Voll dabei mit 18 Jahren

Junge Erwachsene, die einst als unbegleitete minderjährige Asylsuchende in die Schweiz kamen, stehen mit dem Erreichen der Volljährigkeit vor grossen Herausforderungen. Das Projekt «Voll dabei» der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not will zu ihrer Selbstermächtigung beitragen.

Text: Samanta Siegfried

Im Jahr 2016 erreichten rund 2000 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) die Schweiz. Wie Abdelrahman aus Libyen und Buba aus Gambia. Sie haben sich in Libyen kennengelernt und brachen gemeinsam nach Europa auf. Buba wollte weiter nach Grossbritannien zu seiner Tante, wurde aber mit Abdelrahman in der Schweiz aufgegriffen und registriert. Zusammen kamen sie in ein Ankunftszentrum in Huttwil, Kanton Bern, von wo aus sich die zuständige Stelle umfassend um ihre Betreuung kümmerte: um die Gesundheitsversorgung, einen Wohnplatz, Sprachkurse oder Freizeitaktivitäten.

Anschluss finden

Seit letztem Winter sind die beiden volljährig – und damit auf sich allein gestellt. Mit dem 18. Geburtstag werden UMA zu Erwachsenen. «Die Asylsuchenden müssen sich auf einmal selbst überlegen: Wie komme ich zurecht?», sagt Dögg Sigmarsdottir von der Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not. Mit dem Pilotprojekt «Voll dabei» will sie junge Erwachsene, die einst als UMA in die Schweiz kamen, dabei unterstützen, den Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Es ist das einzige Angebot für diese Zielgruppe im Kanton. Der Pilot läuft von 2017 bis 2019 und ist in drei Zyklen angelegt, die jeweils in acht Workshops unterteilt sind. Gerade ist die Endphase des zweiten Zyklus angelaufen, in dem insgesamt 14 junge Erwachsene dabei sind, darunter auch Abdelrahman und Buba. Sie haben in einer Vorschule vom Projekt erfahren. Auf die Frage, warum sie mitmachen, antworten beide: «Wir wollen lernen, wie wir uns integrieren können.» Ein Wunsch, den Projektleiterin Sigmarsdottir bisher bei allen Teilnehmenden als erste Priorität erkannte. «Sie wollen in Kontakt kommen mit der Schweizer Bevölkerung und nicht in einer Parallelgesellschaft leben.»

Teilhabemöglichkeiten schaffen

Das Projekt ist auf den Pfeilern Demokratie, Gleichberechtigung und Teilhabe aufgebaut. Um dieses Fundament legen die Teilnehmenden die Themen selber fest. «Sie wissen besser als wir, was sie brauchen», so Sigmarsdottir. Dieses Mal haben sie sich für die Schwerpunkte Religion, Arbeit und Schule sowie Sport und Gesundheit entschieden. Dabei haben sie beispielsweise einen Rundgang im Haus der Religionen geplant, bei dem sie sich mit einem Imam und einer Seelsorgerin darüber austauschten, ob und in welcher Form sie ihre Religion in der Schweiz ausleben können. In einem anderen Workshop treffen sie sich mit Politikern und Fachpersonen aus dem Asylbereich, um ihre jeweiligen Perspektiven in der Schweiz zu besprechen. Das interessiert besonders auch Abdelrahman. Mit seinem N-Ausweis ist es ihm beinahe unmöglich, eine Lehrstelle anzutreten. «Wie kann ich mich integrieren, während ich auf meinen Asylentscheid warte?», fragt er sich. Als Berater sind oft auch Peers anwesend – Personen mit ähnlichem Hintergrund, die von ihren Erfahrungen berichten können. 

«Voll dabei» will nicht nur partizipativ, sondern auch lösungsorientiert arbeiten. So lernen die jungen Erwachsenen etwa, wie man selbst ein Projekt auf die Beine stellen kann, oder gehen im nahen Umfeld ihren eigenen Interessen nach. Zwei der Teilnehmer wollten dabei wissen, wie sie einem Fussballverein beitreten können – und haben beim lokalen Klub nachgefragt. Aus diesen Recherchen sind Dokumentarvideos entstanden, die wiederum andere Jugendliche inspirieren können. «Es sind Übungen, die dazu beitragen können, ihren Alltag als junge Erwachsene zu bestreiten», resümiert Sigmarsdottir. Ihre Ergebnisse werden in verschiedener Form am 24. November in der Stube des PROGR – Zentrum für Kulturproduktion in Bern präsentiert.

volldabei.ch

In Workshops nach der neuen Erwachsenenrolle suchen. Foto: © Voll dabei
In Workshops nach der neuen Erwachsenenrolle suchen. Foto: © Voll dabei