Ungewohnte Gepflogenheiten

Anerkannte Flüchtlinge müssen auf eigenen Beinen stehen können. Mit Wohnkursen erleichtert ihnen die Heilsarmee den Einstieg. Ein Besuch im Emmental.

Das Wohnzimmer im Mehrfamilienhaus am Ende einer langen Strasse und am Übergang zu weiten Wiesen und Feldern ist einfach eingerichtet. Ein Sofa, zwei Ikea-Tischchen, Vorhänge. Normalerweise teilen es sich Asmara* und Kidane, die beiden Mieter der schlichten Dreizimmerwohnung in Oberburg. Heute sitzt hier aber eine weit grössere Runde von einem Dutzend Männern, einer Frau und der 2-jährigen Zewdi beisammen und füllt mit den zusätzlich organisierten Stühlen den ganzen Raum. Kaffee gibt es vorerst keinen. Erstens, weil es dafür auf den mit Müll übersäten Salontischchen keinen Platz gibt, und zweitens, weil die Gruppe eritreischer Flüchtlinge konzentriert arbeitet. «Keine Sorge, der Abfall ist nicht frisch aus der Mülltonne und fein säuberlich gewaschen», beruhigt Saskia Häfliger die Anwesenden und zeigt auf die leeren Milchflaschen, Aludosen, Batterien sowie weitere Anschauungsmaterialien. 

Die Sozialarbeiterin und Erwachsenenbildnerin leitet den «Integrationskurs Wohnen» der Heilsarmee Flüchtlingshilfe und unterrichtet die Frauen und Männer an einem ganzen Tag in Theorie und Praxis über hiesige Gepflogenheiten wie Nachbarschaftspflege, Hausordnungen, WG-Leben, Energieverbrauch, Reinigungsarbeiten, Unfallverhütung oder – Abfallentsorgung. «In der Schweiz ist Letzteres ein wichtiges Thema und führt bisweilen auch unter Einheimischen zu Streitereien», erklärt sie, weshalb er im Kurs im wahrsten Sinne so viel Platz einnimmt. «Aber auch aus Rücksicht vor der Natur und zum Schutz des Portemonnaies – wegen der Abfallgebühren», ergänzt Häfliger, bevor alle lernen, welcher Abfall wie, wann und wo richtig rezykliert oder entsorgt wird. Bei Sprachproblemen übersetzt jemand aus der Runde oder die Begleitunterlagen mit vielen Abbildungen und Piktogrammen helfen weiter.

Auf gute Nachbarschaft

Der Kurs, der im zentralen Bildungszentrum Lern-Punkt der Heilsarmee auch öffentlich angeboten wird, findet heute in Oberburg statt, weil alle Anwesenden in einer vom Sozialwerk betreuten Wohnung in der Region leben. Im Kanton Bern sollten Flüchtlinge spätestens 120 Tage nach einem positiven Anerkennungsentscheid eigene vier Wände beziehen. Das ist nicht immer einfach und manchmal fast unmöglich. Die Heilsarmee unterstützt sie dabei, indem sie als Vertrauensträgerin selbst mehrere Wohnungen anmietet und dann untervermietet. Dies in enger Zusammenarbeit mit der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons und mit dem Anliegen, dass der Übergang ins eigenständige Leben gut gelinge und die Beziehung zur Nachbarschaft nicht unnötig auf die Probe gestellt würde, erklärt Karin Hänni von der Fachstelle Unterbringung der Heilsarmee: «Deshalb sind wir in unseren 70 Wohnungen immer wieder vor Ort, erklären oder bieten Hand bei Problemen. Dazu gehört auch der obligatorische Wohnkurs.» Bösen Willen bei Scherereien habe sie bisher nie erkannt, «aber je nachdem woher und aus welchen Verhältnissen die Menschen kommen, kennen sie schlichtweg unsere Gepflogenheiten nicht, heizen vielleicht zu viel oder lüften zu lange, verwenden zu scharfe Putzmittel oder hören nach 22 Uhr noch laut Musik». Kursobligatorium hin oder her: Die Teilnehmenden schätzen das Angebot und folgen Saskia Häfliger konzentriert und gut gelaunt. Für grosses Gelächter sorgt der Recycling-Praxistest. Als Einziger versagt ausgerechnet der MIX-Besucher und sortiert eine ausgediente Deospraydose falsch ein. Ernsthafteres Kopfzerbrechen beschert hingegen ein adressiertes Kuvert: ins Altpapier oder in den Müll? «Vielleicht mache ich ja etwas falsch und im Altpapier sehen dann alle meinen Namen», zeigt sich Biniam besorgt. Eine weitere Knacknuss, die sich auch Einheimischen stellen dürfte.

*Alle Namen der Kursteilnehmenden von der Redaktion geändert.

www.fluechtlingshilfe.heilsarmee.ch

Text: Philipp Grünenfelder