Neuer Pass, neue Heimat?

1992 floh der fünfjährige Artan Morina mit seiner Familie vor dem Krieg in Ex-Jugoslawien. Wenn der gebürtige Mazedonier heute Heimat sagt, meint er Basel. 

Es ist ein heisser Tag, und Artan Morina freut sich auf ein kühles Feierabendgetränk im Schatten der Cafémarquise. Der lebhafte 28-Jährige ist gut gelaunt und etwas ausser Atem, gerade sass er noch im Büro der kantonalen Immobilienverwaltung, dort stapelt sich die Arbeit. Morina ist stolz auf diese Stelle und die Zielstrebigkeit, der er sie zu verdanken hat, wie er im Gespräch betont. 

Als er 1992 fünfjährig mit seinen Eltern vor dem Krieg in Ex-Jugoslawien floh und im Kleinbasel in einer 1-Zimmer-Wohnung landete, sahen die Perspektiven nicht eben rosig aus. Auch in der Schule habe man Kinder wie ihn dazu angehalten, die Erwartungen in die Berufsbildung niedrig zu setzen, sich höchstens für eine Anlehre zu bewerben, so Morina. Was Integration angeht, sieht er im Bildungssystem einigen Verbesserungsbedarf: «Als Kind habe ich mich sehr isoliert gefühlt. Der Erste, der mir Deutsch beigebracht hat, war ein Türke.»

2003 konnte sich die Familie einbürgern lassen; Morina erinnert sich noch genau an das gemeinsame Lernen für den Test. Am Gefühl der Nichtzugehörigkeit habe aber auch der Schweizer Pass zunächst nichts geändert, sagt er. Jedoch habe er schon damals deutlich gemerkt, dass auf den Schweizer Pass anders reagiert werde, als auf den Mazedonischen. Es ist kein Geheimnis: Die Hürden auf dem Weg zur Einbürgerung sind in der Schweiz erheblich höher als in anderen Ländern. Nach einem jahrelangen Rückgang ist deren Zahl in den letzten zwei Jahren jedoch wieder gestiegen: 2015 haben 40 588 Personen einen Schweizer Pass erhalten – das entspricht einem Anstieg von knapp 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zunahme ist gemäss dem Bundesamt für Statistik in erster Linie auf seit Langem in der Schweiz lebende, hier aufgewachsene oder mit einem Schweizer Ehepartner verheiratete Ausländerinnen und Ausländer zurückzuführen.

An Morinas Zugehörigkeitsgefühl sollte sich jedoch erst während der KV-Lehre etwas ändern, um die er sich trotz Abraten seiner damaligen Lehrerin beworben hatte. Hier knüpfte er erste Freundschaften mit Schweizern, rückblickend eine grundlegende Erfahrung. Besondersdrei Frauen hätten ihn unter die Fittiche genommen und ihm viel geholfen. «Sie haben mir unter anderem beigebracht, dass es nirgendwo hinführt, den Macho zu spielen», sagt er lachend. Dass sich besagte Lehrerin Jahre später bei ihm um eine Wohnung beworben habe, erzählt er versöhnlich schmunzelnd.

Eine Ablehnende Haltung liege ihm fern und wo er ihr begegne, versuche er, gegenzusteuern, sei es durch Engagement im Jugendrotkreuz oder im sozialen Umfeld. «Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlen sich ausgeschlossen, wie ich damals. Ich versuche, ihnen zu vermitteln, wie wichtig es ist, den Austausch zu suchen.» Morinas Beharrlichkeit hat sich auch in seiner eigentlichen Leidenschaft bezahlt gemacht, der Schauspielerei. Mit leuchtenden Augen erzählt er davon, wie er es in acht Jahren vom Statisten zum Darsteller gebracht hat, zuletzt sogar im Schweizer Tatort, demnächst im Kinofilm «Goliath». Dass er dabei oft den Bad Guy vom Balkan geben muss, sieht er als Teil der beruflichen Herausforderung. Was seine Identität im echten Leben angeht, hat er zumindest eine Herausforderung gemeistert: «Lange habe ich mich gefragt, wer ich bin und wo ich hingehöre. Mittlerweile weiss ich, dass ich Schweizer bin, nicht nur auf dem Papier. Wenn ich auswärts war und am Badischen Bahnhof die Autobahnausfahrt nehme, spüre ich: Jetzt bin ich daheim.»

Text: Simone Lappert 

40 588 in der Schweiz wohnhafte Personen mit einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung haben 2015 die schweizerische Staatsbürgerschaft erworben.

Artan Morina; Foto: © Claudia Link