«Wir brauchen uns nicht zu schämen»
Mit seinem vielseitigen künstlerischen Schaffen begeistert Franz Hohler seit über 50 Jahren Kinder und Erwachsene gleichermassen. Im MIX-Interview verrät der in Zürich-Oerlikon wohnhafte Tausendsassa, was er sich von der guten Märchenfee wünschen würde.
Herr Hohler, Sie sind Kabarettist, Schriftsteller, Cellist, Liedermacher und Schauspieler. Gleichzeitig kennt man Sie als politisch engagierten Bürger, der sich für die Umwelt und das Zusammenleben einsetzt. Was treibt Sie an?
Als Schriftsteller, der ich heute vor allem bin, ist es die Lust am Formulieren, Schreiben und Erzählen. Als engagierter Bürger faszinieren mich die ungelösten Fragen unserer Zeit und unseres Landes. Diese Fragen fliessen jedoch nicht zwingend in meine Werke ein, ich bin ja Erzähler und Poet und möchte nicht mit jedem Text ein Problem lösen. Aber spürbar sind sie immer wieder. In meinem Roman «Der neue Berg» bahnt sich eine Naturkatastrophe an, die niemand sehen will, in meinem Roman «Gleis 4» geht es um die Geschichte eines ehemaligen Verdingkindes. In meinem letzten Erzählband, «Ein Feuer im Garten», steht unter anderem der «Gegenvorschlag», den ich zur Ausschaffungsinitiative der SVP geschrieben habe.
Sie haben vor einem Jahr im Auftrag der Sozialdemokraten auch ein Flüchtlingsmanifest geschrieben, in dem unter anderem Folgendes steht: «Angesichts der mit Verzweifelten überfüllten Boote, angesichts der Ertrinkenden und Erstickenden gibt es nur eine Antwort: Grosszügigkeit. Damit wir uns jetzt und später nicht zu schämen brauchen.» Müssen wir uns bereits schämen?
Wenn ich unser Flüchtlingscamp in Zürich-Oerlikon, die «Halle 9», besuche und die Bemühungen der professionellen und der freiwilligen Helferinnen und Helfer sehe, wenn ich sehe und höre, was der Tenor Christoph Homberger mit seinem Flüchtlingschor «S isch äben e Mönsch» gemacht hat, brauchen wir uns nicht zu schämen. Wenn ich hingegen die Bilder aus Como vor Augen habe, wo Flüchtlinge auf eine Einreise in die Schweiz oder auf eine Durchreise warten, schon eher.
Uns erreichen täglich nicht nur Bilder von solchen verzweifelten Menschen auf der Flucht, sondern auch tausend andere Schreckensmeldungen aus allen Ecken der Welt. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Informationsflut um?
Indem ich mich über alles freue, worüber man sich freuen kann. Über die Sonne, die am Morgen durch die Wohnung eines Nachbarhochhauses hindurch auf unsern Balkon scheint, über einen Besuch unserer Enkelin, über meine vier Längen, die ich im Freibad schwimme, oder auch darüber, dass unsere Torschützen im Spiel Schweiz – Portugal aus dem Balkan und aus Afrika stammen. Vielleicht hilft uns das, auch die ganz normalen Menschen aus dem Ausland sozusagen als Nationalspieler bei uns aufzunehmen, damit sie bei uns mitspielen können. Das alles gibt mir erst die Kraft, mich mit dem Elend unserer Zeit zu konfrontieren.
Freudiges können – vom Hörensagen – auch Märchenfeen bescheren. Wenn Sie drei Wünsche bei einer frei hätten, was würden Sie begehren?
Erstens soll sie den Unvernünftigen möglichst viel Vernunft einlöffeln. Zweitens den Vernünftigen ein kleines Löffelchen Unvernunft eingeben. Und den dritten Wunsch schenke ich einem Flüchtlingskind.
Interview: Güvengül Köz Brown
