Auf Tuchfühlung mit der Verantwortung

Drei Menschen gehen voran und engagieren sich für ein gutes Zusammenleben. Auf unterschiedliche Weise sind sie damit auch Vorbilder in Sachen Partizipation.

Texte: Güvengül Köz Brown und Philipp Grünenfelder 
Fotos: Donata Ettlin


Nemer Jnidi.

Kurdische Kultur frei senden

Nemer Jnidi, 39, freier Redaktor Radio X, Basel

«Kurz bevor der Krieg in Syrien ausbrach, habe ich meine Heimat aus politischen Gründen verlassen. Heimat – das klingt in den Ohren eines Kurden ein bisschen seltsam, sind wir doch weltweit das grösste Volk ohne eigenen Staat. Dass ich heute eine Radiosendung in kurdischer Sprache mache, grenzt fast an ein Wunder. Ich kann am Mikrofon ohne Angst meine Meinung zum Ausdruck bringen, meine Muttersprache pflegen und beides gleichzeitig anderen Kurdinnen und Kurden in der Schweiz näherbringen. Mir ist die sprachliche Identität sehr wichtig, denn sie ist das, was uns Kurden verbindet und nicht vergessen werden darf – egal wo wir leben. Selbstverständlich geht es in unserer Sendung, die Hêvî heisst, was Hoffnung bedeutet, auch um die Schweiz. Sie ist unser neues Zuhause, unsere neue Heimat. Hier bin ich nicht mehr ein Mensch dritter Klasse. Hier kann ich Verantwortung übernehmen und habe Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln – etwa durch meine Lehre als Küchenhilfe, die ich derzeit mache.»


Monika Afonso

Eigene positive Erfahrungen weitergeben

Monika Afonso, 45, Aktuarin Integrationskommission, Pratteln

«Mein Name erweckt den Eindruck, ich sei Südeuropäerin. Tatsächlich bin ich mit meinen Eltern als 10-Jährige aus dem kommunistischen Ungarn in die Schweiz geflüchtet. Mein Ehemann stammt aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola. Ich weiss also mehrfach, was es heisst, Teil einer neuen Gesellschaft zu werden. Auf diesem Weg war ich selbstverständlich auch Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt, aber in entscheidenden Momenten geriet ich immer wieder an gute Menschen. Diese positiven Erfahrungen bewogen mich, heute selber einen Beitrag für das gute Zusammenleben zu leisten. Nach dem Ethnologiestudium begann ich im Asylbereich. Mittlerweile engagiere ich mich neben der Arbeit in der Abteilung Gesundheit/Soziales der Gemeinde Pratteln in deren Integrationskommission. Das breit zusammengesetzte Gremium berät den Gemeinderat und sensibilisiert die Verwaltung hinsichtlich Diversität. Überall kann es mangels Erfahrung unbewusste «blinde Flecken» geben. Da möchten wir ansetzen, z.B. mit der Quartierarbeit, denn wir sehen grosses Potenzial für weitere Integrationsprojekte.»


Darshikka Krishnanantham

In neue Aufgaben hineinwachsen

Darshikka Krishnanantham, 34, Stadträtin, Thun

«Wir kamen Mitte der 1980er-Jahre als politische Flüchtlinge aus Sri Lanka nach Thun. Zuerst mein Vater und zwei Jahre später meine Mutter und ich. Das Politische begleitet mich also quasi seit Geburt. Als eine der ersten tamilischen Secondas im Kanton Bern rutschte ich, wie mein Vater davor, automatisch in die Rolle einer Schlüsselperson, übernahm Vermittlungsfunktionen zu Ämtern, Schulen oder Ärzten. Heute mache ich das professionell als interkulturelle Übersetzerin und mit meiner eigenen Beratungsstelle. Wenn man darüber hinaus etwas erreichen will, muss man sich in der Schweiz politisch engagieren. Dieses Bewusstsein führte mich 2016 für die SP in den Thuner Stadtrat. Den Wahlkampf habe ich mit Herzblut geführt – an die Wahl als erste dunkelhäutige Thunerin hätte ich aber trotzdem nie geglaubt. Nun sammle ich auf diesem Parkett wertvolle Erfahrungen und kann mich da einbringen, wo entschieden wird. Nur die Erwartungshaltung aus der tamilischen Community ist sehr hoch. Auf lokaler Ebene kann ich keine Auslandpolitik zur Konfliktbehebung betreiben. Dafür setze ich mich für die gute Beratung und die schnelle Integration der Migrationsbevölkerung ein.»