Woher kommst du eigentlich?

Ist diese oft gestellte Frage gut gemeinter Ausdruck ehrlicher Neugierde und total legitim oder steht womöglich doch mehr dahinter? Etwa die unterschwellige Botschaft: Du siehst anders aus, also gehörst du nicht zu 100 Prozent hierher. Dies wird im deutschsprachigen Raum derzeit kontrovers diskutiert. Während die einen darin eine Form von rassistisch motivierter Ausgrenzung sehen, fühlen sich andere als Opfer einer hysterischen Gesellschaft, die sie unter dem Deckmantel der Political Correctness mundtot machen will. So diametral entgegengesetzt die Meinungen auch sein mögen, sicher ist: Öffentliche Diskurse wie diese führen uns vor Augen, dass es auch in der Schweiz darum geht, Identitäten neu zu definieren und sie den veränderten gesellschaftlichen Realitäten anzupassen. Die MIX wollte von zwei Afroschweizerinnen wissen, wie sie mit der vermeintlich unverfänglichen Frage umgehen.

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Danielle Noelle Harris ist selbstständige Designerin und unterrichtet am Institut für Modedesign in Basel.
Danielle Noelle Harris ist selbstständige Designerin und unterrichtet am Institut für Modedesign in Basel.

Herkunft in Zahlen

Danielle Noelle Harris weist auf die Komplexität der Frage hin.

Wo kommst du her?» – eine Frage deren Antwort je nach Jahrzehnt von Begeisterung bis Ekel hervorruft. Hier einige Beispiele möglicher Antworten auf diese Frage in meinem Fall, als Doppelbürgerin mit der amerikanischen und schweizerischen Staatsangehörigkeit.

Frage: Wo kommst du her? Ich komme aus New York. Mögliche Antwort: Ah, coole Stadt, wollte ich auch schon immer mal hin. Ich komme aus New York. Mögliche Antwort: Ah, aber das ist nicht wie der Rest der USA. Ich komme aus New York. Mögliche Antwort: Ah, in dieses Land würde ich nie reisen, das interessiert mich nicht.

Chinesische Parteifunktionäre versuchen in Gesprächen mit Ausländern oft, deren Meinung über China zu erfahren. Sobald man eine bestimmte Charakteristik oder eine Erfahrung mit dieser sehr alten Kultur ausgesprochen hat, erhält man eine Einschätzung seiner Heimat als Rückmeldung. Diese Rückmeldung erfolgt in statistischen Zahlenverhältnissen. Ein Versuch, mit Zahlen eine Frage zu beantworten, die mir so oft gestellt wurde, dass ich sie kaum noch beachte. Da die Frage sowie die Antworten den Rahmen der Belanglosigkeit, den Smalltalk, selten überwinden.

Die Schweiz und die USA in Zahlen:

USA: Gesamtbevölkerung 325 Millionen; Ethnien: White American, White Hispanic, Black American, Asian Hispanic, Asian American, American Indian, Alaska Native, Native Hawaiian, Pacific Islander, Mixed Race etc.

Schweiz: Gesamtbevölkerung 8,3 Millionen, Ethnien nicht aufgeführt. Ausländeranteil an der ständigen Wohnbevölkerung 25 Prozent. Die zehn häufigsten Nationalitäten der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung: Italien (311 742), Deutschland (360 691), Portugal (267 474), Frankreich (122 970), Kosovo (106 879), Spanien (82 334), Serbien (71 260), Türkei (69 215), Mazedonien (64 448), Grossbritannien (41 766).

Meine chinesische Antwort «as half American» mit dem Schweizer Pass, dunklem Teint und Solothurner Dialekt spiegelt die Komplexität der Frage wieder.


Jovita Pinto ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Bern und Mitglied von Bla*Sh – Netzwerk Schwarzer Frauen in der Deutschschweiz. Sie lebt in Zürich.
Jovita Pinto ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Bern und Mitglied von Bla*Sh – Netzwerk Schwarzer Frauen in der Deutschschweiz. Sie lebt in Zürich.

Die Schweiz ist nicht nur weiss

Jovita Pinto fordert andere Vorstellungen von Zugehörigkeit.

Es gibt wohl keine Frage, die den europäischen Alltagsrassismus besser auf den Punkt bringt als «Woher kommst du?». Seit der Kolonialzeit führen uns Werbung, Kinderbücher, Politdebatten und Zeitungen vor, dass Europa der Kontinent der Moderne ist, Heimat der Aufklärung, Ursprung der Menschenrechte und Staatsdemokratie. Die Menschen, die diese Kultur horten, sind weiss: Sie heissen Müller, Meyer oder Moser, haben eine rosa durchzogene Haut, nicht allzu dunkle und mit Präferenz glatte Haare. Wer dem nicht entspricht, wird verdächtigt, vom «Rest der Welt» zu sein, von einem der rückständigen Orte, wo Ungleichheit und Archaik fortbestehen und die Menschen nicht weiss sind. Während diese Annahme ausserhalb von Europa koloniale Projekte legitimierte, wird sie nun mitten unter «uns» für soziale, ökonomische und politische Ausschlüsse herangezogen.

Wenn also Nichtweissen diese Frage gestellt wird, schwingt meist schon ein Teil der erwarteten Antwort mit: «Du bist nicht von hier!» Wenn ich als schwarze Schweizerin sage, «Doch!», gibt es wenig Akzeptanz: «Und deine Eltern? Deine Grosseltern? Bist du adoptiert?». Die Fragerei endet, wenn mein aussereuropäischer Vorfahre gefunden ist. Die Neugierde bestätigt, was «sie» schon lange wussten: Weisse sind aus Europa, die anderen nicht. Weisssein erlaubt es, zu überwachen, wer dazugehört und wer nicht. 

«Bei der Frage fühle ich mich verloren», «Sie ist entwaffnend», «Sie kommt immer als Erstes», «Die Frage nervt!», erzählen mir schwarze Freundinnen. In der Öffentlichkeit werden ihre Stimmen als unverständliches, störendes Rauschen wahrgenommen, denn über Rassismus wird weiterhin am liebsten geschwiegen. Unsere Antennen müssen neu ausgerichtet werden. Wir müssen unsere heimischen Ausschlusstraditionen verlernen, andere Vorstellungen von Zugehörigkeit in Umlauf bringen und uns Schweizer Geschichte mit Nichtweissen anhören. Die bessere Frage wäre: «Wohin wollen wir?»