«Auch mit Migrationshintergrund kann man vieles erreichen»

Keita Mutombo ist stolz auf die Schweiz und seit letztem Jahr Bundesverwaltungsrichter. Die juristische Präzision fasziniert ihn seit seiner Jugend.

Interview: Philipp Grünenfelder

MIX: Herr Mutombo, Ihre ersten Lebensjahre verbrachten Sie in der Demokratischen Republik Kongo. Welche Beziehung haben Sie heute zu Ihrem Geburtsland?

Keita Mutombo: Ich bin seit dem frühen Kindesalter nicht mehr dort gewesen. Vonseiten meiner verstorbenen Mutter habe ich allerdings einen Bruder, mit dem ich gelegentlich Kontakt pflege. Ich freue mich darauf, dieses potenzialreiche Land bei nächster Gelegenheit bereisen zu können.

Vermeintliche Gegensätze vereinen Sie auch in anderen Lebensaspekten: Sie sind SP-Mitglied und waren gleichzeitig Armeeoffizier. Ein Widerspruch?

Für mich ist das kein Widerspruch. Schon die Verfassung verpflichtet jeden männlichen Schweizer dazu, Militärdienst zu leisten. Zudem können Angehörige der Armee von Gesetzes wegen zur Bekleidung eines höheren Grads verpflichtet werden. Als demokratischer Schweizer war und bin ich stolz, unserem schönen Land gedient zu haben. Mit Bezug auf Führungs- und  Sozialkompetenzen kann man in der Armee sehr viel lernen, und es war für mich eine wertvolle Lebens- und Charakterschule. Eine der wichtigsten Aufgaben der Schweizer Armee ist die (inter-)nationale Friedensförderung. Und ich bin überzeugt, dass etwa bei der Bewältigung von Naturkatastrophen die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sehr froh über die Armee sind.

Als Sie vergangenes Jahr zum Bundesverwaltungsrichter gewählt wurden, stand in den Medien vor allem Ihre Hautfarbe im Vordergrund. Wie geht man mit einer solchen einseitigen Berichterstattung um?

Ich habe die Berichterstattung vor allem auch zum Anlass genommen, meinen Richterkolleginnen und -kollegen zu ihrer Wahl bzw. Wiederwahl zu gratulieren. Im Übrigen dürfen diese Medienberichte meines Erachtens nicht überbewertet werden. Da ich in Bern und Freiburg aufgewachsen bin, wo ich auch meine gesamte schulische Ausbildung sowie meine Studien absolviert habe, war die Wahl für mich mit Blick auf meine Hautfarbe nichts
Spezielles. Für die Vereinigte Bundesversammlung, die mich gewählt hat, offenbar auch nicht. Das spricht für das Land. Den Medien habe ich diesbezüglich ein gewisses Verständnis entgegengebracht, zumal medial gerne über Pioniere oder erstmalige Gegebenheiten berichtet wird. So war es beispielsweise auch bei der ersten Schweizer Kampfjetpilotin oder der ersten Bundesrichterin der Schweiz. Im Vordergrund steht für mich die Tatsache, dass man in der Schweiz auch mit Migrationshintergrund vieles erreichen kann, wenn man will und sich dafür eignet.

Die Rechtswissenschaft und die Rechtsprechung sind für viele eine trockene Materie. Was fasziniert Sie persönlich daran?

Der präzise sprachliche Ausdruck in Gesetzestexten und Urteilen. Bereits in meiner Jugend konnte ich mich unter anderem für Justizfilme begeistern. Die raffinierten Parteibefragungen und Plädoyers der Parteivertreter sowie die Urteilsfindung der Richterinnen und Richter haben mich schon immer fasziniert. Als Richter erachte ich es als Privileg, Rechtsfragen unparteiisch und unabhängig beurteilen zu dürfen, was ich sehr schätze und wofür ich dankbar bin.