Aus den Schlagzeilen
Die Längi in Pratteln galt lange als Problemquartier. Dank umsichtiger Entwicklungsmassnahmen im Zuge des Bundesprogramms Projets urbains wendet sich das Blatt – auch unter tatkräftiger Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner.
Täglich donnern mehr als 100 000 Fahrzeuge über die Autobahn bei Pratteln. Was die sonnenhungrigen Nordländer auf der Reise in den Süden oder die Camionneurinnen auf der Fahrt in den Norden nicht ahnen: Sie tragen zum Aussenseiterdasein des Längiquartiers in Pratteln bei. Getrennt durch die A2 liegt der Ortsteil weitab des restlichen Siedlungsgebietes. «Das hat mit dazu beigetragen, dass das Quartier mit erhöhtem Anteil an sozial benachteiligten Personen im Dorf fast etwas vergessen ging», blickt Marcel Schaub, Abteilungsleiter Dienste und Sicherheit auf der Gemeindeverwaltung, zurück. Spätestens seit den 1990er-Jahren sorgte das Quartier landesweit immer wieder für Negativschlagzeilen. Man habe fast schon darauf gewartet, bis es in der Längi wieder einmal «tätscht», weiss Schaub und nennt neben Jugendgangs vor allem Nachbarschaftskonflikte, Probleme mit Littering oder unbeaufsichtigt spielende Kinder als Phänomene jener Zeit. «Dabei galt das in den 1960er-Jahren entstandene Einwandererquartier ursprünglich als modernes Vorzeigeprojekt», so Schaub. Und heute? Die Längi zeigt wieder ein hübscheres Gesicht. «Zusammen mit der engagierten Quartierbevölkerung und dank breit abgestützter Massnahmen ist es uns über die letzten Jahre gelungen, die Brennpunkte Schritt für Schritt zu entschärfen und die Längi zu einem freundlicheren Ort zu machen.»
Steilpass aus Bern
Die Initialzündung für diese erfreuliche Wandlung kam aus Bern. Der Bundesrat lancierte 2008 im Zuge des neuen Integrationsgesetzes das fachstellenübergreifende Programm Projets urbains. Gesteuert vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) und unter Beteiligung des Staatssekretariats für Migration, des Bundesamts für Wohnungswesen, der Fachstelle für Rassismusbekämpfung und der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen sollte es in ausgesuchten kleinen bis mittelgrossen Städten und Agglomerationsgemeinden für eine positive Integrationsdynamik sorgen. Das Ziel: mit interdisziplinären Quartierentwicklungsprojekten und unter Mitwirkung aller Beteiligter die Lebensqualität nachhaltig verbessern.
Von Aarburg über Pratteln und Rorschach bis Yverdon-les-Bains liessen sich in der Folge 16 Gemeinden für das Vorhaben begeistern. Mit Erfolg, wie Josianne Maury, Verantwortliche im ARE, bestätigt: «Unsere Absicht, mit den Massnahmen langfristige Wirkung zu erzeugen, ist auf bestem Weg. Alle teilnehmenden Kommunen haben sich dazu verpflichtet, die Quartierförderung nach Ablauf der vier oder acht Projektjahre in die Regelstrukturen zu übernehmen – das ist gelungen», freut sie sich und sieht die Bundesbeiträge gut investiert. Die Gemeinden mussten den doch recht grossen Projektaufwand nicht alleine tragen. Zusammen mit den Kantonen, wie Basel-Landschaft, leistete der Bund namhafte finanzielle Beiträge. «Aber auch von unserem technischen Know-how und vom institutionalisierten Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmenden konnte man profitieren», ergänzt Maury.
Fruchtbarer Dialog
«Der aktive Austausch und Wissenstransfer steht am Anfang des Erfolgs», schätzt Schaub die Rolle des Bundes. Er hat das Projekt auf Gemeindeebene von Anfang an betreut und will die Aussage ganz grundsätzlich verstanden wissen. «Zu Beginn stiess unser Vorhaben in der Politik, in der Verwaltung und unter den rund 16 000 Prattlerinnen und Prattlern nicht nur auf Gegenliebe» betont er. Man habe viele Gespräche führen und Überzeugungsarbeit leisten müssen. Für das Projet urbain als Ganzes, aber immer wieder auch für Teilprojekte, wofür teilweise auch Liegenschaftseigentümer gewonnen werden mussten – etwa bei der Erstellung von zeitgemässen Spielplätzen in Wohnüberbauungen. «Mit jedem Teilerfolg nahm der Widerstand ab, und heute freuen sich selbst Kritikerinnen und Kritiker der ersten Stunde offen und ehrlich über die Resultate», sagt Schaub sichtlich stolz.
