In bester Gesellschaft

Die Partizipationsförderung hat im Integrationsbereich einen hohen Stellenwert. Zu Recht, denn die Teilhabe am sozialen und politischen Leben stärkt den Zusammenhalt im Grossen wie im Kleinen.

Text: Güvengül Köz Brown

«Woher hast du deine Intelligenz?», fragt eine Klassenkameradin von Noureddine Wenger als er mit ihr ins Gymnasium kommt. Die Akademikertochter kann sich nicht vorstellen, dass er als Sohn eines Schweizer Handwerkers und einer marokkanischen Hausfrau gute Noten schreiben kann. Die Frage habe ihn jahrelang beschäftigt, gibt der heute 29-jährige Soziologiestudent zu. «Intelligenz ist ein problematisches Konzept. Früher hatte ich das Gefühl, entweder man ist intelligent oder man ist es nicht – so als wäre es allein etwas Angeborenes. Heute weiss ich, dass der Bildungserfolg und die schulischen Leistungen auch stark von der Erziehung und vom sozialen Milieu abhängig sind.»

Auch wenn Noureddine Wenger in der akademischen Welt inzwischen Fuss gefasst hat, ist es ihm bewusst, dass er darin mit seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen nach wie vor zu einer Minderheit gehört. Auch Studien belegen, dass das Schweizer Bildungssystem die Reproduktion von Eliten begünstigt – etwa jene von der emeritierten Pädagogikprofessorin Margrit Stamm. Demnach sind Kinder aus bildungsfernen und ökonomisch schlechter gestellten Familien auf Gymnasial- und Hochschulstufe seit Jahrzehnten stark untervertreten. Schülerinnen und Schüler ohne Migrationserfahrung sind genauso davon betroffen wie jene mit Migrationserfahrung. Letztere haben es im System besonders schwer – u. a. aufgrund mangelhafter Sprachkompetenz. Dabei ist Bildung in vielerlei Hinsicht der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe und somit entscheidend für die individuellen Lebenschancen: Sie ermöglicht bessere Jobs und damit ein höheres Einkommen, hat aber auch Einfluss auf die Lebenserwartung, die Gesundheit und die soziale Integration.

Zusammenhalt als Stärke erkennen

Die Kenntnis der Landessprache gilt nicht nur als Grundvoraussetzung für den Schulerfolg und die Chancengleichheit, sondern sei auch der entscheidende Schlüssel für gelingende Integration – so die gängige Meinung. «Selbstverständlich ist die Fähigkeit, eine lokale Sprache zu sprechen und zu verstehen, der erste Integrationsschritt – für Kinder mit Migrationserfahrung genauso wie für Erwachsene», unterstreicht der promovierte Jurist und Philosoph Johan Rochel. «Das alleine reicht aber nicht aus, um das Konzept der Partizipation auf alle Lebensbereiche auszuweiten.» Denn Partizipation umfasse ebenso den diskriminierungsfreien Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Wohnungen, zu Vereinen oder zu wichtigen Ämtern. «Auch wenn die 100-prozentige Chancengleichheit in einer Gesellschaft eine Utopie bleiben wird, müssen wir alles Erdenkliche unternehmen, um Ungleichbehandlungen und strukturelle Barrieren abzubauen. Nur so kann eine Gesellschaft näher zueinanderkommen und sich gemeinsam für ein besseres Miteinander einsetzen.» Dass es funktionieren kann, würden insbesondere Sportvereine wie Fussballclubs beweisen. Sie seien regelrechte Integrationsmaschinen. «Auf dem Rasen sieht man, dass Vielfalt eine Stärke ist. Diese Stärke müssen wir auf unseren Alltag übertragen», so Rochel.

