«Die Schweiz neu definieren»

Die Kuratorin Katharina Morawek engagiert sich für ein neues Selbstverständnis in der postmigrantischen Einwanderungsgesellschaft. Sie fordert u. a. die Demokratisierung der Demokratie.

Interview: Güvengül Köz Brown

MIX: Frau Morawek, Sie sind Vorstandsmitglied am Institut Neue Schweiz (INES), das sich als postmigrantischer Think und Act Tank definiert. Was muss man sich darunter vorstellen?

Katharina Morawek (KM): Unsere Gesellschaft und unsere Leben sind von Migration geprägt. In den öffentlichen Debatten wird sie dennoch oft als Problem dargestellt. Die Haltung: «Hier sind wir, dort sind die anderen, die wir integrieren müssen», hat nichts mehr mit der Alltagsrealität vieler Menschen zu tun, die z.B. bereits in dritter oder vierter Generation in der Schweiz leben. Genauso paradox ist, dass wir in Vielfalt leben, jedoch ohne, dass sich diese Situation institutionell abbildet: In den Entscheidungspositionen, den Redaktionen, den Lehrinhalten, den Geschichten und Bildern, die sich die Schweiz über sich selbst erzählt, ist die gesellschaftliche Vielfalt stark unterrepräsentiert. Und dann wäre noch das berühmte Viertel der Bevölkerung, das vom politischen Stimmrecht mangels Bürgerrecht einfach ausgeschlossen ist. Das zeigt, welche Defizite unsere Demokratie aufweist. INES gibt all diesen Themen ein Zuhause. Nicht zuletzt deshalb, weil es aus unserer Sicht einen wirklichen Neuanfang braucht, wenn es darum geht, das Gespräch über unsere gemeinsame demokratische Zukunft im Zeitalter von Migration und Globalisierung zu führen.

MIX: Mit welchen Massnahmen wollen Sie diesen Neuanfang erreichen?

KM: Wir haben mit dem Aufbau des Instituts vor zwei Jahren begonnen. Ohne langfristigen Ansatz kann man ein solches Projekt nicht voranbringen – das war uns von Beginn an klar. Entsprechend haben wir uns zunächst auf die Bildung einer Community konzentriert. Inzwischen verfügen wir über ein Netzwerk aus Protagonistinnen und Protagonisten, die bisher viel zu wenig öffentlich vorkamen, aber den erwähnten Neuanfang verkörpern und auf den Weg bringen können. Zu ihnen zählen Fachpersonen aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Recht, Bildung, Kultur, Wirtschaftspolitik und Medien. Parallel dazu entwickeln wir Analysen, die einerseits das Verständnis für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft stärken und andererseits Wege zu einer Transformation aufzeigen. Mit unseren Expertisen wollen wir die Schweiz sozusagen ihrer eigenen Realität ein Stück näherbringen.

MIX: Können Sie ein Beispiel geben?

KM: Wir bieten professionelle Beratungsleistungen und Prozessbegleitungen an, etwa für Institutionen, die sich in Bezug auf Fragen der Einwanderungsgesellschaft öffnen und weiterentwickeln wollen. In der Kunst- und Kulturförderung sieht man beispielsweise oft, dass Künstlerinnen und Künstler mit Migrationserfahrungen an soziokulturelle Förderprogramme oder einen Sondertopf für «Migrantenkunst» weiterverwiesen werden. Solche strukturellen Mechanismen zeigen einmal mehr das Denken in «wir» und «sie» – werden aber oft gar nicht bewusst wahrgenommen. Dabei sind Geschichten über Rassismus, plurale Lebenswelten oder Mehrsprachigkeit äusserst relevante Kernthemen unserer Gesellschaft. Entsprechend wollen wir die Auseinandersetzung mit «Kultur» im Zeitalter einer globalisierten Welt neu definieren und mitgestalten. Fest steht: Ohne Bewegung, Migration und permanente gesellschaftliche Veränderung gäbe es so etwas wie «Kultur» gar nicht.

MIX: Ist Migrationserfahrung eine Voraussetzung, um sich bei INES zu engagieren?

KM: INES fragt nach der Haltung, nicht nach der Herkunft. Zudem grenzt es heute an Absurdität, zwischen den «richtigen» Schweizerinnen und Schweizern und solchen mit Migrationshintergrund oder mit doppelter Staatsbürgerschaft klar unterscheiden zu wollen. Nicht alle, die am eigenen Leib Rassismus erleben, sind selbst in die Schweiz migriert. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass nicht alle, die hier leben, aber in einem anderen Land geboren sind, im gleichen Mass Rassismus erleben. Konkret heisst das, dass ich als weisse Österreicherin, die seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, im Alltag sicherlich weniger Diskriminierungserfahrungen mache als eine Afroschweizerin, die hier geboren und aufgewachsen ist. Mit INES wollen wir über die trennenden Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung sprechen, aber wir wollen auch anerkennen, dass eine saubere Trennung nicht so einfach durchzuziehen ist.

