«Es gibt noch viel zu tun»

Ein Pilotprojekt zur Bekämpfung von Mädchenbeschneidung will die Autonomie von Migrantinnen in der Schweiz stärken.

Text: Jacqueline Beck

Von #MeToo bis «079, het sie gseit»: Die aktuellen Diskussionen um Sexismus und sexuelle Gewalt an Frauen zeigen, wie unsere Gesellschaft gerade aushandelt, wann ein Nein als Nein akzeptiert werden soll und welche Grenzen das Ausleben des eigenen Begehrens hat. Dass eine Gesellschaft Werte und Normen immer wieder hinterfragen soll und sich dadurch auch verändern kann, ist eine der Hauptbotschaften von Monica Somacal von der Fachstelle für sexuelle Gesundheit in Liestal. Sie setzt sich seit 2017 im Rahmen eines Pilotprojekts des Netzwerks gegen Mädchenbeschneidung Schweiz für eine selbstbestimmte Sexualität der Frau ein. 

Verstärktes Engagement

Von dieser Praxis, die von der Beschneidung der Klitoris bis hin zur Entfernung der Schamlippen und dem Zunähen der Vulva reichen kann, sind in der Schweiz gemäss Schätzungen aus dem Jahr 2013 rund 14 700 Mädchen und Frauen betroffen oder gefährdet. Es sind vor allem Menschen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien, Sudan und Ägypten. Der Bund beschloss 2015, sein Engagement gegen weibliche Genitalverstümmelung/beschneidung (FGM/C) zu verstärken. Er beauftragte ein Netzwerk unter Federführung von Caritas und Terre des Femmes Schweiz, ein Informations- und Beratungsangebot aufzubauen. Neben zwei nationalen Anlaufstellen, bestehenden Angeboten in der Romandie und im medizinischen Bereich wurden zwei regionale Stellen in den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft installiert. Die Sensibilisierungs- und Präventionsarbeit bei den betroffenen Migrationsgruppen steht dabei im Vordergrund.

Gemeinsam mit einer interkulturellen Übersetzerin besucht Somacal regelmässig Anlässe und Frauentreffs in den Communitys. Fingerspitzengefühl ist dabei gefordert: «Ich komme nicht mit der Fahne und sage, so, jetzt sprechen wir über Beschneidung.» Vielmehr sei das Thema eingebettet in Fragen rund um Familienplanung, Verhütung und Geschlechterrollen – Bereiche, in denen oft ganz unterschiedliche Vorstellungen, Traditionen und Tabus zum Vorschein kommen. «Ich betone gerne, dass es auch in der Schweiz vor 50 Jahren noch undenkbar war, dass der Mann sein Kind am Morgen zur Kinderkrippe fuhr.» Es gilt, unter den Frauen eine gemeinsame Sprache zu finden, ein Körper- und Selbstbewusstsein aufzubauen. Aber auch, Klartext zu reden: FGM/C ist eine Menschenrechtsverletzung und wird in der Schweiz strafrechtlich verfolgt. In den meisten Herkunftsländern ist die Praxis mittlerweile ebenfalls verboten, doch gerade in ländlichen Regionen hält sich die Tradition hartnäckig. Häufig ist sie verbunden mit Vorstellungen von Reinheit, Treue und Kontrolle des Sexualtriebes der Frau.

Selbstbestimmtes Handeln

Frauen schon früh im Asyl- und Integrationsprozess den Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen, ist deshalb für Somacal zentral: Nur so würden die Migrantinnen befähigt, eigenständige Entscheidungen für sich und ihre Töchter zu treffen. Die Fachfrau plädiert für eine Verankerung des Themas bei allen im Integrationsprozess beteiligten Institutionen – und hofft auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Basler Kantonen. Der Einsatz für eine emanzipierte Gesellschaft erfordert Zeit. Wie es mit der Finanzierung nach Ablauf des Pilotprojekts weitergeht, ist noch offen.

maedchenbeschneidung.ch