Notwendige Vernetzung
Im Längiquartier liegt der Ausländeranteil bei 63 Prozent. Ein vielfältiger Mix, der Herausforderungen birgt, aber auch viel Potenzial, das vor dem Projektstart brach lag. «Die Bevölkerung wurde deshalb immer wieder aktiv in den Entwicklungsprozess miteinbezogen. Zum Beispiel mit Workshops», sagt Schaub. «Mit der Absicht, im Quartier auch ein langfristiges Netzwerk aufzubauen und Selbsthilfe zu fördern.» Als Dreh- und Angelpunkt dafür ist im März 2015 der Quartiertreffpunkt Längi eingerichtet worden. Eine Betriebsgruppe, bestehend aus Interessierten aus dem Quartier, erstellt gemeinsam mit Fachpersonen der Gemeinde das Programm. Auch Rabia Lakouis engagiert sich darin. Wöchentlich unterstützt die 42-jährige Pflegehelferin Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Muttersprache mit Französischnachhilfe. «Es ist mir ein Anliegen, dass wir füreinander da sind», sagt die Marokkanerin, die seit 2011 in der Längi lebt. «Durch unsere Präsenz erfahren wir von den Bedürfnissen, die in künftige Angebote einfliessen können. Verbesserungspotenzial gibt es immer», meint die Vielbeschäftigte, die auch noch eine Frauengruppe betreut. Um die Aktivitäten in den Quartieren anzustossen, zu begleiten und zu koordinieren, hat die Gemeinde Stellenprozente für die Quartierarbeit geschaffen.
Ein regelrechter Exportschlager aus der Längi ist das «Feriendorf». Kinder und Jugendlichen aus ganz Pratteln gehen während den Frühjahrs- und Herbstferien jeweils für eine Woche nicht nur ihrem Spieltrieb nach, sondern erkunden und analysieren auch das Quartier. «Sie sagen, was ihnen gefällt, wo die Probleme liegen und was es zu verbessern gilt», weiss Schaub. Er freut sich, dass diese Längi-Idee heute in ganz Pratteln auf Anklang stösst und alternierend auch in den anderen Quartieren stattfindet. «Auch die frühe Förderung ist erst durch die Entwicklungsarbeit in der Längi für ganz Pratteln zum Thema geworden und heute fixe Aufgabe in der Verwaltung», ergänzt er.
Zu einem guten Austausch mit Lebensqualität in Wohnumfeldern gehören benutzerfreundliche und sinnvoll gestaltete öffentliche Räume. Auch dieses Thema hat die Gemeinde zusammen mit der Bevölkerung angepackt. Der neue Spielplatz Wyhlenstrasse ist zum Beispiel nach Plänen von Kindern vom Zivilschutz erstellt worden. «Attraktive Aussenräume wie dieser oder die nun geplante Begegnungszone Längistrasse mit Quartierplatz verleiten auch weniger zu unsachgemässer Abfallentsorgung», sagt Schaub, der diesbezüglich eine massive Verbesserung festgestellt hat.
Gefestigte Strukturen
Weil in der Längi so gute Erfahrungen gemacht worden sind, hat die Gemeinde das Projet urbain 2012 auf zwei weitere Quartiere ausgeweitet und die Quartierarbeit heute in der Verwaltung fest verankert. «Die Erfolge stellen sich nur ein, wenn wir das alte Gartenhagdenken überwinden können und alle Verantwortlichen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten», zieht Schaub seine Lehren aus den acht Jahren Projet urbain. In Pratteln sei das ebenso eine Herausforderung wie in den meisten Verwaltungen, meint er. Der vorbildliche Verwaltungsansatz heisse folglich: «Alle Fragen der Quartierentwicklung werden abteilungsübergreifend behandelt. Ein geeignetes Vorgehen wird gemeinsam entwickelt unter Einbezug des Fachwissens der verschiedenen Beteiligten.» Auf dass damit auch in Zukunft Brücken über die trennende Autobahn geschlagen werden und die Längi für positive Schlagzeilen sorgt.
Text: Philipp Grünenfelder
www.projetsurbains.ch
www.pratteln.ch
