Gleich und Gleich gesellt sich gerne

Weder in der Stadt noch auf dem Land gab es je eine vollkommene Durchmischung aller Bevölkerungsgruppen, sagt die Ethnologin Rebekka Ehret, Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Ist das nun gut oder schlecht für die Integration?

Frau Ehret, Migrantinnen und Migranten zieht es überwiegend dorthin, wo bereits Verwandte, Bekannte oder Landsleute leben. Ist diese räumliche Konzentration eine gute Ausgangslage, um in einem neuen Land Fuss zu fassen?

Durchaus, denn bereits vorhandene Netzwerke können den Neuzugezogenen helfen, sich schneller in der Aufnahmegesellschaft zurechtzufinden. Unter anderem, weil schon ansässige und gleichzeitig vertraute Menschen ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und unkompliziert Unterstützung bei Behördengängen, bei der Bewältigung des Alltags oder bei der Wohnungs- und Arbeitssuche bieten. Wir müssen aber aufpassen, dass wir dieses Phänomen des «Unter-sich-Bleibens» nicht ausschliesslich mit Migrantinnen und Migranten in Verbindung bringen.

Wie meinen Sie das?

Die Mehrheit der Menschen, die ihren Wohnsitz frei wählen können, entscheidet sich für eine Umgebung, in der sie «Gleichgesinnte» vorfindet. Das gilt für Vermögende an der Zürcher Goldküste genauso wie für Menschen, die sich für ein Leben in der Landidylle oder in einer kommunenartigen Genossenschaft entscheiden. Weder in der Stadt noch auf dem Land gab es je eine vollkommene Durchmischung von unterschiedlichen sozialen Gruppen. Vor diesem Hintergrund stellt sich schon die Frage, weshalb Quartiere mit einem höheren Migrationsanteil in der öffentlichen Wahrnehmung negativer bewertet werden. Wahrscheinlich, weil fälschlicherweise oft davon ausgegangen wird, dass Integration ausschliesslich in einem gut durchmischten Umfeld funktioniert. Dem widerspricht die Forschung: Die Ungleichverteilung von Bevölkerungsgruppen muss diesbezüglich nicht per se problematisch sein.

Das gilt aber kaum für Quartiere, in denen ausschliesslich sozial schwach gestellte oder von Langzeitarbeitslosigkeit betroffene Bevölkerungsgruppen leben?

Sie sprechen damit eine ganz andere Problematik an. Die sogenannte Segregation, also die ungleiche Verteilung von verschiedenen sozialen Bevölkerungsgruppen, verläuft in der Schweiz nicht entlang der ethnischen Herkunft, sondern entlang der sozialen Schicht. Man spricht hier von einer «Verräumlichung» von soziostrukturellen Ungleichheiten. Entsprechend müssen wir dringend die freiwillige Segregation von der erzwungenen unterscheiden. Unqualifizierte Arbeitskräfte mit niedrigem Bildungsstand oder einkommensschwache und von Armut betroffene Personen – oft sind das Menschen mit Migrationshintergrund – haben aufgrund ihrer finanziellen Situation oder ihres sozialen Status selten die Möglichkeit, den Wohnsitz selbst zu wählen.

Kann man nicht auch mit städtebaulichen Massnahmen Einfluss auf das Image solcher Ortsteile oder Quartiere und somit auf den Integrationsprozess nehmen?

Die genannte sozialräumlich ungleiche Verteilung ist auch ein Spiegel der politischen und ökonomischen Globalisierungsprozesse. Von dem her gibt es lokale Möglichkeiten, aber die sind immer auch begrenzt. Am wichtigsten ist es immer noch, Menschen die Chance zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu eröffnen. Hier können Investitionen in die Infrastruktur tatsächlich einiges bewirken, denn die Aufwertung des öffentlichen Raums oder die Sanierung von Häusern hat nicht nur positiven Einfluss auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität der dort lebenden Menschen, sondern auch auf das Image des Quartiers. Der Kanton Basel-Stadt betont diesen Zusammenhang zum Beispiel, indem er die Fachstelle Diversität und Integration der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung angegliedert hat. Nichtsdestotrotz wird uns die Schichtproblematik auch in Zukunft beschäftigen, denn die Schere zwischen Arm und Reich wird in der Schweiz noch grösser werden und die nicht frei gewählte Segregation begünstigen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Wohnungsmarkt, die sie daran hindert, das Quartier zu wechseln, selbst wenn sie den sozialen Aufstieg längst geschafft haben.

