Von ganz unten nach ganz oben

Ana Lisanin Bibics bemerkenswerter Karriereaufstieg ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber bekanntlich geschehen in Bern bisweilen Wunder.

Text: Güvengül Köz Brown

Bahnhof Bern Wankdorf, 13.35 Uhr. Die Mittagssonne knallt erbarmungslos auf den glatten Asphalt, die Luft zwischen den Häusern flirrt. Ana Lisanin Bibic wartet auf der gegenüberliegenden Strassenseite und winkt erwartungsvoll. «Beeilen wir uns», sagt sie hastig und kann sich das Lachen kaum verkneifen. «Mein Sohn schläft noch. Wenn er wach ist, können Sie das Interview vergessen. Er ist ein richtig kleiner Wirbelwind, wie er im Buche steht.» Ihr unbefangenes und herzliches Wesen lässt schnell vergessen, dass wir uns nicht kennen. Zehn Minuten später trinken wir auf ihrem gemütlichen Gartensitzplatz Kaffee und lauschen den Klängen einer «Grossstadt».

Seit 1991 lebe sie schon in der Schweiz, sagt Lisanin und erinnert sich, wie sehr sie damals ihre Eltern dafür gehasst habe, «dass sie meine Schwester und mich ohne Vorwarnung in die Schweiz brachten». Während den Sommerferien mit der Mutter, die zwei Jahre zuvor wegen einer Stelle in einem Altersheim in die Schweiz gekommen war, ein bisschen Zeit verbringen – davon ging sie aus. «Wir hatten nicht einmal die Möglichkeit, uns von unseren Freunden zu verabschieden.» Das habe sie ihnen bis ins Teenageralter nicht verziehen, sagt die heute 37-Jährige ohne Groll, beinahe sanft. Dabei, wisse sie mittlerweile, hätten sie das einzig Richtige getan: «Meine Eltern haben gespürt, dass sich ein Krieg anbahnt, und folgerichtig alles daran gesetzt, dass wir Jugoslawien so schnell wie möglich verlassen.»

Dem Elend des Krieges entkam sie. Den Wirren der Pubertät, in die sie quasi über Nacht hineingeschlittert sei, sei sie hingegen machtlos ausgeliefert gewesen. «Die ersten fünf Jahre war ich gut in der Schule, danach verlor ich komplett den Boden unter den Füssen.» Mehrmals von der Schule geflogen, stand sie mit 17 Jahren ohne Abschluss und ohne jegliche berufliche Perspektive da. Gestört habe sie das nicht, sagt sie kopfschüttelnd, als könne sie selbst nicht mehr glauben, was damals mit ihr los war. «Diese Null-Bock-Haltung liess meine Mutter regelrecht verzweifeln», sagt sie und fährt mit den Fingern über das streng nach hinten gebundene Haar. Ihr lebhafter Blick schweift für einen Moment in die Ferne, bevor sie mit einem breiten Lächeln fortfährt: «Irgendwann machte sie eine klare Ansage: Du fängst jetzt die einjährige Ausbildung zur Pflegeassistentin an und ziehst danach aus.» Auf diesen Deal liess sie sich ein. «Die Arbeit tat mir tatsächlich gut. Wie im Militärdienst lernte ich Disziplin und Ausdauer. Seither habe ich nicht aufgehört, mich weiterzubilden. Zur Überraschung meiner Mutter, denn die glaubte tatsächlich, dass ich für die Gesundheitsbranche zu asozial sei», erzählt sie vergnügt.

Der Rest ihrer beruflichen Karriere liest sich fast wie ein Hollywood-Drehbuch: 4-jährige Ausbildung zur Pflegefachfrau, 3-jährige Managementausbildung im Gesundheitswesen, mehrere leitende Funktionen in Spitälern. Wäre sie vor knapp zwei Jahren nicht unerwartet Mutter geworden, hätte sie auch noch ein Masterstudium angefangen. «Das hole ich nach, das steht fest – nur der Zeitpunkt noch nicht.»

Heute doziert Lisanin am Berner Bildungszentrum Pflege. «Ich unterrichte in einem 90-Prozent- Pensum alle Fächer, die einen Praxisbezug haben – von der Infusion über die Körperpflege bis hin zur Ernährung.» Damit sie selbst den Bezug zur Praxis nicht verliere, arbeite sie ausserdem einmal im Monat im Tiefenauspital. In einer Branche, die derart chronisch unter Fachkräftemangel leidet, ist sie nicht die einzige qualifizierte Arbeitskraft mit internationalen Wurzeln. 2013 lag der gesamtschweizerische Durchschnitt alleine bei Mitarbeitenden ohne Schweizer Pass bei 33,5 Prozent, in der Genferseeregion sogar bei knapp über 45 Prozent. «Ob Putzfrau oder Chefärztin – das Schweizer Gesundheitssystem würde ohne Menschen mit Migrationshintergrund nicht funktionieren», sagt sie und hält abrupt das Babyphone ans Ohr. Der Wirbelwind ist wieder wach.

33,5 % der Beschäftigten in Schweizer Spitälern haben keinen Schweizer Pass.

Ana Lisanin Bibic. Foto: © Claudia Link
Ana Lisanin Bibic. Foto: © Claudia Link