«Ich sehe das locker»
Mujinga Kambundji gehört zu den aufstrebenden Leichtathletikstars. Ein Gespräch über Klischees und Zukunftspläne.
Frau Kambundji, dank Ihrer Popularität wissen mittlerweile alle, wie man Ihren Namen ausspricht. Trotzdem verbindet man ihn oft mit der Herkunftsfrage: Nervt Sie das?
Nein, gar nicht. Ich sehe darin in erster Linie Neugierde und begrüsse es ganz grundsätzlich, wenn Menschen Interesse an den Geschichten anderer zeigen. Schon in der Schulzeit, wo in meinen Klassen jeweils die Hälfte Migrationshintergrund hatte, gehörte das dazu. Man möchte doch wissen, was die anderen für Familiengeschichten haben. Ein grosses Büro hat man deswegen aber nie aufgemacht.
In einem Interview wogen Sie auch schon mal Charakterzüge, die Sie eher mit ihrer Schweizer Mutter oder ihrem kongolesischen Vater teilen, gegeneinander ab. Haben Sie keine Berührungsängste mit Klischees?
Ich bin da locker. Am Ende vereine ich ja, wie jeder Mensch, ganz unterschiedliche Klischees in mir und passe damit wiederum in keine Schublade. Nehmen wir meine Unpünktlichkeit. Sie könnte für die Kongolesin in mir stehen. Oder aber für die langsame Bernerin (lacht). Im Ernst: Wie alle, die hier geboren sind und nichts anderes kennen, fühle ich mich als Schweizerin. Dass ich über meinen Vater auch noch Zugang zu seinen spannenden Wurzeln habe, ist mein Glück.
Das klingt alles sehr abgeklärt. Erleben Sie nie Rassismus wegen Ihrer Hautfarbe?
Bisher zum Glück nicht – abgesehen von wenigen blöden Sprüchen vielleicht. Aber davon lasse ich mich nicht beirren.
Sie verbringen mehrere Tage pro Woche in Mannheim, wo Sie unter professionellen Bedingungen trainieren können. Eine zweite Heimat?
Nicht direkt. Ich habe dort zwar tolle Trainingskolleginnen, die neben den persönlichen Begegnungen auch für meine sportliche Entwicklung wertvoll sind – genauso wie mein Coach Valerij Bauer. Aber auch wenn ich jeweils nur einige Tage dort verbringe, vermisse ich Bern immer ein bisschen. Ohne die Berge fehlt halt etwas.
Ist dies auch auf Ihren Reisen durch die Sportwelt so?
Auch da stelle ich immer wieder fest, wie sehr ich mich an gewisse Schweizer Standards gewöhnt habe. Aber in diesen Situationen bin ich vor allem auf die sportlichen Wettkämpfe fokussiert. Meist bleibt deshalb leider auch viel zu wenig Zeit, die spannenden Städte wirklich kennenzulernen. Das muss ich irgendwann wohl nachholen.
Haben Sie neben der weiteren sportlichen Annäherung an die Weltspitze noch andere persönliche Zukunftsziele?
Darüber denke ich noch nicht so viel nach. Erst mal geniessen der Sport und mein Wirtschaftsstudium Priorität. Und natürlich meine Freunde und die Familie. Sie liegen mir extrem am Herzen und ich wünsche mir selber später einmal eine so tolle Familie. Für Menschen, die mir etwas bedeuten, gehe ich durchs Feuer. Selbst wenn sie mich spätnachts aus dem Bett klingeln (lacht).
Für diese soziale Ader spricht auch Ihre Funktion als Botschafterin des Schweizerischen Roten Kreuzes.
Ich bin in sehr guten Verhältnissen aufgewachsen. Das weiss ich sehr zu schätzen und sehe auch, dass es vielen Menschen anders ergeht. Wie sich die Leute vom SRK für diese Frauen, Männer und Kinder in Not einsetzen, beeindruckt mich sehr und ich möchte, dass das viele, gerade junge Menschen, auch wahrnehmen.
Interview: Philipp Grünenfelder
