Plötzlicher Rechtsdrall

Der Schweiz­-Afghane Kaiwan Nuri weiss, was es bedeutet, anders zu sein. Auch politisch geht der junge Mann selbstbewusst seinen eigenen Weg. Der entspricht nicht immer der Linie von Familie und Freunden.

Text: Philipp Grünenfelder

Leichtfüssig ist er unterwegs, doch was er sagt, ist sorgfältig formuliert. Kaiwan Nuri weiss, was er will, und setzt es auch in die Tat um. «Ich habe früh gelernt, etwas aus meinem Leben zu machen», sagt der 24-Jährige. Mit seinen fünf Geschwistern folgte er 1998 im Familiennachzug in die Schweiz. «Wir mussten Afghanistan verlassen, weil mein Vater von den Taliban politisch verfolgt wurde und es dort keine Zukunft für uns gab», erzählt er und schildert die lange Flucht in bildhaften Episoden. «Ich war allerdings noch klein und weiss manchmal nicht mehr so genau, was ich davon tatsächlich erlebt habe und welche Bilder dank Erzählungen meiner Fantasie entstammen», präzisiert er. Tatsache sei, dass es für die Familie anfänglich schwierig war, in der Schweiz anzukommen. In einer völlig anderen Welt mit neuen Normen und Gewohnheiten selbst im Alltäglichsten. «In Afghanistan hatten wir nur eine Sorte Kuhmilch und hier stand plötzlich ein Migros-Regal voll davon», kann er heute darüber schmunzeln. Überhaupt entpuppt er sich als positiver Geist, scheint lösungsorientiert, denkt vernetzt. Das habe ihn über die KV-Lehre und die Berufsmatura auch zu seinem Beruf als IT-Projektleiter geführt – und in die Politik.

«Wir sind eine leidenschaftlich debattierende Familie. Von klein auf habe ich mitbekommen, wie man Argumente gegeneinander ausspielt», erklärt er und unterstreicht, dass man sich dabei aus Überzeugung auf linke Positionen einigte. «Bis ich vor ein paar Jahren eine Stelle in Zug bekam und dort nach Möglichkeiten suchte, neue Bekanntschaften zu schliessen», sagt er. Es sei für ihn naheliegend gewesen, das Glück in der Politik zu suchen. «Doch zum ersten Mal in meinem Leben habe ich meinen inneren Kompass wirklich gerichtet und mir alle möglichen Parteiprogramme angeschaut», blickt der junge Mann zurück. Am meisten wiedergefunden habe er sich in demjenigen der Freisinnigen, deren Jungpartei er schliesslich beitrat. Dass
er damit in der Familie auf wenig Gegenliebe stiess, störte ihn nicht. «Damit kann ich leben, denn schliesslich bin ich ja nicht ganz rechts gelandet. Das könnte ich mit meiner Herkunft und meinen eigenen Erfahrungen auch gar nicht vereinbaren», meint er. Überhaupt seien ihm ideologische Standpunkte zuwider. Liberale und freisinnige Positionen sind sein Elixier. Die Familie und Freunde nehmen es mittlerweile mit Humor. «Letzthin bemerkte einer meiner Freunde, dass ich mich auf Facebook mit einem Jung-SVP-ler befreundete. ‹Oha, gab es einen Rechtsrutsch, Kaiwan!?›, zog er mich damit auf.» Dabei sei es doch normal, dass man sich in der aktiven Politik über Parteigrenzen hinaus kenne. Heute lebt Kaiwan Nuri wieder in der Region Zürich und engagiert sich im kantonalen Vorstand der Jungfreisinnigen und in seiner Ortssektion der FDP.

Mit diesem Engagement schert er nicht nur in der Familie aus, sondern unterscheidet sich auch von vielen jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Diese stufen sich gemäss der Eidgenössischen Jugendbefragung nämlich politisch häufiger links ein als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. «Ich glaube, viele davon reflektieren ihre Haltung und Lebenseinstellung gar nicht wirklich und folgen einfach ihrer Peergroup. Schliesslich heisst es ja, nur linke Parteien würden sich für Anliegen von Migrantinnen und Migranten einsetzen; also wähle man sie auch.» Und wie sieht er seine Zukunft? «Jetzt wollen Sie sicher wissen, ob ich Bundesrat werden will», lacht er und liefert die Antwort gleich dazu: «Ich fühle mich in der Lokalpolitik sehr wohl. Das ist spannend genug und herausfordernd.» Man nimmt es ihm ab – und wäre trotzdem nicht überrascht, würde er bald weitere Ziele anstreben.

42% der jungen Erwach­senen mit Migrations­hintergrund stufen sich politisch links ein.