Neben der gegenseitigen Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, bedinge Partizipation vor allem ein Informationssystem, das es auch Migrantinnen und Migranten erlaube, ihre Kompetenzen zu stärken. «Wissen macht Menschen erst handlungsfähig», betont Rochel, der derzeit den Weiterbildungskurs «Ethik und Migration» an der Universität Zürich leitet. Deshalb sei es die Pflicht des Staates, ohne Wenn und Aber in die Vermittlung von Grundwissen zu investieren. Damit gerade Bevölkerungsgruppen ohne Zugang zu Ressourcen wie Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Politik wissen, welche Mitgestaltungsmöglichkeiten sie überhaupt haben. «Es geht um die Ermächtigung aller. Selbstverständlich kostet das Geld, aber diese Investitionen lohnen sich längerfristig», ist Rochel überzeugt. Was die Menschen anschliessend mit ihrer angeeigneten Kompetenz machen, sprich, ob sie sich tatsächlich ehrenamtlich oder politisch engagieren, sei ihnen überlassen. «Man kann von der ausländischen Bevölkerung mit unseren liberalen Werten nicht mehr verlangen, als von der einheimischen: Man darf, muss aber nicht», gibt er zu bedenken.

Möglichkeiten gezielt aufzeigen

Die feministische Friedensorganisation cfd setzt auf diese Aufklärung und den Austausch jenseits von Stereotypen. Sie bietet in Bern von Migrantinnen entwickelte Stadtrundgänge an, in deren Rahmen Orte der Teilhabe gezeigt werden. «Damit eröffnen wir einen aktiven Dialog, der auf eine Wir-Gesellschaft hinwirkt. Die Frauen zeigen dabei selbst auf, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation liegen, wie unsere Gesellschaft funktioniert und wie man Zugänge zu ihr eröffnet», sagt Carolina Hutmacher, stellvertretende Projektverantwortliche. Der Rundgang zum Thema Bundeshaus veranschauliche beispielsweise, dass Frauen mit Migrationshintergrund in der Politik stark untervertreten sind. Auch der Verein Mitstimme setzt sich dafür ein, dass Migrantinnen und Migranten sicht- und hörbar werden. «Zu unseren Kernaktivitäten zählt die Durchführung einer Migrantensession, in deren Rahmen wir den Teilnehmenden – mit und ohne Stimmrecht – aus den Kantonen Basel-Stadt und -Landschaft die Gelegenheit geben, politische Dossiers zu debattieren und konkrete Anliegen sowie Lösungsansätze zu formulieren», erklärt die Vereinspräsidentin Tatiana Vieira. «Im Vorfeld bieten wir zudem Weiterbildungskurse sowie Mentoringprogramme mit aktuellen Mitgliedern des Grossen Rates bzw. des Landrates an. Dadurch erfahren die Menschen mehr über das politische System der Schweiz und dessen Abläufe.» Längerfristiges Ziel sei die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Bürgerinnen und Bürger ohne Schweizer Pass. «Dass dieses nach wie vor an die Staatsangehörigkeit geknüpft ist und somit an die teure, zeitaufwendige und für viele als Affront wahrgenommene Einbürgerung, ist ein Skandal», gibt Rochel unmissverständlich zu verstehen und liefert gleich die Argumente dazu: «Nichtschweizer müssen sich integrieren, Gesetze einhalten, Steuern und Sozialversicherungen bezahlen. Aber wenn es um politische Vorlagen geht, haben sie nichts zu sagen – obwohl sie von den Entscheiden genauso betroffen sind.»

