Vernetzte Welt

Die Digitalisierung hat längst unseren Alltag erfasst. Im Eiltempo wird sie Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und somit auch die Integrationsarbeit in den kommenden Jahren fundamental verändern. Nebst Zuversicht löst dieser globale Transformationsprozess auch Unsicherheit aus.

Text: Güvengül Köz Brown


Beam me up, Scotty!» – wie sehr haben wir Captain Kirk dafür beneidet, dass ihn sein schnauzbärtiger Chefingenieur, Montgomery Scott, nach dieser unmissverständlichen Aufforderung ganz lässig von einem entlegenen Planeten zurück auf das Raumschiff Enterprise teleportierte. So intergalaktisch stellten wir uns als Kind das grosse Mysterium Zukunft vor – eine Zukunft, die wir selbst nie zu erleben glaubten. Inzwischen sind wir in der Zukunft angekommen und reiben uns manchmal verwundert die Augen angesichts der technologischen Möglichkeiten, die sich durch die zunehmende Digitalisierung für Gesellschaft und Wirtschaft eröffnen: selbstfahrende Autos, Smartphones, Social Media, Cloud Computing und künstliche Intelligenz – um nur ein paar Beispiele aus der langen Liste zu nennen.

Zweifelsohne: Die digitale Transformation ist kein vorübergehender Trend, sondern eine tief greifende Revolution, die in den kommenden Jahren unser Privat- und Arbeitsleben weiter durchdringen und das gesellschaftliche Miteinander radikal verändern wird. Denn egal, ob man Informationen über Krankenkassen benötigt, einen Flug in die Heimat bucht, einen Job oder eine Wohnung sucht – ohne Internet ist bereits heute die Organisation von Alltag und Beruf ein fast aussichtsloses Unterfangen. Wer mit diesem Trend mithalten will, muss qualifizierte Kenntnisse im Umgang mit digitalen Medien und Hilfsmitteln vorweisen. Das tun aber längst nicht alle. Momentan weist vieles darauf hin, dass insbesondere sozial schwächere Schichten mit einer niedrigen Schulbildung die Vorteile der Digitalisierung nicht oder nur zu einem geringen Grad nutzen. Weil Menschen mit Migrationshintergrund überproportional sozioökonomisch benachteiligt sind, sind sie besonders gefährdet, auf der Strecke zu bleiben – sowohl beruflich als auch privat. Auch wenn in der Bundesstrategie «Digitale Schweiz» (vgl. Kasten) derzeit keine spezifischen Massnahmen für Migrantinnen und Migranten vorgesehen sind, liegt es auf der Hand, dass die künftige Integrationspolitik dem Rechnung tragen muss. Die Herausforderung besteht derweil darin, frühzeitig geeignete Massnahmen zu entwickeln, die den betroffenen Menschen einerseits helfen, sich in einer vom technischen Fortschritt geprägten Gesellschaft zurechtzufinden, und sie andererseits davor bewahren, gesellschaftlich weiter abzurutschen. Im Idealfall verbinden die Massnahmen die digitale und reale Welt – wie beispielsweise das Projekt Parentu. Über eine Push-App erhalten Eltern in der jeweiligen Muttersprache direkt Informationen rund um die Erziehung und die kindliche Entwicklung.

Eszter Hargittai ist überzeugt, dass Institutionen, die sich mit Integrations- und Migrationsthemen befassen, das Augenmerk verstärkt auf Aus- und Weiterbildungsangebote richten müssen. «Besonders wichtig ist die Vermittlung und Förderung von Medienkompetenzen», so die Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich. «Viele empirische Studien belegen: je höher der Bildungsstand und das Einkommen, desto grösser das Bewusstsein über die vielfältigen Möglichkeiten, die das Internet anbietet. Das heisst, diese Personen wissen besser, wie sie etwa ihre Privatsphäre in den Sozialen Medien optimal schützen können, wo und wie relevante Informationen online abrufbar sind und wie man deren Quellen verifizieren kann. In die Pflicht müssen meiner Meinung nach vor allen Dingen die Schulen genommen werden», betont Hargittai mit Nachdruck und liefert die Begründung gleich hinterher: «Nur weil viele denken, dass Kinder und Jugendliche Digital Natives sind, sollte man nicht davon ausgehen, dass sie die gesamte Klaviatur des World Wide Webs beherrschen.»

Reproduktion bestehender Ungleichheiten

Schon seit Jahren warnen Expertinnen und Experten vor der digitalen Kluft beziehungsweise davor, dass das Internet bestehende soziale Bildungsungleichheiten reproduziert. Philippe Wampfler, Dozent und Lehrer für digitale Bildung, sieht das ähnlich: «Es ist eine Illusion zu glauben, dass moderne Informations- und Kommunikationstechnologien zu mehr Bildungsgerechtigkeit bzw. zu einer egalitäreren Gesellschaft führen. Virtuelle Klassenräume oder kostenlose Onlinekurse bieten zwar freien Zugang zu Informationen und Wissen, sodass Lernen keiner Elite mehr vorbehalten ist», so der Experte. Dennoch nennt er verschiedene Bedingungen als Voraussetzung dafür, dass Kinder diese Angebote überhaupt wahrnehmen könnten. «Zentral sind Personen, die Lernprozesse begleiten können und wollen. Eltern von heute bereits benachteiligten Kindern können das in digitalisierten Lernumgebungen nicht plötzlich besser. Vielmehr ist der Nachwuchs oft sich selbst überlassen.» Themen wie Chancengleichheit, Bildungserfolg und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden demnach auch im digitalen Zeitalter nicht überwunden sein.

