Halt die Fr...ansen deiner Flagge

Entschuldigen Sie bitte meine Wortwahl. Mir ist durchaus bewusst, dass es sich bei der Schweizerischen um eine Fahne handelt. Sie ist ein Unikat und nicht ein ersetzbares Tuch. Schon klar.

Das war gar nicht die Wortwahl, die Sie irritiert hat? Verstehe. Sie dachten, ich wollte den Satz anders beenden? Wollte ich auch. Aber die Schweiz hat die Freundlichkeit erfunden. Genau wie Mülltrennung und Wissenschaft. Das gibt’s auch nur in der Schweiz. Dann verbietet einem aber auch die Political Correctness den Mund. Manchen zumindest. Andere begehren auf, wehren sich mit Vorwürfen der Bevormundung und Unterdrückung. Geschichtsverleumdung und Traditionsraub prangern sie an.

Arme Schweiz, die du nur aus Werten bestehst, die andere Länder auch kennen. Arme Schweiz, deren Traditionen deine kolonial belastete Vergangenheit offenbaren. Wenn man dir all das nimmt, dann hast du doch gar nichts mehr. Dann bist du doch gar nichts mehr. Das denkst du. Und dann hast du Angst. Verständlich. Aber: Niemand will dir was wegnehmen. Schon gar nicht deine irrelevanten Erinnerungen an gewisse Kinderbücher, -lieder und -süssigkeiten. Behalt die ruhig für dich. Dafür interessiert sich echt niemand. Auch nicht gut? Desinteresse macht dich traurig? Bettelst du etwa um Aufmerksamkeit?

Ach, heul doch in die Fransen deiner Fahne. Schmiege dich an die rot-weisse Synthetik. Lass dir Zeit dabei. Und wenn du dich beruhigt hast, legst du deinen vergleichsweise langweiligen Nationalumhang ab und gesellst dich zu uns in die reale Schweiz. Wir fragen nicht, woher du kommst. Nur, wohin du gehen möchtest. Wie wär’s mit italienischem Gelato, türkischem Döner oder äthiopischem Injera? Wer hat’s erfunden? Genau, die sogenannten Fremden.

Text: Amina Abdulkadir

Amina Abdulkadir ist Slampoetin, Autorin und Künstlerin. Foto: © Stefan Ganz
Amina Abdulkadir ist Slampoetin, Autorin und Künstlerin. Foto: © Stefan Ganz