Der Sprung ins kalte Wasser

Über den Einstieg von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt wird viel diskutiert. Das Projekt Powercoders geht voran und bietet ihnen Zugang in die Fachwelt von Bits und Bytes.

Text: Philipp Grünenfelder

Die Treppe hoch in den zweiten Stock knarrt; das Haus unweit des Berner Eigerplatzes ist weit älter, aber auch schmucker als viele andere in der Gegend. Die Atmosphäre wirkt fast wohnlich. Doch hier wird konzentriert gearbeitet. An der unmittelbaren und ferneren Zukunft, die auf Bits und Bytes basiert – und auf sozialer Verantwortung. Denn das erfolgreiche IT-Unternehmen 89grad, das sich auf der ganzen Etage eingerichtet hat, ist einer von mehreren Betrieben aus der Branche, die den Teilnehmenden von Powercoders die Chance bieten, einen ersten Schritt in den Schweizer Arbeitsmarkt zu machen. Sie sind eine wichtige Stütze des privat finanzierten und vom Betriebswirtschaftler Christian Hirsig initiierten Projekts  in dem Geflüchtete zuerst einen dreimonatigen Intensivprogrammierkurs besuchen und die erworbenen Kenntnisse anschliessend in einem Praktikum anwenden.

Unerwarteter Erfolg

Die Tibeterin Lhamo Gakyitsang ist eine von 15 Teilnehmenden aus acht Nationen, die Anfang Jahr in Bern den Pilotdurchgang absolviert haben. Zu ihrer eigenen Überraschung, denn von Programmieren hatte die 34-Jährige davor keine Ahnung. Sie lacht, während sie berichtet, wie sie im Rahmen des Aufnahmeverfahrens Macbooks nicht von Windowslaptops unterscheiden konnte. «Ich kam ja mit Informatik kaum je in Berührung; bin auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, habe meine Eltern unterstützt und mich bis zur Flucht mit Restaurantjobs über Wasser gehalten», begründet sie. Fünf Jahre lebt die junge Mutter nun schon in der Schweiz und hat, sobald sie durfte, auch hier vornehmlich einfachere Arbeiten erledigt: «Ich tat, was ich von klein auf konnte, und stand für verschiedene Gemüseproduzenten im Berner Seeland im Einsatz.» Dass sie mehr auf dem Kasten hat, zeigte ihr erst der Sprung ins kalte Wasser. «Von Powercoders habe ich über eine Freundin erfahren. Nach anfänglicher Skepsis und tagelangen Internetrecherchen sowie Programmiertutorials habe ich mich zur Anmeldung durchgerungen.» Glücklicherweise, denn trotz der kuriosen Laptopgeschichte hat Gakyitsang die Verantwortlichen im Assessment überzeugt – und 140 Mitbewerberinnen und Mitbewerber ausgestochen.

Dass das kein Zufall war, bestätigt einer, der es wissen muss: ihr Chef Ramun Hoffman. «Bei Powercoders geht es nicht allein um Informatikvorkenntnisse, selbst wenn diese in der Regel mitgebracht werden. Genauso wichtig sind die Motivation und die Leidenschaft, sich in die Materie einzuarbeiten und etwas daraus zu machen», so der Unternehmer. Auf Leidenschaft basiere letztendlich auch sein Engagement. «Umso erfreulicher, wenn man dadurch so tolle Menschen und begabte Mitarbeitende für sein Team gewinnen kann», freut sich der CEO und Managing Partner. Seine Mitarbeitenden teilen die Begeisterung und haben Gakyitsang bestens aufgenommen. «Einige engagierten sich sogar selbst als Programmierausbildner in den Intensivwochen», so Hoffman, der das im Sinne eines Job Enrichments mit geschenkter Arbeitszeit honorierte. Überhaupt hätten sich erfreulich viele Lehrpersonen sowie Mentorinnen und Mentoren für das Projekt beworben, bestätigt auch Projektleiter Hirsig. Beflügelt durch den Erfolg in Bern, möchten er und sein Team es alle paar Jahre alternierend in verschiedenen Städten durchführen. Gegenwärtig läuft ein Durchgang in Zürich. 

Blinddates mit Unternehmen

Hoffman und Gakyitsang haben sich im Rahmen eines sogenannten Matchings zwischen den Teilnehmenden und Firmen mit Praktikumsplätzen kennengelernt. Nach der Schulung und der Mentorbegleitung ist es der zentrale Baustein im Brückenschlag zum Arbeitsmarkt. «Entsprechend aufgeregt war ich vor diesem Tag. Ich ging fest davon aus, nicht ausgewählt zu werden», gibt Gakyitsang unumwunden zu. Doch sie machte die Rechnung ohne Hoffman, der über seine Kontakte zu den Lehrpersonen bereits ahnte, was für Potenzial in ihr steckt. Tatsächlich gibt es bei Powercoders keine Garantie für einen Praktikumsplatz, «aber aus meiner Gruppe sind alle vier Frauen und elf Männer untergekommen», freut sich Gakyitsang. Sie hebt auch hervor, wie wichtig der Vernetzungsgedanke des Projekts sei. «Im Berufsleben läuft vieles über gute Kontakte, und die fehlen den Geflüchteten natürlich. Mit den hier geknüpften Beziehungen unter den Teilnehmenden und über sie zu den anderen Praktikumsunternehmen, aber auch zu den Mentorinnen und Lehrern, erhalten wir eine einmalige Zukunftschance», so die Neo-Programmiererin. Erste nachhaltige Erfolge sind bereits jetzt erkennbar: Ein Teilnehmer hat über Powercoders eine Festanstellung bekommen, vier weitere eine Lehrstelle oder einen Uni- und FH-Studienplatz. Und Gakyitsang? «Die lassen wir nicht mehr gehen», sagt Hoffman schmunzelnd. Er hat ihr nach dem Praktikum eine Hilfsanstellung und danach eine Lehrstelle als Informatikerin angeboten. Gakyitsang strahlt: «Auf diese Herausforderung freue ich mich sehr, auch wenn ich zuerst mein Deutsch nochmals verbessern und mein Leben als Mutter neu organisieren muss.» Wer ihre Geschichte kennt, ist überzeugt, dass sie auch das meistern wird.

Die frisch diplomierte Lhamo Gakyitsang mit Projektleiter Christian Hirsig. Foto: zvg.
Die frisch diplomierte Lhamo Gakyitsang mit Projektleiter Christian Hirsig. Foto: zvg.