Berührung kommen. Damit meine ich u.a. den Arbeitsplatz, das Vereinsleben und insbesondere die Schule. Ich habe oft erlebt, dass Lehrpersonen mein Potenzial einfach nicht erkennen wollten und mich trotz guter Noten daran gehindert haben, ins Gymnasium zu gehen.» Erst mit 15 sei sie endlich auf einen Lehrer getroffen, der sie tatsächlich gefördert und motiviert habe, die Matura zu machen.
Dass prägende Schlüsselpersonen und positive Erfahrungen den Integrationsprozess in der Tat positiv beeinflussen können, weiss auch Angela Stienen. «Das soziale Umfeld spielt eine wesentliche Rolle bei der Integration. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir damit aufhören, Migranten wie auch Flüchtlinge als defizitär wahrzunehmen. Wenn diese Menschen erleben könnten, dass ihre Ambitionen und Ressourcen und ihr Engagement am Arbeitsplatz, in Vereinen, an Kulturanlässen oder im Quartiertreff gewünscht, geschätzt und gefördert werden, dann erhöht das auch die Bereitschaft, sich mit anderen Menschen und einem neuen Umfeld auseinanderzusetzen und sich einzubringen», so Stienen.
Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich
Damit möglichst optimale Rahmenbedingungen für diesen Prozess geschaffen werden, setzen Städte und Gemeinden zunehmend auf eine integrierte Quartierentwicklung, die mit städtebaulichen Massnahmen verknüpft wird (vgl. Projets urbains). Darin enthalten sind u.a. Massnahmen zur Verringerung der Arbeitslosigkeit und zur Verbesserung der Schulqualität sowie des Spracherwerbs. Aber auch allgemeine Imageaufwertung der Quartiere, etwa mittels sanfter Gebäudesanierungen und Umgestaltungen von öffentlichen Begegnungsräumen. Angesichts der angespannten Lage auf dem schweizerischen Wohnungsmarkt, der neben der Zuwanderung vor allem auch auf den steigenden Pro-Kopf-Bedarf an Wohnfläche zurückzuführen ist, bleibt es eine Herausforderung, auch erschwingliche Wohnungen für ärmere Bevölkerungsschichten im Angebot zu haben. Wolfang Hinte ist überzeugt, dass die Politik die einzige Instanz sei, die den freien Wohnungsmarkt mitbeeinflussen könne. «Mit einer offensiven und systematischen Steuerung könnte sie beispielsweise den sozialen Wohnungsbau stärken oder vorhandene Freiräume der Allgemeinheit statt für profitorientierte Projekte zur Verfügung stellen. Dass dies funktioniert, beweist Zürich: Die aktive städtische Wohnpolitik hat in den letzten vier Jahren zu einer deutlichen Ausweitung des genossenschaftlichen Wohnens geführt, sodass heute wieder mehr sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen ein Zuhause in der Stadt finden», betont der Wissenschaftler, der die Limmatstadt beim Aufbau ihrer Quartierkoordinationsstelle fachlich begleitet hat. Auch Basel-Stadt verfolgt eine klare Strategie, um zu verhindern, dass ärmere Bevölkerungsgruppen aus der Stadt verdrängt werden. Bereits 1995 lösten gezielte Mietzinsbeiträge an Familien mit mindestens einem Kind das System mit subventionierten Sozialwohnungen ab. Die Beiträge fliessen seither direkt an die Mieterinnen und Mieter, und die Familien können freier wählen, wo sie wohnen. Mit dem Resultat, dass sich auch die soziale Durchmischung in Wohnhäusern und Quartieren verbessert (s. Interview mit Thomas Kessler).
Dialog fördern
Wohnquartiere sind Orte der Vielfalt, wo Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit miteinander klar kommen müssen. Ob segregiert oder durchmischt; als Vater des Fachkonzepts Sozialraumorientierung weiss Wolfgang Hinte, welche Bedingungen in den Quartieren geschaffen werden müssen, damit Menschen selbst in prekären Lebenssituationen friedlich miteinander leben können. Nur mit sichtbaren städtebaulichen Meisterwerken, wie man das noch vor 30 Jahren vermutet hat, ist es seiner Meinung nach nicht getan. Wesentlicher seien unsichtbare Elemente, die das Gemeinwesen ausmachen würden. Damit verweist er auf die Kernfrage seines Konzepts: Wie können Quartierbewohnerinnen und -bewohner motiviert werden, in ihrem Wohngebiet selbst einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität zu leisten? «Dabei geht es nicht darum, Menschen mit pädagogischen Massnahmen zu verändern, sondern soziale Räume und Verhältnisse zu schaffen, die den Dialog fördern und sich an den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen orientieren. Damit das passieren kann, braucht es gerade in anonymeren Ballungsräumen eine von der öffentlichen Hand finanzierte personenunterstützte Infrastruktur. Das können Stadtteilsekretariate oder Quartierkoordinationsstellen sein, die direkt am Puls des Lebens sind.» Durch den direkten Austausch wissen die Verantwortlichen, was die Menschen bewegt, was ihnen fehlt, worüber sie sich aufregen oder was ihnen Freude bereitet. Als Schnittstelle zwischen Bevölkerung, Behörden und Politik haben sie so die beste Möglichkeit, Anliegen der Quartierbevölkerung direkt in die Planung von weiteren Stadtentwicklungsprojekten einfliessen zu lassen.
