«Wir müssen Ungleichheit in ihrer Vielfalt anerkennen»

Die Genderforscherin Jovita dos Santos Pinto arbeitet im Netzwerk Bla*Sh mit schwarzen Frauen an einem neuen Gesellschaftsverständnis.

Interview: Philipp Grünenfelder

MIX: Frau Pinto, was unterscheidet Bla*Sh von anderen Netzwerken wie etwa der internationalen BlackLivesMatter­ Bewegung?

Jovita dos Santos Pinto (JP): BlackLivesMatter ist in aller Munde, dabei geht oft die Vielfalt von schwarzen feministischen Organisationsformen – auch auf dem europäischen Kontinent – unter. Ein Vergleich mit ADEFRA in Deutschland, Mwasi in Frankreich oder etwa dem Treffpunkt Schwarze Frauen in Zürich passt eher: Wir wirken lokal und bemühen uns vor allem darum, eine Austauschplattform von und für schwarze Frauen zu sein. Unser Ziel ist es, uns gegenseitig kennenzulernen und zu stärken. Nichtsdestotrotz organisieren wir gelegentlich auch kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen zu Kinderbüchern, Diskussionsrunden oder Performances.

MIX: Zu dieser Arbeit gehört auch die Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus. Was erleben schwarze Frauen anders als schwarze Männer?

JP: Viele Erfahrungen teilen wir. Etwa, dass im Tram der Platz neben uns leer bleibt, dass jemand konsequent Hochdeutsch mit uns spricht, obwohl wir auf Schweizerdeutsch antworten, oder dass wir als übermässig sexuell dargestellt werden. Es gibt aber auch Unterschiede. Momentan wird oft über Racial Profiling gesprochen. Da wird meistens von kriminellen Männern ausgegangen. Schwarze Frauen sieht man im Vergleich eher als ungebildete Opfer. Wir gehen auch oft in feministischen und Gleichstellungsdiskussionen unter. Meiner Meinung nach wurde hier noch zu wenig darüber nachgedacht, was Frauen tatsächlich verbindet und was sie unterscheidet. Aufgrund von Rassismus sind nicht weisse Männer und Frauen beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt nochmal markant schlechter positioniert. Aber in Gleichstellungsstatistiken sieht man das nicht.

MIX: Erinnern Sie sich an Ihre erste diskriminierende oder rassistische Erfahrung?

JP: Nein, es gab kein sogenanntes Erweckungserlebnis, das war ein Bewusstwerdungsprozess.

MIX: Inwiefern hat Sie das Schwarzsein schon als Jugendliche geprägt?

JP: Durch meinen älteren Bruder kam ich früh in Berührung mit Vereinen und Aktionen von People of Colour, also nicht weissen Menschen. Mit 16 begann ich mich selbst aktiv zu engagieren. Etwa zur selben Zeit wechselte ich von einem Einwanderungsquartier aufs Gymnasium, wo ich die einzige schwarze Schülerin war. Deshalb waren diese Gruppierungen wesentlich für mich. Sie halfen mir meine Ausgrenzungserfahrung innerhalb von grösseren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen.

MIX: Ist es für Sie kein Dilemma, einerseits als selbstver­ständlich «schwarz» angesehen werden zu wollen und sich andererseits explizit als schwarze Frau hinstellen zu müssen? 

JP: Gar nicht. Wir müssen aufhören damit, so zu tun, als gäbe es ein Patentrezept für alle, und verstehen lernen, dass unsere Identitäten, Privilegien und Benachteiligungen mit Ungleichheiten, wie Sexismus, Rassismus oder Klassismus zu tun haben. Anstatt über diese Unterschiede hinwegzusehen, müssen wir Ungleichheit in ihrer Vielfalt anerkennen. Für mich ist das die Voraussetzung, um gesellschaftliche Benachteiligungen abzuschaffen.