Die Katze schmiegt sich an die Betagten
Schweizer Juden dürfen sich seit bald 150 Jahren überall im Lande niederlassen. Das brachte viele jüdische Gemeinden hervor. Von der Pionierzeit ist wenig übrig geblieben.
Wer heute durch die Surbtaler Dörfer Endungen und Lengnau läuft, begegnet jüdischen Zeugnissen auf Schritt und Tritt. Für Verwunderung sorgen die doppelten Hauseingänge und der uralte, verwachsene Judenfriedhof zwischen den beiden Aargauer Dörfern. Die Doppeltüren waren dazu gedacht, dass Juden und Nichtjuden, sofern sie im gleichen Haus lebten, nicht die gleiche Türe benutzen mussten. Auf dem alten Friedhof gibt es Grabsteine, um die sich dicke Baumstämme ranken.
Heute leben nur noch wenige Juden in den beiden Dörfern. Vor 150 Jahren war das noch anders. All die Guggenheims, Bollags, Wylers und Blochs wohnten und stritten sich auf engstem Raum. Nur hier, auf diesen beiden Fleckchen Erde, waren Schweizer Juden seit einem Tagsatzungsbeschluss der acht alten Orte im Jahre 1678 geduldet. Daran änderte auch die erste Bundesverfassung von 1848 nichts. Erst nachdem sich Regierungskreise aus Frankreich und den USA lautstark gegen diese Ungerechtigkeit zu Wort meldeten und Wirtschaftssanktionen androhten, wurde den Juden 1866 mit der ersten Teilrevision der Verfassung die Niederlassungsfreiheit gewährt.
Unzählige neue Gemeinden
Was dann passierte, zählt zur Erfolgsgeschichte der Schweizer Juden. In schneller Folge wurden jüdische Gemeinden ausserhalb Lengnaus und Endingens gegründet: Baden, Bremgarten, Zürich, Basel, Winterthur und so weiter. Die Surbtaler Dörfer selbst litten massiv unter dem Wegzug. 150 Jahre nach Erhalt der Niederlassungsfreiheit leben dort von den ursprünglich über 1 500 weniger als 10 Juden. Zu ihnen zählen meine Eltern. Sie wohnen in Lengnau etwa 500 Meter vom jüdischen Altersheim Margoa entfernt. Der Sinn dieser Institution stellt sich mir im Jahr 2016 nicht sofort ein. Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern gibt es nämlich nur noch sehr wenige Juden. Trotzdem findet hier jeden Samstag in einem kleinen Raum ein jüdischer Gottesdienst statt. Die Beter kommen vorwiegend aus Zürich und Basel.
Dass im Surbtal heute nur noch wenige Juden leben, hat viel mit der Sogwirkung der Schweizer Grossstädte zu tun. Mit Ausnahme von Zürich, Basel und Genf leiden hierzulande praktisch alle jüdischen Gemeinden an Mitgliederschwund. Lugano musste vor wenigen Jahren seine Synagoge schliessen, die einst grosse Gemeinde in Luzern kämpft mit letzter Kraft gegen das gleiche Schicksal und die Mitglieder der Gemeinde Biel teilen sich ihren Rabbiner mit Juden der Gemeinde Bern.
Etwa drei-,viermal im Jahr besuche ich meine Eltern über das Wochenende. Dann gehe ich mit dem Vater ins Margot. Vorne links sitzt der ausgeliehene Rabbiner. Er ist eigentlich kein Rabbiner im üblichen Sinne. Unter der Woche verkauft er in Zürich Eier. Hier in Lengnau ist er aber der Klügste unter den Betern. Das Betlokal hat eine lange Fensterfront. Man blickt runter auf das Dorf mit der grossen Synagoge. Weiter hinten sind die Wälder und die sanften Erhebungen des Kettenjuras zu sehen. Im Vorraum sitzen Seniorinnen und Senioren in ihren unterschiedlichen Rollstühlen. Beim Eingang steht ein Aquarium. Eine Katze schmiegt sich an die Beine der Betagten. Meistens sitzen sie eingefallen in ihren Stühlen und dösen. An den Wänden hängen Bilder von den Ausflügen. Einmal ging die Reise nach Rapperswil, einmal kam der Gemeindepräsident zu Besuch.
Im Gegensatz zur Zeit vor 1866 dürfen sich die Schweizer Juden heute überall niederlassen. Und wo sich zehn Juden trafen, da wurde auch häufig eine Synagoge gebaut. Mittlerweile stellen sich die Fragen anders: Wird es auch in zwanzig Jahren noch jüdische Gemeinden in der Schweiz geben? Oder folgt nach der Emanzipation, der Glaubensfreiheit, der Niederlassungsfreiheit bald auch die Gemeindenauflösung?
Text: Beni Frenkel
