Check den Flow

Wie oft habe ich sie schon über den Verfall der deutschen Sprache sprechen hören! Damn! Sie, die keine Ahnung haben, wie man bei uns zu Hause Gedichte schreibt. Sie, die viel zu wenig Rap hören. Sie, die Untertitel brauchen, wenn jemand im Fernsehen eine Variation ihrer Sprache spricht, sei es ein Bauer oder Migrant. Schon krass. Sie, die niemals Habibi oder Habibty genannt werden und wahrscheinlich nicht mal Malaka oder Moruk oder Jaan oder Hermana oder Bro. Die Opfer des zu strengen Deutschunterrichts. Der besagt, dass nur echt ist, was schon in Steine gemeisselt wurde.

Dabei kenn ich niemanden, der die Sprache absichtlich zerstört. Ich kenn nur Menschen, die die Sprache benutzen, manche wie einen Mähdrescher oder Rammbock, manche mehr wie einen Dosenöffner oder gar Schraubenzieher, eine Präzisionssäge, ein dreissigfaches Zoom. Zoooom – schon wieder ein Ausländer in meinem Satz.

Ich kann Deutsch. Auch «anständig». Was auch immer das heisst, und wenn es nur heisst, dass ich sehr gut so tun kann, als ob ich beweisen müsste, dass ich dazu gehöre. Am Telefon mit dem Amt, wenn ich deine Eltern kennenlerne, wenn ich mich ausweise. Aber es bereitet mir keine Freude, dir zu zeigen, dass ich Latein hatte, dass meine Mama Deutsche ist, dass ich gegen Integrationsdebatten lernte zu sprechen. Ich will so sprechen, dass du weisst, dass ich Rap mag und den Expressionismus. Ich will eine Sprache sprechen, die ein Stottern aushält und ein Inschallah versteht. Die Sprache der Frauen, der Kreativen, der Frustrierten, der Schimpfenden, der Faulen, der Jugendlichen, der Outsider, der Ausländer; eine Sprache, die sich ändert und morgen vielleicht schon uncool ist. Ich will, dass sich meine Enkelkinder schämen können, für das, was heute cool ist. (Sagt man heute überhaupt noch cool??) Eine Sprache, die keinen Angst vor Verfall hat. Denn verfallen kann nur, was keinen Flow hat. (Oder: panta rhei!)