Wie aus Ammanns Leuten Amish People wurden

Wie aus Ammanns Leuten Amish People wurden In der Schweiz über Jahrhunderte verfolgt und vertrieben, fand die täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft in den USA und Kanada eine neue Heimat.

Sie fallen auf, scheinen aus der Zeit gefallen: Amish People leben ohne Strom, ohne Autos, Fernseher oder Telefon. Ihre Kleidung erinnert an Gotthelfs Zeiten, ihr Auftreten an Szenen in Albert Ankers Bildern. Es ist nicht verwunderlich, dass sich besonders Hollywood immer wieder für dieses selbstgewählte, strenge Leben als Aussenseiter interessiert.

Ertränkt und enthauptet

Ihre Ursprünge liegen in der Schweizer Reformationsgeschichte des frühen 16. Jahrhunderts. Vor allem in den Städten trafen sich Männer und Frauen, die im Sinne der christlichen Urgemeinden eine persönliche Auffassung von Religion vertraten – eine aus eigener Überzeugung. Deshalb liessen sie sich auch erst im Erwachsenenalter taufen und widersetzten sich dem Ablegen von Eiden sowie dem bewaffneten Militärdienst. Das war nicht nur der noch neuen Staatskirche zu viel, sondern auch dem Staat. Beide Seiten verfolgten die besonders strengen Glaubenschwestern und  -brüder. Allein in Zürich und Bern sind für die Jahre von 1528 bis 1571 über vierzig Hinrichtungen durch Ertränken oder Enthaupten belegt.

Die Täufer und die Amische

Im Jahr 1690 reiste der Simmentaler Prediger Jakob Ammann durch die Region Thun und wohl bis in den Jura. Besonders im Elsass fand er viele Zuhörende. Allerorts besuchte er Täuferinnen und Täufer, um sie von seinen noch strengeren Ansichten zu überzeugen. Er propagierte die gänzliche Meidung derjenigen Gemeindemitglieder, die seinen Prinzipien nicht folgten. Diese Forderung nach dem kompletten Abbruch aller sozialen Verbindungen überzeugte längst nicht alle. Die Anhänger Ammanns, die späteren Amischen, übernahmen seine Ansichten, ein anderer Teil der Täufer verweigerte sich ihm.

Wie ihre Vorfahren gerieten auch die Amischen in Auseinandersetzung mit der Obrigkeit. Sie flohen immer weiter zu toleranteren Herrschern und verblieben dort, bis sie wiederum mit dem Gesetz in Konflikt kamen. Die letzte grosse Auswanderung von Amischen aus der Schweiz erfolgte im 19. Jahrhundert – wegen der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Ihr Weg führte sie bis nach Pennsylvania, wo sie bis heute ein Leben führen – fast wie zu Jakob Ammanns Zeiten.

Bekennende Aussenseiter

Diese archaische Lebensform ist nicht auf eine Integration in eine Gesellschaft ausgerichtet. Im Gegenteil, es ist diejenige von bekennenden Aussenseitern. Im Erwachsenenalter muss sich jede und jeder entscheiden, ob sie oder er in der Gemeinschaft als Amish leben – oder das Glück ausserhalb der Herkunftsfamilie finden will.

Text: Matthias Buschle

Aus der Zeit gefallen: Amish Man in Pennsylvania. Foto: Jean-Louis Atlan/Sygma/Corbis