Sie haben solche Aufwertungsmassnahmen im Rahmen eines grösseren nationalen Forschungsprojektes am Beispiel des sehr durchmischten Basler St.-Johann-Quartiers untersucht. Mit welchen Erkenntnissen?

Die Studie hat gezeigt, dass ein Quartier bei solchen Massnahmen gut durchmischt bleiben muss. Dazu gehört auch der Erhalt von bezahlbarem Wohnraum. Denn die alteingesessene Bewohnerschaft darf nicht das Gefühl erhalten, dass sie von einer vermeintlich oder effektiv wohlhabenderen Nachbarschaft verdrängt wird. Zudem müssen wir mit Begriffen wie Aufwertung vorsichtig umgehen. Sie können Bewohnerinnen und Bewohnern, die zum Teil seit ihrer Geburt am Ort der «Aufwertung» leben, das Gefühl vermitteln, dass sie bisher weniger Wert waren.

Integration ist und bleibt ein aktiver und wechselseitiger Prozess. Sie findet im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz und in der Schule statt. Also auch im eigenen Quartier. Wie muss das Zusammenleben in der Nachbarschaft aussehen, damit es integrativ wirkt und ein vertrauter Raum mit heimatlichem Charakter entsteht?

Vorab möchte ich betonen, dass das Zusammenleben in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht überbewertet werden darf, denn die Motivation, weshalb jemand in diesem oder jenem Quartier wohnt, ist – sofern man frei wählen kann – sehr individuell. Die einen leben in der Nähe des Bahnhofs, weil sie pendeln oder etwas Anonymität schätzen, andere zieht es in ein trendiges Quartier, weil ihnen das Angebot an Bars und Restaurants wichtig ist. Berufstätige Eltern wiederum wünschen sich Betreuungsangebote, Spielplätze und öffentliche Begegnungsorte in der Nähe. Studierende günstige Mietpreise. In dieser Anspruchsfülle ist es schwierig, allein davon auszugehen, dass sich alle einen vertrauten Raum mit heimatlichem Charakter wünschen. Selbstverständlich kann sich ein Quartier immer auch durch solche Qualitäten auszeichnen – insbesondere für alteingesessene Bevölkerungsgruppen, aber eben nicht ausschliesslich. Viel wichtiger ist es, dass in einem Quartier alle Ansprüche ihre Existenzberechtigung haben können: Individualität und Gemeinschaft, Nähe und Distanz sowie Anonymität und Intimität. Das ist in den Städten weitgehend gewährleistet, sonst hätten wir gerade in heterogen zusammengesetzten Quartieren wie dem Basler St. Johann viel mehr Probleme.

Sie sprechen von Städten. Inwiefern unterscheidet sich der Integrationsprozess in ländlichen Regionen davon?

Die Integration auf dem Land ist leider noch kaum erforscht, weshalb ich aus wissenschaftlicher Sicht wenig Handfestes darüber sagen kann. Vor rund drei Jahren habe ich aber als Projektleiterin im Auftrag unseres Instituts für Soziokulturelle Entwicklung und der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen selbst eine Studie durchgeführt, die u.a. zum Schluss gekommen ist, dass sich Integrationsprozesse in der Stadt kaum von jenen auf dem Land unterscheiden – auch wenn die soziale Kontrolle auf dem Land viel ausgeprägter ist. Ausschlaggebend ist auch dort die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, das heisst, ob jemand eine Arbeit hat und davon leben kann oder sich an der Armutsgrenze befindet. Ist Ersteres der Fall, integrieren sich Menschen im ländlichen Raum genauso schnell wie im städtischen Kontext.

Heisst das, dass die Integration in der Schweiz grundsätzlich überall funktioniert?

Auf jeden Fall. Die Menschen leben sowohl in ihren Stadtquartieren als auch in den Dörfern in der Regel friedlich mitoder nebeneinander. Ein bisschen mehr Gelassenheit würde uns diesbezüglich – bei allen Herausforderungen – gut anstehen (schmunzelt).

Interview: Güvengül Köz Brown

Rebekka Ehret ist Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Foto: © zVg