(Eigen-)Verantwortung übernehmen

In der ganzen Diskussion um Grenzen und Möglichkeiten der Partizipation sei es wichtig, Menschen mit Migrationshintergrund nicht automatisch als Hilfsbedürftige abzustempeln, denen man permanent unter die Arme greifen müsse, meint die Psychologin und Basler Bürgergemeinderätin Canan Özden dezidiert. «Die Zusammensetzung der Migrationsbevölkerung ist sehr heterogen, und entsprechend unterschiedlich sind die Bedürfnisse. Ich selbst möchte beispielsweise nicht, dass man mich als Opfer eines vermeintlich rassistischen Systems wahrnimmt», so die türkischstämmige Politikerin. «Ich bin Teil dieser Gesellschaft, und auch mir stehen viele Möglichkeiten offen, in diesem Land etwas Bedeutendes zu erreichen», sagt Özden selbstbewusst. Es bedinge allerdings die Bereitschaft, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich mit gesellschaftlichen Themen aktiv auseinanderzusetzen. «Und manchmal auch Mut, Hoffnung und Offenheit, sich für eine verantwortungsvolle Aufgabe zu engagieren – sei das in einer politischen Partei, in der Nachbarschaft oder in einem gemeinnützigen Verein.»

Freiwilligenarbeit hat in der Schweiz eine lange Tradition. Ergänzend zum Engagement des Staates und von privaten Institutionen übernehmen Menschen, die sich ehrenamtlich in Vereinen und anderen Organisationen engagieren, wichtige Aufgaben, die den zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt und die Verantwortung füreinander stärken. Sie tun dies, indem sie etwa in Sportvereinen Kinder trainieren, Geflüchteten Deutsch unterrichten oder sich im Gemeinderat engagieren. Zwar existieren praktisch keine repräsentativen Erhebungen über das freiwillige Engagement von Migrantinnen und Migranten, aber die vorhandenen Informationen zeigen auf, dass sie sich sehr wohl engagieren. «Gerade die Arbeit von Migrantenvereinen darf nicht unterschätzt werden», betont Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG, die den «Freiwilligen-Monitor Schweiz» herausgibt. «Migrantenvereine bieten neu Zugewanderten die Möglichkeit, sich mit bereits länger hier lebenden und integrierten Personen zu vernetzen und sich über den Alltag in der Schweiz zu informieren.» Genauso wertvolle Arbeit leisten hier orts- und sprachkundige Schlüsselpersonen mit Migrationshintergrund. In ihrem privaten Umfeld vereinfachen sie ihren Landsleuten den Alltag, indem sie ihnen beispielsweise bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Elterngesprächen zur Seite stehen. Damit eröffnen sie den betroffenen Personen neue Handlungsmöglichkeiten und beschleunigen deren Integrationsprozess. Die weitverbreitete These, dass sich Personen ohne Schweizer Pass oder ohne Niederlassungsbewilligung weniger als Schweizer Bürgerinnen und Bürger freiwillig engagieren würden, sei deshalb mit Vorsicht zu geniessen. «Politischer Status und zivilgesellschaftliches Engagement verhalten sich wie Ei und Huhn. Sie begünstigen sich gegenseitig. Das spricht zweifellos für die Förderung der politischen Partizipation von Bewohnerinnen und Bewohnern ohne Schweizer Pass. Denn diese können sich heute in manchen Bereichen wie Parteien oder in öffentlichen Ämtern wie Gemeindekommissionen, Schulpflege oder Feuerwehr nicht oder nur beschränkt engagieren. Sowohl Milizorgane als auch Vereine der Zivilgesellschaft sollten sich stärker für Personen mit einem Migrationshintergrund öffnen», so Niederberger. Nicht nur, weil Freiwilligenarbeit für das Zusammenleben relevant ist, sondern weil sie auch einen positiven Einfluss auf den Integrationsprozess der ausländischen Bevölkerung hat. «Wer mitmacht, lernt dabei Aspekte des Zusammenlebens kennen, ist informiert und baut Netzwerke auf», zählt Walter Leimgruber, Leiter des Seminars für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Universität Basel, die Vorteile auf.