Digitalisierung als Integrationsstütze

Da bekanntlich jede Medaille zwei Seiten hat, darf beim Effort, die Risiken einzudämmen, nicht vergessen werden, dass die Digitalisierung für die Integrationsarbeit auch ungeahnte Perspektiven eröffnet. So können Online-Tools, Apps und Web-Services Migrantinnen und Migranten vor allem in der Anfangszeit und als Überbrückung den Start in der neuen Heimat erleichtern. Die vom Runden Tisch der Zürcher Flüchtlingshilfe initiierte Gratis-App «I need» informiert beispielsweise in sieben Sprachen darüber, wo in den Städten Aarau, Basel und Zürich Deutschkurse, Mittagstische oder medizinische Hilfe angeboten werden. Aber auch Sprach-Apps wie Duolingo können den Integrationsverlauf positiv beeinflussen. «Sie ersetzen zwar nicht die konventionellen Sprachkurse, aber als Ergänzung bieten sie den Menschen die Möglichkeit, orts- und zeitunabhängig die Sprache weiter zu festigen», erklärt Hargittai.

Auch das Engagement von Fernando Borge-Fernandez aus Chur zeigt, wie Menschen einander über Soziale Medien schnell und unbürokratisch Hilfe anbieten können. Vor einigen Jahren hat der 41-jährige PowerJumping-Instruktor eine Facebook-Gruppe gegründet, um Menschen aus spanischsprechenden Ländern den Alltag in der Schweiz zu erleichtern. «Aufgrund der Wirtschaftskrise sind in den letzten Jahren viele Spanierinnen und Spanier in die Schweiz eingewandert und arbeiten entweder in der Bau-, Gastronomie- oder Hotelbranche. Ohne Sprachkenntnisse sind sie aber kaum in der Lage, herauszufinden, wie das Leben in der Schweiz funktioniert oder welche Rechte und Pflichten sie haben. Mit meiner Facebook-Seite erreiche ich mit einem Klick unzählige Menschen gleichzeitig, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, an die relevanten Informationen heranzukommen.» Unwissen führe leider oft auch zur Ausbeutung der Menschen – gerade am Arbeitsplatz, gibt Borge zu bedenken. «Ich habe viele Menschen beraten, denen beispielsweise die Arbeitgebenden ihre Ansprüche auf Sozialleistungen bewusst vorenthalten haben», so Borge. Darüber hinaus übernehmen Soziale Medien wie Facebook oder Instant-Messaging-Dienste auch eine wichtige emotionale Funktion, die in der Fremde Halt gibt: Als Nabelschnur in die Heimat bieten sie den Menschen die Möglichkeit, den Kontakt zu Familien und Freunden aufrechtzuerhalten.

Vorteile im Flüchtlingsbereich

Dass die Digitalisierung eine wichtige Integrationsstütze sein kann, zeigt auch deren Bedeutung im Flüchtlingsbereich. So hat sich das vermeintliche «Luxusgerät» Smartphone bei Menschen, die vor Krieg, Gewalt oder Armut fliehen, längst als das wichtigste Überlebensinstrument etabliert. Mit Hilfe von WhatsApp, Facebook und Google Maps organisieren sie ihre Flucht, tauschen sich mit anderen über sichere Routen oder vertrauenswürdige Kontaktpersonen aus. Smartphones dienen aber auch als wichtige monetäre Sicherheit: Sie können in schwierigen Situationen in Geld umgewandelt, verliehen oder als Pfand für einen Teil der Reise hinterlegt werden. Dadurch wird das Smartphone zum zentralen Fluchthelfer und Lebensretter in Not. Gemäss Vassilis Tsianos, Migrationsforscher und Autor des Buches «Mobile Commons», sind Flüchtlinge – wie alle anderen Menschen, die viel unterwegs sind – Pioniere digitaler Kommunikation und Sozialer Medien. Der Grund dafür sei, dass junge, ambitionierte Männer und Frauen aus der unteren oder mittleren Mittelschicht der jeweiligen Länder bestens mit modernen Kommunikationstechnologien vertraut seien, erklärte er in einem Interview mit SRF. «Ausserdem: In vielen asiatischen und vor allem in afrikanischen Ländern gibt es keine entwickelten Festnetze. So sind die Menschen von Kindheit an mit digitalen Kommunikationsmitteln konfrontiert und können mit Handys umgehen», so Tsianos weiter.