«Wir haben festgestellt, dass die Integration von nicht ganz einfachen Bevölkerungsgruppen besser funktioniert in Städten, wo seit Jahren auf ein solches systematisches Quartiermanagement gesetzt wird. Das liegt daran, dass diese Quartiere widerstandsfähiger und daher besser gewappnet sind für neue Herausforderungen», so Hinte. Am Beispiel von Flüchtlingen, die neu in ein Quartier ziehen, lasse sich das gut veranschaulichen. «Die einen denken, dass mit den Flüchtlingen die Sicherheit bedroht sei, die anderen wiederum fühlen sich aus humanitären Gründen verpflichtet, etwas Gutes für diese Menschen zu tun. Wir sagen: Das sind keine Gegensätze. Sicherheit und Ordnung sowie Menschlichkeit und Soziales gehören zusammen. Für das friedliche Zusammenleben müssen deshalb sowohl Einheimische als auch Zugewanderte Leistungen erbringen.»
Integration auf dem Land
Während sich in Städten aufgrund einer gewissen Anonymität auch Einheimische untereinander als fremd wahrnehmen können, wird das Gemeinschaftsleben auf dem Land traditionell von engeren, persönlicheren Beziehungen dominiert, die oft mit sozialer Kontrolle einhergehen. «In kleinräumigen, ländlichen Gebieten braucht es keine Quartiermanagerinnen und -manager», so Hinte, «weil sich die Menschen im Dorf kennen und miteinander reden. Oft übernehmen dort Schlüsselpersonen wie engagierte Politiker oder Pfarrerinnen diese Rolle.» Das Problem auf dem Land sei hingegen, dass die Menschen tendenziell mehr Angst vor dem Fremden hätten als in städtischen Ballungsgebieten. Oft braucht es Geduld und Zeit, bis sich im Dorf alle an eine neue Situation gewöhnt haben. Wenn dieser Punkt aber erreicht sei, ist Angela Stienen überzeugt, «funktioniert die Integration auf dem Land genauso gut wie in der Stadt». Oft wird vergessen, dass es auch Migrantinnen und Migranten gibt, die sich bewusst für ein Leben auf dem Land entscheiden und sich in solchen Strukturen wohl fühlen. «Es kommt immer darauf an, welche Ansprüche und Erwartungen jemand an den Wohnort stellt. So dürfte es für zwei erfolgreiche DJs aus dem Nahen Osten zum Beispiel schwierig sein, wenn sie im Zuge des Asylverfahrens in einem abgeschiedenen Graubündner Bergdorf landen, statt in der erhofften Partymetropole Zürich», ergänzt Stienen und lacht dabei herzhaft.
* Name von der Redaktion geändert.
Text: Güvengül Köz Brown
Integrationsdialog «Zusammenleben»
Integration funktioniert nur mit gegenseitiger Unterstützung im Berufs- und Alltagsleben. Zugewanderte, die sich in der Schweiz integrieren wollen, sind deshalb auf den Kontakt zu bereits hier verankerten Menschen angewiesen. Persönliche Kontakte ergeben sich aber nicht immer von selbst und es braucht vielfältige Begegnungsmöglichkeiten, die den Austausch fördern. Diese zu schaffen und zu nutzen, ist eine Aufgabe, die alle angeht: Staat und Bevölkerung, Zivilgesellschaft und Individuen, Einheimische und Zugewanderte. Die Tripartite Agglomerationskonferenz (TAK), eine politische Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden, hat deshalb den Integrationsdialog «Zusammenleben» lanciert. Mit unterschiedlichen Projekten möchte sie unter anderem aufzeigen, wie wichtig die Freiwilligenarbeit ist, wie viele kleine Dialoge in der Bevölkerung in Gang gebracht werden können und wo Begegnungsmöglichkeiten für Zugewanderte und Einheimische bestehen.
www.dialog-integration.ch/zusammenleben