Neue Beteiligungsformen leben

Die Bereitschaft, sich in starren Strukturen ehrenamtlich zu engagieren, nimmt generell und unabhängig von der Herkunft ab. Einer der Gründe dafür ist die fortschreitende Urbanisierung und die damit verbundene Mobilität. «Die meisten Menschen leben und arbeiten nicht mehr am gleichen Ort. Durch diese Mehrbelastung haben sie kaum noch Zeit, sich in der Freizeit für das Gemeinwohl einzusetzen. In den Vordergrund rücken dafür Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie», so Leimgruber. Komme hinzu, dass viele ein Engagement als unnötig erachten würden, weil die Dinge in der Schweiz aus ihrer Sicht gut oder zumindest zufriedenstellend funktionieren würden. Die im Mai dieses Jahres veröffentlichte Studie «Die neuen Freiwilligen – die Zukunft zivilgesellschaftlicher Partizipation» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts ergründet u. a. die Ursachen für diese Entwicklung und beschreibt die zentralen Rahmenbedingungen für ein zukünftiges zivilgesellschaftliches Engagement. Grund in Pessimismus zu verfallen, gebe es nicht. Die Teilnahme an einer Tauschbörse, der Projektchor mit Flüchtlingen, das Mithelfen in einem Gemeinschaftsgarten oder das Verfassen von Wikipedia-Einträgen seien genauso Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements, so die Autorinnen und Autoren. Die neuen Freiwilligen wollen nicht mehr nur ausführen und Gratisarbeit leisten, sondern mitdenken und mitbestimmen können. Dabei helfe auch die Digitalisierung, die den Austausch mit den Interessierten vereinfache. Im neu entstandenen Kleinbasler Quartier Erlenmatt, in dem über 1000 Menschen leben – davon viele mit Migrationshintergrund –, ist die digitale Nachbarschaftshilfe bereits Realität. Wer hier einzieht, kann sich die «erlenapp» herunterladen und über das Smartphone mit anderen Bewohnerinnen und Bewohner in Kontakt treten. Zum Beispiel zum Organisieren eines Kinderhütedienstes und von Fahrgemeinschaften oder zum Ausleihen von Haushaltsgeräten.

Gemeinschaftsexperimente wagen

Mit der Frage, wie die Möglichkeiten des Zusammenlebens in einer Gesellschaft verbessert werden können, beschäftigt sich auch die 2015 in New York lancierte «Urban Citizenship»-Bewegung. Deren Verfechterinnen und Verfechter streben den offenen, demokratischen und partizipativen Zugang zu Ressourcen und sozialen Rechten für alle Stadtbewohnerinnen und -bewohner an – unabhängig von deren Aufenthaltsstatus. Das ist insofern von grosser Bedeutung, als die unterschiedlichen Aufenthaltsbewilligungen ungleichen rechtlichen Schutz bedeuten: je weniger weitreichend der Aufenthaltsstatus, desto eingeschränkter die Grundrechte wie Bewegungsfreiheit, soziale Sicherheit und Zugang zum Arbeitsmarkt. Ähnliche Bestrebungen gibt es auch in Schweizer Städten. In Zürich etwa debattiert man trotz negativem Entscheid des Stadtrats weiter darüber, ob die «Züri City Card», eine Art städtische Identitätskarte für alle Einwohnerinnen und Einwohner, eingeführt werden soll. Davon profitieren würden insbesondere Sans-Papiers (siehe Interview auf Seite 8), beispielsweise durch vergünstigten Zugang zu Kulturinstitutionen, Sportangeboten und Bibliotheken. In Genf ist man diesbezüglich bereits einen Schritt weiter: Im Rahmen des Pilotprojekts Papyrus haben Anfang 2018 rund 1100 Sans-Papiers eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Dass solche Debatten zuerst in Städten stattfinden, überrascht Johan Rochel nicht. Die urbanen Zentren seien wie grosse Labors für eine konstruktive und pragmatische Auseinandersetzung mit Migrationsthemen. «Die Erprobung solcher mutigen und innovativen Massnahmen ist wichtig, denn die Schweiz kann nur gemeinsam mit den Zugewanderten noch besser werden», sagt Rochel überzeugt.

Chancen kreieren – und packen.  Foto: © Claudia Link.
In bester Gesellschaft. Foto: © Claudia Link.