«Fakten sind keine Meinung»

Die Physikerin und ETH-Professorin Ursula Keller gilt international als Lasertechnikpionierin. Für ihre herausragende Arbeit wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. 

Interview: Güvengül Köz Brown

MIX:  Frau Keller, Sie haben diesen Sommer den Europäischen Erfinderpreis für Ihr Lebenswerk erhalten. Wie fühlt sich das an?

Ursula Keller (UK): Eine solch renommierte Auszeichnung zu erhalten, die Innovation und die Menschen dahinter zelebriert, ist eine riesige Ehre. Was mich noch mehr freut, ist die grosse Anzahl an Frauen, die dieses Jahr geehrt wurden. Seit der erstmaligen Vergabe vor zwölf Jahren war sie noch nie so hoch.

MIX: Wie schwierig war es für Sie, sich in dieser Männerdomäne zu etablieren?

UK: Es war nicht einfach. Mein Selbstbewusstsein wurde allerdings gestärkt, indem ich mein PhD in Angewandter Physik an der Stanford University gemacht habe. In den USA waren sie in Sachen Frauenförderung schon in den 1980er-Jahren weiter als in der Schweiz. Ich fühlte mich viel mehr unterstützt, auch in Krisenzeiten, die ich während meiner Doktorarbeit ab und zu durchmachte. Dann hörte ich Sätze wie: «Niemand hat dir gesagt, es werde einfach.» Oder: «Wir haben dich ausgewählt und wir machen keine Fehler.» Das ist gerade für Frauen in typischen Männerberufen wichtig, weil viele ihnen das Gefühl geben, sie könnten nichts.

MIX: Hat sich diesbezüglich etwas zum Positiven verändert?

UK: Im Gegenteil, ich habe sogar das Gefühl, dass sich die Fronten inzwischen verhärtet haben. Als ich vor 25 Jahren an der ETH anfing, wurde ich von meinen Kollegen belächelt und ignoriert. Ich konnte mich aber in dieser Isolation wenigstens erfolgreich auf meine akademische Arbeit konzentrieren. Heute fühlen sich relativ viele Männer von Frauen bedroht und aktiv benachteiligt. Diese emotionalen Reaktionen überraschen mich gerade unter Wissenschaftlern, die ihre Arbeit auf Fakten aufbauen. Dadurch blenden sie einfach Studien aus, die belegen, dass die Wahrscheinlichkeit, Professor zu werden, für einen Mann nach wie vor zigmal grösser ist als für eine Frau.

MIX: Gibt es Hoffnung für einen Wandel?

UK: Offensichtlich haben wir es verpasst, unseren männlichen Kollegen zu erklären, was Diskriminierung ist. Dieses Wissen und das Bewusstsein dafür können und müssen wir aktiv stärken. Auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene scheint mir mehr politischer Druck möglich, um ein Umdenken zu bewirken. Also ja, es gibt Hoffnung.

MIX: Wie geht es Ihnen als Forscherin in Zeiten von Fake News?

UK: Ich finde diese Entwicklung extrem problematisch. Auch in einer schnelllebigen Social-Media-Welt müssen wir in der Lage sein, zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden: Eine eigene Meinung darf man haben, aber sicherlich nicht eigene Fakten.

MIX: Reden wir kurz über die Fakten in Ihrem Leben: Sie stammen aus einer Arbeiterfamilie. Welche Rolle spielten die Eltern auf Ihrem Bildungsweg?

UK: Für sie war Bildung sehr wichtig. Gleichzeitig war aber allen klar, dass ich nach der Sekundarschule eine Lehre mache. Während eines Tests beim Berufsberater wurde mir das Gymnasium empfohlen – das ermöglichte mir, als Erste in der Familie zu studieren. In der Schweiz haben wir im internationalen Vergleich eine hohe Chancengerechtigkeit im Bildungssystem – aber auch sie ist nicht perfekt. In Zürich ist der Übertritt ins Gymnasium beispielsweise nur über eine Aufnahmeprüfung möglich, in der auch Sachen getestet werden, die an den Schulen gar nicht behandelt wurden. So haben Kinder, deren Eltern keine finanziellen Mittel für Vorbereitungskurse oder Nachhilfestunden haben, fast keine Chance. Das finde ich sehr bedenklich. Vielleicht könnten neue Konzepte wie Mindsteps in den Schulalltag integriert werden, bei dem sich die akademische Leistungsfähigkeit mittels eines normierten Instruments nachweisen lässt.

Foto: zvg
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