MIX: In ihrer früheren Tätigkeit als Kuratorin der Shedhalle in Zürich haben Sie sich mit Möglichkeiten der Teilhabe intensiv auseinandergesetzt. Mit welchen Erfahrungen sind Sie dort weg?

KM: Ich wollte die Shedhalle, die u. a. mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, stärker mit relevanten gesellschaftspolitischen Herausforderungen in Beziehung bringen. Daraus entstand auch der Wunsch, Ideen zu entwickeln, die die Demokratisierung der Schweizer Demokratie vorantreiben und eine tatsächliche Transformation bewirken können. Die zentrale Frage war dabei: Wie kann die rechtliche, politische, soziale und kulturelle Teilhabe sämtlicher Menschen in einer Stadt ausgeweitet werden? Mit vielen Fachpersonen aus Wissenschaft, Kunst, Recht, Zivilgesellschaft, ehemaligen Sans-Papiers und politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern haben wir uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Daraus ist schliesslich die Initiative für eine Stadtbürgerschaft in Zürich und Bern entstanden. In der Bundeshauptstadt hat es das Konzept «Urban Citizenship» und eine konkrete Umsetzung, nämlich eine Stadtbürgerschaftskarte (City Card), immerhin bis ins Regierungsprogramm geschafft.

MIX: Welches Konzept steckt hinter der Urban Citizenship und der City Card?

KM: Citizenship bzw. Citoyenneté bedeutet, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt oder auch eines Landes, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit, die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Das heisst: Auch sie haben das Recht, mitzureden, mitzuentscheiden und die Gegenwart sowie die Zukunft der Stadt mitzugestalten, denn es ist auch ihre Stadt, ihre Gesellschaft, ihr Land. Mit der City Card wiederum würde eine Stadt ihren Einwohnerinnen und Einwohnern – unabhängig vom Aufenthaltsstatus und von der Herkunft – in gewissen Bereichen die gleichen Rechte zusprechen. In anderen Worten: Gerade auch Sans-Papiers die Möglichkeit bieten, sich auf den Strassen sicher zu bewegen, ohne dass eine zufällige Kontrolle im Tram oder im Strassenverkehr zu einer Ausschaffung führt.

MIX: In Zürich hat das Projekt der City Card öffentlich viele Wellen geschlagen, insbesondere weil die Kritik kam, man wolle durch die Hintertür Sans-Papiers legalisieren. Ging es Ihnen tatsächlich darum?

KM: Der Stadtrat hat sich Mitte September inzwischen gegen die Einführung der Züri City Card ausgesprochen. Das Projekt ist aber auch als Reaktion darauf zu sehen, dass auf der Ebene des Bundes und des Kantons Zürich alle Bemühungen um eine Regulierung langjährig anwesender und sogenannt «gut integrierter» Sans-Papiers gescheitert sind. Auf Bundes- und Kantonsebene verschliesst die Politik schlicht die Augen vor den berechtigten Interessen dieser zahlenmässig bedeutenden Personengruppe. Vor diesem Hintergrund ist auch der Handlungsbedarf auf der Ebene der Stadt Zürich ausgewiesen. Und ganz allgemein gesehen: Ohne entsprechende Nachfrage gäbe es keine Arbeitsmigration. Diese Arbeitskräfte haben aber jeweils weniger bis gar keine sozialen Rechte. Dass hier offensichtliche Ungerechtigkeiten und Ausbeutung stattfinden, bestreitet fast niemand, auch nicht in der Politik.

MIX: Wagen wir einen Blick die Zukunft. Wie sieht die nach INES aus?

KM: Die Zukunft lässt sich nicht aufhalten. Für so viele Jugendliche in der Schweiz ist der Umgang mit Mehrfachzugehörigkeit heute eine Selbstverständlichkeit. Da sind die Ideen von INES längst verkörpert. Und wenn man sieht, wie sich die Doppelbürger in der Schweizer Fussballnationalmannschaft selbstbewusst und kompetent in migrationspolitische Debatten einbringen, zeigt, dass sich die Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte gelohnt haben.

institutneueschweiz.ch

zuericitycard.ch

Kuratorin Katharina Morawek. Foto: © Claudia Link
Kuratorin Katharina Morawek. Foto: © Claudia Link