«Wir müssen uns vom Schwarz-Weiss-Denken befreien»

Der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos mahnt Pessimisten zu mehr Gelassenheit.

Interview: Güvengül Köz Brown

MIX: Herr Roos, lassen Sie uns zuerst einen Blick in die Vergangenheit werfen: Inwiefern hat sich unser Leben verändert?

Georges T. Roos (GR): Aufgrund technischer Fortschritte hat sich unser Alltag in den letzten 20 Jahren radikal verändert. Im Mittelpunkt dieser dynamischen Entwicklung stehen das Internet und die mobile Kommunikation. Die damit verbundene allgegenwärtige Verbindungsdichte ermöglicht es uns, immer und überall auf Informationen zuzugreifen und miteinander in Dialog zu treten. Entsprechend hat auch die Art und Weise, wie wir in unserem sozialen Leben miteinander interagieren, eine neue Dimension erhalten. Wir versenden frühmorgens Geburtstagsgrüsse über Facebook, beenden unsere Beziehungen per SMS oder suchen eine neue Partnerschaft auf Onlineplattformen.

MIX: An diese Veränderungen haben wir uns relativ schnell gewöhnt. Mehr Sorgen bereiten uns mögliche zukünftige Entwicklungen.

GR: Wir stehen an der Schwelle zur sogenannten vierten industriellen Revolution. Es ist nicht unüblich, dass Menschen durch solche historischen Umbrüche in den Wirtschafts-, Produktions- und Arbeitsformen verunsichert und überfordert werden. Auch die drei bisherigen sind nicht reibungslos über die Bühne gegangen und haben immer zu sozialen Unruhen und bisweilen gar Krawallen geführt: Man fürchtete eine Massenarbeitslosigkeit. Aber nach einiger Zeit waren nicht weniger, sondern mehr Menschen in Lohn und Arbeit gestanden, die im Durchschnitt besser qualifiziert waren und damit besser entlohnt wurden.

MIX: Bei der digitalisierten Wirtschaft besteht erneut die Befürchtung, dass die menschliche Arbeit darin überflüssig wird.

GR: Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Eine Studie der Universität Oxford geht beispielsweise für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt von einer Wegrationalisierung von 47 Prozent der Jobs in den nächsten 10 bis 20 Jahren aus. Das ist meiner Meinung nach das absolut negativste Szenario. Erfahrungen aus den drei anderen industriellen Revolutionen zeigen, dass der technische Fortschritt ganz neue Berufe und Tätigkeiten hervorgebracht hat. Das wird mit der Digitalisierung nicht anders sein: Wenn sie vor 20 Jahren einem Unternehmen empfohlen hätten, einen Social Media Manager einzustellen, hätte man sie blöd angeschaut. Kein Mensch hätte gewusst, was das für ein Beruf ist – geschweige denn, dass man damit Geld verdienen würde.

MIX: Gehen wir trotzdem vom schlimmsten Szenario aus: Eine Wirtschaft ohne Verdienst und somit ohne Kaufkraft würde den Zusammenbruch unseres Systems und das Ende unseres Wohlstands bedeuten. Das kann kaum das Ziel unserer Wirtschaftsordnung sein.

GR: Da haben Sie durchaus Recht. In einem Wirtschaftssystem, in dem Werte geschaffen und Wohlstand kreiert wird, aber der Mechanismus, wie man diesen Mehrwert verteilt – nämlich hauptsächlich über Lohn –, nicht mehr funktioniert, muss man über andere Wege nachdenken. Dann sehe ich den Zeitpunkt gekommen, um über ein bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren.

MIX: Eines der grössten Risiken besteht darin, dass Menschen, die schon heute mit den rasanten Entwicklungen nicht zurechtkommen, morgen erst recht die grossen Verlierer sein werden.

GR: Wer nicht Schritt halten kann, wird abgehängt. Dieses Risiko ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung, auf die wir einerseits mit Bildung und andererseits mit lebenslangem Lernen reagieren müssen. Gleichzeitig dürfen wir nicht in Pessimismus verfallen. Der Mensch ist ein lernfähiges Wesen. Dazu fällt mir ein guter Vergleich eines Pädagogen ein, den ich kürzlich gelesen habe: «Vor 400 Jahren waren Mönche praktisch die einzigen Menschen, die schreiben und lesen konnten. Hätte man ihnen damals die Frage gestellt: Wie viele Menschen könnten unter den besten Bildungsvoraussetzungen das Schreiben und Lesen lernen, hätten sie das nur jedem fünften zugetraut. Wenn wir heute fragen, wie viele Menschen einmal selbst programmieren können, würden wir mit grösster Wahrscheinlichkeit die gleiche Fehleinschätzung erhalten.» In diesem Sinne plädiere auch ich für mehr Gelassenheit. Trotz der bevorstehenden Umwälzung wird zudem vieles beim Alten bleiben. Bei einem verstopften Rohr werden wir auch 2030 noch auf einen Klempner angewiesen sein. Wir dürfen aber auch die Gewinner nicht aus den Augen verlieren: Diese Gruppe wird rechtzeitig die Chancen für neue Geschäftsfelder und -modelle erkennen und umsetzen. Sie werden diejenigen sein, die die Zukunft gestalten und nicht nur darauf reagieren. Und auch dazwischen wird es viele geben, die ihren Platz in der Arbeitswelt finden werden.

