Die Erfüllung des Kindchenschemas

Vor einigen Monaten schrieb mir eine Leserin: «Der Krieg ist die Ursache, dass die Flüchtlinge über Schlepper zu uns kommen. Tatsache ist, dass im Krieg die Ärmsten ganz sicher zuerst getötet werden, weil sie entweder verhungern, weil sie nicht genügend Geld für die Flucht haben. Auch im letzten Weltkrieg konnten die begüterten Juden eher Amerika erreichen. Die Armen, die Roma, die geistig Behinderten hatten keine Chance zu flüchten.

[...] Ich bitte Sie, gegen den Krieg zu kämpfen = die Ursache.» Das ist offenbar alles gut gemeint; der Satz über die «begüterten Juden» ist umso verstörender. Das Mitleid mit den Ermordeten wird hier verknüpft mit dem Ressentiment gegenüber denen, denen es gelungen ist, ihren Mördern zu entkommen: den reichen Juden, die sich die Überfahrt nach Amerika leisten konnten. Des Weiteren ist der bekümmerten Leserin entgegenzuhalten, dass Juden und Roma und geistig Behinderte keine Kriegsopfer waren und der Krieg der Alliierten gegen Deutschland den noch nicht Ermordeten immerhin das Leben gerettet hat. Der Brief zeigt eine besonders seltsame Melange aus Empathie und Empathieverweigerung, bei der die Grenze zwischen beidem durch das Vermögen der Verfolgten gezogen wird. Nur das Bild des armen Flüchtlings erfüllt das Kindchenschema einer Vorstellung von Menschenrechten, die man als Gnadenerweis für arme Verfolgte zu gewähren bereit ist. Die Vermögenden können und sollen sich selbst helfen in dieser ungerechten Welt. Die haben’s ja. Dabei wird die Armutsgrenze oft in geradezu grotesker Weise gesteckt, etwa, wenn man Flüchtlingen deren Smartphones oder – wie jüngst Thomas de Maizière – das Fahren mit dem Taxi zum Vorwurf macht. Mehr zu haben als das nackte Leben macht verdächtig.

Peter Schneider ist Psychoanalytiker, Privatdozent, Satiriker und Kolumnist. Foto: © Ursula Markus