Der Inländervorrang ist älter als das Ragusa

In tatsächlichen und vermeintlichen Krisenzeiten war die Forderung nach einem Inländervorrang schon mehrmals schnell zur Hand. Vielleicht zu schnell.

Text: Simone Lappert

Als die Schweiz im Februar 2014 nach emotionalen Debatten über die Masseinwanderungsinitiative abstimmte, zeigte sie sich für Einwanderungswillige nicht von ihrer Schokoladenseite. 50,3 Prozent der Stimmberechtigten haben die Verfassungsänderung angenommen und sich für die Einführung von Kontingenten zur Limitierung der Zuwanderung ausgesprochen. Noch ist nicht definitiv entschieden, in welcher Form das genau umgesetzt werden soll und kann. Die Diskussionen gehen weiter.

Was dabei gerne vergessen geht: Die Forderung nach einem Inländervorrang ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Bereits im ausklingenden 19. Jahrhundert wurde die Schweiz im Zuge der schnell voranschreitenden Industrialisierung zu einem von vielen Einwanderungsländern. Menschen verliessen ihre Heimat, um in Übersee neu anzufangen oder dank dem Bauboom in weiten Teilen Europas dem Ruf nach billigen Arbeitskräften nachzukommen. Städte wuchsen, Gebäude wurden höher, die Erfindung der Eisenbahn schuf zahlreiche Streckenbaustellen, es gab viel zu tun – auch in der Schweiz. Was unweigerlich zu vielen politischen Diskussionen rund um die von jenseits der Grenze herbeieilenden Arbeiter führte.

In der Bundesstadt etwa kam 1893 der Begriff «Italienfrage» auf, nachdem arbeitslose Handlanger auf Berner Baustellen mit Knüppeln gegen italienische Arbeiter vorgingen, deren Anzahl seit dem Gotthardbau zugenommen hatte. Eine Konkurrenzsituation, die zu jener Zeit in städtischen Gebieten kein Einzelfall war. Zwar war der Bedarf an Arbeitskräften gross, doch gerade gering qualifizierte Schweizer Arbeiter standen offenbar immer wieder in Konkurrenz mit den Arbeitskräften aus Italien. In der Folge entstand 1893 in Bern ein Handlangerbund, der in seinen Statuten den «Schutz seiner Mitglieder gegen überm.ssigen Andrang auswärtiger Arbeitskräfte» forderte. Die Sozialdemokraten lancierten sogar eine Initiative mit dem Titel «Gewährleistung des Rechts auf Arbeit», in der ebenfalls «gesetzlicher Schutz der einheimischen Arbeiter vor fremder Konkurrenz» gefordert wurde. Die Antwort der Stadt Bern waren aber nicht geschlossene Grenzen, sondern die Einführung der ersten städtischen Arbeitslosenkasse der Schweiz. Mit dem kleinen Makel, dass sie nur für Arbeiter mit Schweizer Herkunft zugänglich war.

Obwohl die Anzahl der Ausländerinnen und Ausländer zwischen den beiden Weltkriegen stetig abnahm, dominierte ein zunehmender Überfremdungsdiskurs Politik und Gesellschaft. Bereits 1933 wurde seitens der Bundesbehörden ein Arbeitsverbot für Flüchtlinge verhängt, die zudem schnellstmöglich in Drittländer abgeschoben wurden. Begründet wurden die Massnahmen damit, dass man antisemitischen Reaktionen vorbeugen wolle. Die «Italienfrage» war schleichend in die sogenannte «Judenfrage» übergegangen. Wie verworren die Interessen und Argumente im Überfremdungsdiskurs bisweilen ineinander greifen, bekam auch der jüdische Chocolatier Camille Bloch zu spüren. 1935 konnte er im jurassischen Courtelary dank eines Kredits der Gemeinde eine in Konkurs gegangene Papierfabrik übernehmen, um sie in eine Schokoladenfabrik umzuwandeln. Unter der Bedingung allerdings, nur Einheimische einzustellen. Während des Zweiten Weltkriegs mischte Bloch seinen Schoggistängeln günstige Haselnüsse anstelle des knapp gewordenen Kakaos bei und erfand so den Bestseller Ragusa. Doch nicht allen waren die Leckereien aus jüdischem Haus genehm. Firmenintern rüsteten sich bereits Mitarbeiter, um den Betrieb bei einem allfälligen Einmarsch der Nationalsozialisten zu übernehmen.

Je freier der Markt, so scheint es, desto schneller dreht sich der Wind und desto häufiger ertönt von verschiedenen Seiten der Ruf nach geschlossenen Grenzen. Ein Blick in die Geschichtsbücher mahnt zur Skepsis, wenn es um vermeintliche Schnelllösungen wie den Inländervorrang und Grenzschliessungen geht.

Käfigturmkrawall von Bern 1893. Foto: © Bernisches Historisches Museum / Stefan Rebsamen.
Käfigturmkrawall von Bern 1893. Foto: © Bernisches Historisches Museum / Stefan Rebsamen.