Stadt oder Land: Wo ist die Integration einfacher?

Der Röstigraben ist überwunden. Heute spaltet die Kluft zwischen Stadt und Land die politische Schweiz. Hüben wie drüben fragen sich Menschen, was eigentlich an der Sache dran ist. Feinsäuberlich werden Unterschiede zusammengetragen und gegeneinander abgewogen. Nicht selten dominieren Klischees die Argumentation, wo es sich besser leben lässt, wer von wem mehr profitiert und wo die Schweiz am schweizerischsten ist. Klare Antworten gibt es keine – ausser in der Statistik, die besagt, dass hierzulande fast zwei Drittel aller Menschen in Städten und ihren Agglomerationen leben. Vielleicht ist die Bewertungsunschärfe auch gut so, denn die Vor- und Nachteile eines Lebens in der Stadt oder auf dem Land gewichten alle anders. Persönliche Bedürfnisse und Gewohnheiten spielen genauso eine Rolle wie berufliche und soziale Abhängigkeiten. Die MIX stellt zwei Beispiele zur Debatte, die aufzeigen, wie unterschiedlich einzelne Aspekte gewichtet und wo geringere Integrationshürden erwartet werden.

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Rosa Lili Rocabado Rüegger zog vor über 28 Jahren aus Bolivien in die Schweiz. Die Soziologin lebt in der Stadt Bern.

Städterin für immer

Rosa Lili Rocabado Rüegger schätzt eine gewisse Anonymität.

Ursprünglich stamme ich aus einer gemütlichen Stadt und wohne nun wieder in einer gemütlichen Stadt. Seit ich in Bern lebe, ist es «meine Stadt». Ich fühle mich wohl hier, weil sie vieles gemeinsam hat mit Cochabamba in Bolivien, wo ich aufgewachsen bin. Beides sind zwar keine Metropolen, aber sehr vielfältige Städte, die etwas Anonymität im positiven Sinne bieten, das entspricht mir.

In einer ungewohnten Umgebung ein neues Leben anzufangen, braucht viel Energie und sorgt für grosse Emotionen. Es ist ein wenig wie neu geboren zu werden: nochmals lernen zu sprechen, zu gehen und vor allem Teil der neuen Gesellschaft zu werden. Für meinen persönlichen Neuanfang war die Stadt Bern ein sehr guter Ort. Es gibt hier viele Angebote, um die Sprache zu lernen, was ich damals als Mutter dreier Kinder sehr geschätzt habe. Ich konnte die Sprachschule besuchen, während mein Mann die Kinder betreute – Teamarbeit eben.

Als ich genügend Deutsch beherrschte, besuchte ich verschiedene Kurse und begann in einem Verein Sport zu treiben, was mir ermöglichte gleichgesinnte Leute kennenzulernen. Ich konnte mich in verschiedenen Projekten engagieren und einer Tätigkeit nachgehen, welche sich gut mit dem Familienleben vereinbaren liess, damals als die Kinder klein waren. Auch weil man/frau in der Stadt ja sehr mobil und flexibel unterwegs ist, nicht nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto, auch zu Fuss oder mit dem Velo. Heute sind meine Kinder erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Mir war immer sehr wichtig, eine gewisse Freiheit zu haben, um wählen zu können, was ich wie, wo und mit wem tue. Das geniesse ich in der Stadt und fühle mich trotz Anonymität nicht «halbherzig» integriert oder «nur geduldet». Hier wählt man selbst, ob zugezogen oder nicht, wovon man ein Teil sein möchte und wovon nicht. Ich brauche diese Weite, die mir diese kleine, gemütliche Stadt schenkt. Ich bin wohl einfach ein Stadtmensch, eine «mujer urbana».


Robert Home zog vor 12 Jahren aus Australien in die Schweiz. Der Forscher im Bereich Biolandwirtschaft lebt im Dorf Bangerten b. Dieterswil (BE).

Landleben neu entdeckt

Robert Home wünscht sich Nachbarn, die sich kümmern.

Ich habe schon in einer Schweizer Stadt gelebt – in Zürich, um genau zu sein – und ich mochte das Leben dort. Das grosse Unterhaltungsangebot gleich vor meiner Haustür gefiel mir. Ich schätzte die unbeschränkten Einkaufsmöglichkeiten und den reibungslos funktionierenden öffentlichen Verkehr. Es gab sogar naturnahe Erholungsgebiete ganz in der Nähe – etwas, das Schweizer Städte einzigartig macht. Kurz gesagt: Ich genoss all die Annehmlichkeiten. Aber etwas fehlte mir.

Niemand interessierte sich wirklich für mich. Nicht einmal meine Nachbarn, die eigentlich ganz nette Leute waren und ab und zu auf einen Drink vorbeikamen. Sie blieben distanziert. Sie hätten wahrscheinlich gesagt, dass sie meine Privatsphäre respektierten, aber in Tat und Wahrheit kümmerte ich sie nicht wirklich. Städte sind mir zu anonym, und das ist der Grund, weshalb das Landleben viel schöner ist.

Hier kümmern sich die Leute um einen, sogar wenn man neu ist. Alle sind Nachbarn. Sie bemerken, wenn ich Hilfe brauche und sie bieten diese Hilfe an, auch wenn sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind. Die Menschen schauen mir in die Augen, wenn ich ihnen begegne und halten auf der Strasse an, um zu schwatzen. Die Chancen sind gross, dass wir einander bereits kennen. Eigentlich muss ich immer anhalten, wenn ich jemanden treffe, und mit ihr oder ihm quatschen. Es wäre komisch, das nicht zu tun. Wenn wir uns die Hände schütteln, dann halten sie meine Hand hier länger als in der Stadt. Händeschütteln auf dem Land hat eine wichtige Bedeutung: Es heisst, du bist einer von uns und ich vertraue dir.

Sicher, man muss den Alltag gut planen, wenn man auf dem Land lebt. Man muss Einkaufslisten schreiben und wenn man sich unterhalten lassen will, muss man irgendwohin fahren. In unserem Dorf gibt es nicht einmal öffentlichen Verkehr. Aber nichts davon wiegt das Interesse der Leute aneinander auf. Nicht im Geringsten.