Bündner Zuckerbäcker schreiben Auswanderungsgeschichte
Migration ist fester Bestandteil der gesellschaftlichen Realität. Auch der helvetischen. Die Geschichte der Bündner Zuckerbäcker erzählt von einer Zeit, in der die Schweiz (auch) ein Land von Auswanderern war.
Einen Asylantrag brauchte Giovanni Giacomo Matossi aus Poschiavo nicht zu stellen. Er marschierte 1811 zusammen mit seinen Kindern und einer Ziege einfach los. Ein langer Fussmarsch stand bevor, und was ihn im französischen Agen erwartete, war ungewiss. Wie freundlich der Empfang dort war, ist nicht verbürgt. Fest steht aber: Seine Söhne Lorenzo und Francesco zogen später weiter und eröffneten in Bilbao das erste Café Suizo; zuletzt betrieben sie in mehr als einem Dutzend spanischer Städte ihre Matossi-Kaffeehäuser. Francesco Matossi kehrte in den 1850er-Jahren zurück in sein Dorf und liess sich dort einen Palazzo errichten – bis heute ein sichtbares Beispiel für eine erfolgreiche Auswanderungsgeschichte.
Rauswurf aus Venedig
Man nannte sie «scalettieri». Es waren vornehmlich Männer aus den Südtälern, dem Engadin, dem Münstertal, dem Albulatal und dem Prättigau, die aus wirtschaftlichen Gründen ihr Tal verliessen, um sich in der Fremde als Zuckerbäcker zu verdienen. Die Geschichte der Zuckerbäcker begann bereits im 16. Jahrhundert, erreichte zwischen 1800 und 1850 ihren Höhepunkt und endete mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Erster Schauplatz war Venedig. Die Lagunenstadt lag nahe, zudem genossen die Einwanderer durch ein Bündnis mit dem Drei Bünden das Recht, Handel zu treiben. Schon bald stellten die «scalettieri» in den venezianischen Zünften die Mehrheit; in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählte Venedig über 100 Bündner Backstuben, in denen häufig auch Kaffee ausgeschenkt wurde. Dann wurde den Venezianern die Dominanz der Bergler zu viel. 1766 sprach der Senat den Immigranten alle Vorrechte ab, verbot den Handel und wies alle reformierten Bündner aus.
Der «Rauswurf» erfolgte aus politischen und religiösen Gründen – aber auch Neid war mit im Spiel. So rechtfertigten die Venezianer sich wie folgt: «(...) weil die Bündner, die ihren Wohnsitz im Bereiche der Republik aufgeschlagen hatten, nichts anderes trieben, als Geld anzuhäufen, um dieses dann in ihre unfruchtbaren und unwirtlichen Berge fortzuschaffen und so den venezianischen Staat auszusaugen.»*
Nach der Verbannung mussten die Vertriebenen nach neuen Wegen und Orten Ausschau halten. Sie wanderten von Italien weiter nach Frankreich, Spanien und Portugal; andere zogen über Deutschland, Polen weiter bis nach Russland. Häufig taten sich die Auswanderer einer Gemeinde oder Talschaft zusammen, später zogen die Kinder oder Familienangehörige nach. Zuweilen kehrten die Männer aber auch zurück, hielten in der Heimat Brautschau – und zogen wieder von dannen. Manchmal liess sich einer, wie der eingangs erwähnte Francesco Matossi, erst als vermögender Herr wieder im Tal sehen. Sein glückliches Los indes teilten nur wenige. Für die Mehrheit gab es kein Zurückkommen. Rund 80 Prozent aller Migranten verstarben in der Fremde oder galten als verschollen. Und an diese erinnert kein Palazzo.
* Vasella, Johannes: Die Puschlaver im Ausland in älterer und neuerer Zeit bis zum Jahre 1893. In: Bündnerisches Monatsblatt, Nr. 6, Juni 1920.
Text: Corina Lanfranchi