MIX: Was sind denn die nachweislichen Vorteile, die uns die Digitalisierung bescheren wird?

GR: Zuerst müssen wir uns vom Schwarz- Weiss-Denken befreien und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema entwickeln. Erst dann werden wir in der Lage sein, die tatsächlichen Chancen und Risiken zu erkennen. Denn neben den Gefahren wie Datensicherheit, Datenschutz oder Cyberangriffen birgt die Digitalisierung enorme Chancen. Nehmen wir als Beispiel die Demokratisierung von Wissen. Online-Unis bieten schon heute weltweit und für alle internetbasierte Gratiskurse mit anerkannten Abschlüssen an – also unabhängig von Herkunft und sozialem Status der Studierenden. Bei der weltweit grössten Plattform Coursera waren im Februar 2017 bereits über 24 Millionen Studierende registriert. Ein sichtbarer Mehrwert bedeutet auch andere, verbesserte Partizipationsmöglichkeiten: Dank Mobiltelefonen haben Kleinbauern und Gewerbler in Subsahara-Afrika plötzlich einen Marktzugang, können Kleinkredite erwerben oder sich gegen Ernteverluste versichern.

MIX: Wird der globale Wohlstand demnach weiter ansteigen?

GR: Die Digitalisierung ist sicherlich eine wichtige Grundlage dafür, aber genauso wichtig ist die Schaffung eines grundsätzlich gerechteren Zugangs zu den Märkten der Industrieländer. Zudem muss das Krebsgeschwür von Korruption und Misswirtschaft Misswirtschaft bekämpft werden. Unter dieser Prämisse kann man tatsächlich davon ausgehen, dass der Wohlstand weltweit weiter ansteigen wird. Wenn man die Entwicklung in den vergangenen 40 Jahren anschaut, dann ist die extreme Armut auf der Welt von über 30 Prozent auf unter 10 Prozent gesunken. Auch die weltweite durchschnittliche Lebenserwartung wächst stetig und liegt heute bei über 70 Jahren. Das sind Indikatoren dafür, dass es uns besser geht denn je.

MIX: Wird diese Entwicklung auch einen Einfluss auf Migrationsbewegungen haben?

GR: Kurzfristig wird sich diesbezüglich nicht viel verändern. Aber längerfristig dürften vor allem materiell bedingte Migrationsbewegungen abnehmen, falls sich die bisherigen positiven Tendenzen – gemessen an Reichtum, Bildung und Gesundheit – fortsetzen. Vielen Schwellenländern bzw. früheren Entwicklungsländern ist es schon heute gelungen, wirtschaftlich derart aufzuholen, dass daraus kaufkräftige Mittelschichten entstanden sind.Das bestätigen auch Prospektivstudien der Weltbank und des Wolfensohn Center for Development: Beide kommen unabhängig voneinander zum Schluss, dass bis 2030 zwei Drittel der Menschen dem relativen Mittelstand angehören könnten. Experten gehen davon aus, dass die Migrationsneigung deutlich abnimmt, wenn jemand in seinem Heimatland jährlich 7000 Dollar erwirtschaften kann. Dieser Schwellenwert ist meiner Meinung nach ein realistisches und erreichbares Ziel.

MIX: Wir können also unbesorgt in die Zukunft blicken?

GR: Wenn wir mit «besorgt» pessimistisch meinen, dann ja. Aber das Wort Sorge hat eine wichtige andere Bedeutung: Sorge tragen. Wenn wir Sorge dazu tragen, die Weichen richtig zu stellen, müssen wir keine Angst vor der Zukunft haben, weil es insgesamt wenig vernünftige Hinweise dafür gibt, dass wir vor einer Zeitenwende zum Schlechten stehen.

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos. Foto: © Claudia Link.
Der Zukunftsforscher Georges T. Roos. Foto: © Claudia Link.