Barrieren kennt sie nicht

Täglich passieren Hunderttausende auf ihrem Arbeitsweg in die Schweiz eine Landesgrenze. Olga Hahn überwindet ganz selbstverständlich noch ein paar andere.

Text: Philipp Grünenfelder

Sind wir nun in Basel-Stadt oder Basel-Landschaft? Olga Hahn ist sichtlich amüsiert über die Verwirrung bei den Gästen von der MIX. Der Autor und die Fotografin scheinen nicht die Ersten zu sein, die sich während einer Führung durch die Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers irritiert zeigen. Für Hahn sind Grenzübertritte Alltag. Einerseits weil sich das Firmenareal der ETAVIS Kriegel+Schaffner AG tatsächlich über die Kantonsgrenze erstreckt. Und andererseits, «weil ich täglich von der südbadischen Stadt Weil am Rhein über die Landesgrenze nach Basel pendle», so die 30-Jährige. Allein bei ihrem Arbeitgeber tun es ihr rund 420 von 800 Angestellten gleich und kommen aus Frankreich oder Deutschland. In der ganzen Nordwestschweiz sind es am Stichtag Mitte 2018 über 70 000 und national, mit weiteren Schwergewichten in der Genferseeregion und dem Tessin, 317 372.

Während andernorts teils heftig über das Phänomen debattiert wird, scheint es im Dreiland um Basel kein akutes Thema zu sein. «Ich habe jedenfalls noch nie etwas Negatives mitbekommen», so die Südbadenerin. Die Trams fahren zwar erst seit wenigen Jahren wieder über die Grenzen, der ökonomische und kulturelle Austausch gehört jedoch seit jeher zum regionalen Selbstverständnis. «Dennoch empfand ich das tägliche Passieren der Grenze anfänglich noch als Switch zwischen zwei Welten», blickt die Mutter einer 4-jährigen Tochter zurück. Nach acht Jahren mache sie sich darüber aber längst keine Gedanken mehr. So lange arbeitet sie mit einer einjährigen Babypause für das Basler Elektrotechnik-, Telematik- und Automationstechnikunternehmen. Zuerst im Bereich Kundendienst und Gebäudeinstallation, später als Assistentin der Geschäftsleitung und heute als Marketingassistentin. «Ich liebe es, wenn ich mit so vielen Menschen und unterschiedlichen Anliegen wie möglich konfrontiert werde und mich dadurch kontinuierlich weiterentwickeln kann», so Hahn. Das sei ihr bereits während der Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten in Deutschland bewusst geworden. So richtig ausleben könne sie es aber erst, seit sie hier sei. Ob sie dabei die vielzitierte Schweizer Zurückhaltung nicht störe? «Ich liebe diese gewissenhafte Arbeitskultur und den respektvollen Umgang», entgegnet sie umgehend. Wäre das familienergänzende Betreuungsangebot in der Schweiz besser und erschwinglicher, würde sie wohl sogar längst hier wohnen. «Nur manchmal, naja, denke ich mir bei Einzelnen schon, nun komm mal auf den Punkt», sagt sie und lacht über ihre eigene Aussage. Denn solche Zuschreibungen seien bekanntlich nicht zu generalisieren.

Olga Hahn ist gerade dreieinhalb, als ihre Eltern aus Kasachstan nach Baden-Württemberg ziehen. Der Vater Russe und LKW-Fahrer, die Mutter Deutschrussin und im Einzelhandel tätig. «Sie impfte mir schon früh ein, dass meine Zukunft in den eigenen Händen liegt», sagt die junge Frau, die somit bereits als Kleinkind unmittelbar mitbekommt, was es heisst, eine neue Familienexistenz aufzubauen. In Kasachstan seien sie bis heute die Deutschen, in Deutschland die Russen und sie selbst nun sogar fast noch ein bisschen Schweizerin. «Vielleicht kenne ich auch durch diese direkten und indirekten Erfahrungen über Zugehörigkeit kaum Grenzen, wer weiss.» Sie habe aber per se ein neugieriges und offenes Naturell, versuche das auch der Tochter weiterzugeben. Zum Beispiel über die russische Sprache und die Familiengeschichte. «Auch pflege ich eine schöne Beziehung zu meinem Patenkind in Moskau. Doch am meisten Energie verspüre ich beim alltäglichen Überwinden von Grenzen.» Man nimmt es ihr im eigentlichen Sinne genauso ab wie im übertragenen – und kehrt gemeinsam über eine Gebäudepasserelle zurück von der Landschaft in die Stadt.

317 372 Grenzgängerinnen und Grenzgänger arbeiten in der Schweiz.

Olga Hahn. Foto: © Claudia Link
Olga Hahn. Foto: © Claudia Link