Ein ungutes Bauchgefühl

Die Anlaufstelle Radikalisierung nimmt Verdachtshinweise jeder Art entgegen. Meist bestätigen sich die Befürchtungen nicht – gleichwohl kann geholfen werden.

Text: Philipp Grünenfelder

Junge Menschen, die im Namen des Islam Attentate verüben, in linksradikalen Gruppierungen Beamte angreifen oder mit rechtsextremen Horden Migrantinnen verfolgen: Solche und andere Bilder der Radikalisierung sind medial präsent und vermitteln ein Gefühl der Bedrohung. «Viele stellen sich die Frage, woran sie bei einer Person Radikalisierungstendenzen mit zunehmender Gewaltbereitschaft erkennen können. Da die Anzeichen dafür oft nicht eindeutig sind, nehmen wir alle Anfragen ernst – auch mit der Möglichkeit, dass sich die Befürchtungen im Rahmen unserer Abklärungen nicht bestätigen lassen», sagt Annina Baumann. In der Fachstelle Prävention gegen Gewalt der Kantonspolizei Basel-Stadt leitet sie die Anlaufstelle Radikalisierung, die der Regierungsrat im Herbst 2016 ins Leben rief. Seither unterstützt die Psychologin mit ihrem Team Ratsuchende, nimmt konkrete Verdachtsfälle entgegen und geht diesen nach. «Meist beobachten Lehrpersonen, aber auch Familienangehörige oder Freunde Entwicklungen, die bei ihnen ein ungutes Bauchgefühl auslösen», weiss Baumann. Jeder Fall wird vertraulich behandelt. Seit Beginn seien das rund 30 Meldungen. Fünf davon hätten «Fleisch am Knochen gehabt», wie Baumann sagt. Letztere wurden u. a. in der Taskforce Radikalisierung besprochen, die unter der Leitung der Fachstelle Diversität und Integration steht. Sie dient als Beratungs- sowie Netzwerkgremium und existiert ebenfalls seit zwei Jahren. «Erst danach leiten wir, wenn nötig, weitere Schritte ein, wie etwa die Weitergabe an die Strafverfolgungsbehörden. Bei unmittelbar drohender Gefahr würden wir das natürlich sofort unseren Einsatzkollegen melden», so Baumann weiter.

Radikal ist nicht gleich radikalisiert

Mit Fachpersonen u. a. aus der Psychiatrie, der Staats- und Jugendanwaltschaft sowie mit dem Koordinator für Religionsfrage ist die Taskforce bewusst breit besetzt. Der interdisziplinäre Austausch und Einbezug von Dritten, wie etwa der Schulsozialarbeit, sei für die Einschätzung und Lösungsfindung, aber auch darüber hinaus wichtig: «Radikalisierung ist kein isoliertes System. Selbst wenn jemand letztlich keine Gewaltbedrohung darstellt und entsprechend auch nicht als radikalisiert gilt, gibt ein radikales Verhalten innerhalb des gesetzlichen Rahmens bisweilen Rückschlüsse über eine andere Problemstellung», so die Fachfrau. Religiöser Extremismus sei das wirklich selten. Vielmehr Mobbing, Identitätsfindung oder einfach der verzweifelte Wunsch, Gehör zu finden. «Im Übrigen sind plötzliche äusserliche Veränderungen oder eine gröbere Sprache und Symbolik in den sozialen Medien gerade im Selbstfindungs- und Abgrenzungsprozesses von Jugendlichen nichts Aussergewöhnliches», gibt sie zu bedenken. Umso wichtiger sei die sorgfältige Analyse und das Führen von Gesprächen mit sämtlichen Beteiligten. «So können wir allen, die sich an die Anlaufstelle wenden, aber genauso den Betroffenen Hilfestellungen bieten – unabhängig davon, welches Problem sich zeigt. Und wir haben die Chance, tatsächlich kritische Fälle früh zu erkennen», so Baumann überzeugt.

Anlaufstelle Radikalisierung

Telefon: 061 201 77 11

Montag bis Freitag, 8–17 Uhr

(bei unmittelbarer Gefahr

immer direkt 117)

E-Mail: kapo.ar(at)jsd.bs.ch

polizei.bs.ch/praevention