Alla prossima!

Italienerinnen und Italiener bilden wieder die grösste Zuwanderungsgruppe aus EU-Ländern. Ihr Weg über die Alpen ist auch ein zahlenmässiges Auf und Ab.

Text: Philipp Grünenfelder

Die Schweizer Städte gedeihen, Wasserkraftwerke entstehen und die Eisenbahnnetze wachsen. Das lockt Ende des 19. Jahrhunderts erstmals in grosser Zahl Arbeitskräfte über die Alpen. Leben 1860 rund 10 000 Italienerinnen und Italiener in der Schweiz, sind es um 1910 über 200 000. Die meist jungen Männer profitieren von der Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit in Europa, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs allerdings ein jähes Ende findet. Ihre Zahl sowie diejenige aller Ausländerinnen und Ausländer nimmt bis nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges markant ab.

Wieder kommen junge Menschen

Während Europa in Trümmern liegt, rekrutiert die unversehrte Schweizer Industrie danach bald wieder Arbeitskräfte im Ausland – vor allem aus Italien. Anstelle der Niederlassungsfreiheit gilt für sie nun allerdings eine restriktive Ausländerpolitik, u. a. mit dem Saisonnierstatut. Erst das «Italienerabkommen» von 1964 stellt sie einheimischen Arbeitskräften, etwa bei den Sozialleistungen, gleich. Der Familiennachzug wird endlich erleichtert. Parallel dazu nehmen «Überfremdungsdebatten» zu. Bis im Zuge der Ölkrise der 1970er-Jahre zehntausende Arbeitslose «exportiert» werden und sich die Aversionen allmählich gegen andere Zuwanderungsgruppen richten. Wieder einmal sinkt ihr Anteil von mittlerweile 520 000 deutlich und pendelt sich bei zuletzt 326 000 ein.

Die einstigen «Tschinggen» gehören heute zu unserem Selbstverständnis, viele Nachkommen besitzen den Schweizer Pass. Die Einwanderungsgeschichte aus dem südlichen Nachbarland ist damit aber nicht abgeschlossen. Mit der Personenfreizügigkeit kommen wieder vermehrt Italienerinnen und Italiener in die Schweiz. Seit 2016 weisen sie gar die höchste Einwanderungsquote aus allen EU-Ländern auf. Und erneut sind es vornehmlich junge Menschen – auch Frauen –, die in Italien keine beruflichen Perspektiven sehen. Allerdings mit dem signifikanten Unterschied, dass sie heute in der Regel über beste Qualifikationen verfügen. Ein Sinnbild für die gesamte Migrationsentwicklung.

Ankommen oder ausreisen? Chiasso um 1950. Foto: © Schweizerisches Sozialarchiv
Ankommen oder ausreisen? Chiasso um 1950. Foto: © Schweizerisches Sozialarchiv