Bürgerschreck Haartolle

Transnationale Jugendbewegungen gibt es nicht erst seit «Fridays for Future». Schon ab Mitte des 19. Jahr­hunderts engagierten sich junge Menschen gemeinsam und über nationale Grenzen hinweg.

Text: Philipp Grünenfelder

Hartnäckig protestieren sie gegen die Trägheit der Politik und diejenige von Erwachsenen überhaupt. Seit Greta Thunberg an einem Freitag im August 2018 den Klimastreik ausgerufen hat, folgten ihr Hunderttausende. Wie ein Lauffeuer organisierten sich Schüler und Studentinnen über WhatsApp und das Internet zur globalen Jugendbewegung. Dass junge Menschen keine Grenzen kennen, wenn sie gemeinsame Ziele verfolgen, ist allerdings kein neues Phänomen. Seit ihren Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Verbot von Kinderarbeit funktionieren Jugendbewegungen transnational, haben verbindende Idole und nutzen bewusst die neusten Massenmedien. In lebhaftester Erinnerung sind die Proteste ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Insbesondere diejenige der 1960er- und 1980er-Jahre.

Der Steilpass dafür kam aus den 1950ern von den Halbstarken. In Jeans und Lederjacken, mit Nietengürteln oder Haartollen gaben sie den Bürgerschreck. Ihr gemeinsames Idol: Elvis Presley. Ihr Medium: möglichst lauter Rock’n’Roll aus dem Transistorradio. Das verband sie genauso mit den Laederjakken in Dänemark, den Vitelloni in Italien oder den Blousons noirs in Frankreich wie das Töfflifahren und die Liebe zu neuen Kinohelden. Insbesondere die Filme «... denn sie wissen nicht, was sie tun» mit James Dean und «Der Wilde» mit Marlon Brando waren stilbildend.

Eine weibliche Identifikationsfigur wie Greta Thunberg? Leider Fehlanzeige. Trotz aller Auflehnung gegen das spiessbürgerliche Leben ihrer Eltern wurden die mitwirkenden Mädchen in den Rock’n’Roll- und Halbstarkenkulturen eher herabstufender und manchmal auch sexistisch bezeichnet und behandelt. «Moped-Bräute», «Stammzähne» oder «Sozius-Miezen» waren gängige Bezeichnungen. Und Politik? Ebenfalls noch Fehlanzeige. Die verband mit dem Engagement gegen den Vietnamkrieg oder die Atomenergie aber nur wenige Jahre später wieder hunderttausende Jugendliche. Mit bekannter Fortsetzung bis heute.