Auch die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe hat im Zuge der Digitalisierung neue Formen angenommen. Als 2015 Tausende von Menschen verzweifelt über die Balkanroute nach Westeuropa zu gelangen versuchten, haben die verstörenden Bilder von prügelnden ungarischen Polizisten oder im Lastwagen erstickten Menschen innerhalb der Zivilbevölkerung eine nie dagewesene Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität ausgelöst. Mit den vielen Aktionen und Initiativen, die gerade über Facebook und Twitter lanciert und in die reale Welt übersetzt wurden, konnte bewiesen werden, wie unbürokratisch und schnell das Engagement aus sozialen Netzwerken hinein in die Gesellschaft wirken kann. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. So werden im Internet ebenso rassistische Ressentiments gegen alles «Fremde» propagiert. Eszter Hargittai relativiert: «Selbstverständlich begünstigen die Sozialen Medien die schnelle Verbreitung von hasserfüllten Äusserungen und Falschinformationen, auch weil man sich auf solchen Plattformen in der Anonymität verstecken kann. Wir dürfen sie deswegen aber nicht verteufeln, denn Hass und Hetze gab es schon vor dem Internet. Der Zweite Weltkrieg ist ein gutes Beispiel dafür, um zu belegen, dass die Verbreitung von Hass und Rassismus kein Modem benötigt.» Zudem würde uns die unverblümte Sichtbarkeit von extremem Gedankengut – egal ob von rechts oder links – davor schützen, zu glauben, dass wir in einer heilen Welt leben, so Hargittai weiter.

Wenn Algorithmen Vorurteile bestärken

Eine heile Welt ohne Vorurteile und Diskriminierung kann uns auch die vermeintlich objektive künstliche Intelligenz nicht bescheren. Schon ein kleiner Google-Selbsttest bestätigt diese Annahmen. Gibt man im Suchfeld beispielsweise den Satzanfang «Afrikaner sind ...» ein, werden automatisch folgende Vervollständigungen vorgeschlagen: «Afrikaner sind keine Flüchtlinge», «Afrikaner sind laut» oder «Afrikaner sind untreu». Dass solche Stereotypen von Suchmaschinen reproduziert werden, überrascht insofern nicht, als dass auch Algorithmen Daten verarbeiten, die von Menschen ausgehen – in diesem Fall Suchanfragen, die häufig eingetippt werden. Derzeit werden die Gefahren von algorithmischen Systemen heftig diskutiert. Nicht zuletzt deshalb, weil sie schon heute über unser Leben bestimmen: Aufgrund der Datenspuren, die wir im Netz über Likes, besuchte Websites, online erworbene Konsumgüter oder über Freunde auf Facebook hinterlassen, werden laufend Informationen gesammelt, bewertet und miteinander verknüpft. Als Ergebnis erhalten wir individualisierte Werbung, vorselektierte Google-Suchergebnisse oder Bücher- und Filmtipps. Problematisch wird es dann, wenn ein von vielen Arbeitgebenden genutztes algorithmisches System etwa Bewerberprofile aus einem Quartier mit einer hohen Ausländer- oder Kriminalitätsrate automatisch ablehnt.

Unbekanntes Terrain

«Trotz der bevorstehenden Umwälzung wird vieles beim Alten bleiben», sagt der Zukunftsforscher Georges T. Roos im Interview mit der MIX. Diese Vision teilen derzeit aber nicht alle Menschen, denn die Reaktionen auf den bereits spürbaren Wandel könnten nicht widersprüchlicher ausfallen: Sie reichen von Angst über Gleichgültigkeit bis hin zu uneingeschränkter Begeisterung. Vielleicht ist dieses Spektrum an Emotionen auch derart breit gefächert, weil viele von uns das Ausmass der datenbasierten Welt und dessen Folgen weder richtig begreifen, geschweige denn sich plastisch vorstellen können. Wie sollen wir auch: Die Zukunft offenbart sich bekanntlich erst dann, wenn sie Realität geworden ist. Oder wie Bundesrat und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann anlässlich der letztjährigen Gründungsfeier der Digital Society Initiative (DSI) treffend zum Ausdruck gebracht hat: «Wir bewegen uns auf unbekanntem Terrain, das müssen wir uns eingestehen.»

Digitale Strategie des Bundes

Der Bundesrat hat letztes Jahr die Strategie «Digitale Schweiz» verabschiedet. Sie bildet den Leitfaden für das staatliche Handeln und zeigt auf, wo und wie Behörden, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik zusammenarbeiten müssen,damit der Transformationsprozess zum Nutzen des Gemeinwesens gestaltet werden kann. An der ersten nationalen Konferenz, die am 20. November 2017 in Biel stattfinden wird, werden die Umsetzungsarbeiten zur Strategie «Digitale Schweiz» vorgestellt, Trends und Entwicklungen in der Informationsgesellschaft präsentiert und in Diskussionsrunden der neue Handlungsbedarf für die Mitgestaltung der zukünftigen digitalen Schweiz eruiert.

www.digitaldialog.swiss

Die Digitalisierung verändert die Art, wie wir leben grundlegend.  Foto: © Claudia Link.
Die Digitalisierung verändert die Art, wie wir leben grundlegend. Foto: © Claudia Link.