Die transkulturelle Kompetenz erweitern

Im Pilotprojekt «Brückenbauerinnen Gundeli» unterstützen interkulturelle Vermittlerinnen sozial benachteiligte Eltern in Fragen rund um den Familienalltag. Mit Erfolg, wie sich zeigt.

Text: Simone Lappert

Es herrscht reger Betrieb im Büro von HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) in Basel. Dennoch nehmen sich Cornelia Conzelmann und Irene Zwetsch Zeit für ein Gespräch. Schliesslich geht es um das Pilotprojekt «Brückenbauerinnen Gundeli», das auf Initiative einer Fachgruppe im Quartier entstand und beiden Frauen sehr am Herzen liegt. Grundlage für die Lancierung war die Beobachtung, dass es zwischen Bildungsinstitutionen und Eltern mit wenig Deutschkenntnissen wiederholt zu Missverständnissen kommt, die letztlich den Kindern zum Nachteil werden. «Oft geht es in der Umsetzung um alltägliche Kleinigkeiten, die schnell zur Überforderung werden», sagt Zwetsch und konkretisiert: «Es handelt sich um Einladungen zu Gesprächen, die die Eltern verunsichern, Aufforderungen zur Impfung, Anmeldungen zu ausserschulischen Freizeitaktivitäten oder anstehende Arztbesuche.»

Seit Mai 2017 beschäftigt HEKS in Basel nun sechs interkulturelle Vermittlerinnen in den Sprachen Albanisch, Arabisch, Englisch, Italienisch, Mazedonisch, Portugiesisch, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Türkisch und Deutsch. Die Brückenbauerinnen besuchen die Familien zu Hause oder an einem Ort ihrer Wahl, begleiten sie zu Schulanlässen oder geben Informationsführungen durch die Stadt, je nach Bedürfnis. Die Beratungen sind für die Familien kostenlos. Die Vertrauensbildung sei wichtig, betont Zwetsch. Die ausgebildeten Brückenbauerinnen hätten alle selbst eine Migrationsgeschichte, seien mit den Orientierungsproblemen im Alltag vertraut und deshalb glaubwürdige Bezugspersonen. «Es geht uns darum, den Blick zu verändern», sagt Zwetsch, «nicht nur die Probleme zu sehen, sondern die transkulturelle Kompetenz zu erweitern.»

«Wenn wir die Eltern in ihrer Rolle stärken, bekommen die Kinder die Chance, sich bestmöglich zu entwickeln», ist auch Conzelmann überzeugt, sie ist für die Projektkoordination zuständig und war massgeblich an der Ausarbeitung des Konzepts beteiligt. Analysen und Konzepte im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich gehören zum Fachgebiet der umtriebigen Ärztin. Für eine Bilanz sei es wohl noch zu früh, übernimmt Zwetsch wieder das Wort, die Rückmeldungen seien aber durchwegs begeistert, sowohl vonseiten der Bildungsinstitutionen als auch von den begleiteten Familien. Dass die Nachfrage gross ist, bestätigt auch Selzime Arslani, die als Brückenbauerin für italienisch- und mazedonischsprachige Familien tätig ist. «Ich wusste gar nicht, dass es so viele italienische Familien im Gundeli gibt», sagt sie am Telefon. «Die Eltern sind sehr dankbar, ich begleite sie zu Anlässen, übersetze Briefe, die sie vom Kindergarten oder der Schule bekommen, helfe, die Kinder für Sportkurse anzumelden oder in gesundheitlichen Fragen zu vermitteln.» Der gute Ruf des Projekts spreche sich schnell herum, so Arslani. Vorerst ist das Pilotprojekt auf das Gundeldingerquartier begrenzt und wird extern evaluiert. Über eine spätere Ausweitung des Projekts auf andere Quartiere würden sich nicht nur Zwetsch und Conzelmann, sondern sicherlich auch weitere Familien freuen. Am Bedarf dürfte es nicht fehlen.

Brückenbauerinnen Gundeli

Das Projekt wird von der Christoph Merian Stiftung, dem Erziehungsdepartement und dem Präsidialdepartement Basel-Stadt gesteuert und finanziert, für die Durchführung ist die HEKS-Regionalstelle beider Basel verantwortlich, unter der Leitung von Irene Zwetsch.

www.heks.ch > Brückenbauerinnen Gundeli