Die Hoffnung stirbt zuletzt
Heimatverlust, monatelange Fussmärsche, Hunger, Durst und die Angst, nicht zu überleben – die Fluchterfahrungen selbst sind schon enorme Belastungen. Was aber, wenn man dabei auch noch den Kontakt zu Angehörigen verliert? Wasim Okuba* hat es erfahren müssen.
Weltweit verlieren sich jedes Jahr rund hunderttausend Familienangehörige und Verwandte auf der Flucht aus den Augen. Sei es, weil sie im Chaos der Flucht auseinandergerissen werden, Hals über Kopf getrennt weiterfliehen oder über unterschiedliche Länder reisen müssen. Wasim Okuba gehört zu diesen Menschen. Als er Ende 2012 mit der Unterstützung von Schleppern seine gefährliche und lange Reise durch den Sudan und Libyen antritt, lässt er seine Frau und den damals zweijährigen Sohn in Eritrea zurück.
«Seither habe ich meine Familie nicht mehr gesehen. Das ist schon schwierig genug. Aber nicht zu wissen, wo sie sind und wie es ihnen geht, ist unerträglich», lässt er durch den Übersetzer sagen. Wasim Okuba spricht leise und gibt sich gefasst. Aber seine rot geäderten Augen glänzen feucht, als hätten sich in ihnen über die Jahre hinweg die Tränen angestaut. Auch das immer wiederkehrende Lächeln kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er erschöpft ist. Es fällt ihm schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Wie soll er auch? Die Antworten kommen entsprechend tröpfchenweise und erst nach mehrmaligem Nachfragen. «Am Anfang wusste ich nur, dass meine Frau und mein Sohn nach Äthiopien geflüchtet sind», fährt er fort. Das war im Oktober 2014. Dann verlieren sich die Spuren, zehn Monate lang lebt der 33-Jährige im Ungewissen über ihren Verbleib. Etwas Hoffnung kommt erst auf, als er davon erfährt, dass der Suchdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes Menschen wie ihm helfen.
«Unsere Arbeit kann mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen verglichen werden», bleibt Nicole Windlin, Leiterin des Suchdienstes, realistisch. Alleine im Jahr 2014 gingen bei ihr und ihrem Team in Bern 938 Anfragen ein. Und in lediglich 137 Fällen konnten die vermissten Personen auch tatsächlich lokalisiert werden. Während in weiteren 377 Fällen noch gehofft werden darf, musste die Suche nach den restlichen rund 300 Personen trotz grosser Anstrengungen leider eingestellt werden – unter anderem auf Wunsch der Antragstellenden. «Bei Herrn Okuba hatten wir Glück. Dank unseren Verbindungen vor Ort konnten wir konkrete Anfragen in Flüchtlingslagern in Äthiopien platzieren.» Mit Erfolg. Wasim Okuba weiss jetzt zumindest, dass beide am Leben sind. Gesprochen hat er auch schon mit ihnen am Telefon. «Mein Sohn kann jetzt reden», flüstert er lächelnd und schluckt im gleichen Moment den Kloss in seinem Hals herunter. Doch damit ist die Odyssee noch nicht beendet. Ob es zu einer Familienzusammenführung in der Schweiz kommen wird, weiss er nicht. Beim weiteren Verlauf kann auch der Suchdienst nur bedingt Unterstützung bieten. «Unsere Aufgabe beschränkt sich auf die Wiederherstellung des Kontaktes», erklärt Windlin und verweist auf die Migrationsbehörden, die im weiteren Prozess entscheiden. So gibt es während der Dauer des Asylverfahrens kein Recht auf Familiennachzug. Anerkannte Flüchtlinge mit vorläufiger Aufnahme (F-Ausweis) können hingegen nach Genfer Flüchtlingskonvention nach dem Entscheid der vorläufigen Aufnahme ein entsprechendes Gesuch für Ehepartner und Kinder unter 18 Jahren stellen – unter der Bedingung, dass sie über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um den Lebensunterhalt für die ganze Familie zu bestreiten. Für Wasim Okuba bedeutet das: weiter warten. Er tut es geduldig, und soweit möglich, mit Zuversicht. Wenn da nicht auch der Bruder wäre. Von ihm hat er ebenfalls seit Monaten nichts gehört.
