Mainz liegt fast in Basel

Schon vor 150 Jahren herrschte in Schweizer Städten Wohnungsnot. Da kam in Basel ein deutsches Spekulantenprojekt gerade recht.

Text: Philipp Grünenfelder

Das Stadtleben erfährt eine regelrechte Renaissance, und die urbanen Zentren ziehen immer mehr Menschen an. Unliebsame Folge davon und vom gleichzeitig massiv gestiegenen Platzbedarf pro Person ist das zu knappe Wohnraumangebot. Verdichtung und Umnutzung von Industriearealen heissen die Lösungen, denn eine weitere Ausdehnung der Siedlungsflächen ist entweder nicht möglich oder nicht erwünscht. Ganz anders vor 150 Jahren, als die Städte wegen der grossen Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem In- und Ausland ebenfalls aus allen Nähten platzten. Damals behalf man sich mit neuen Wohnquartieren auf der grünen Wiese. 

Mainzer Quartier sollte in Basel eines davon heissen. Ein am Reissbrett entworfener neuer Stadtteil hinter dem Centralbahnhof, dem heutigen Bahnhof SBB. Den dazugehörigen Bebauungsplan legte 1874 die «Süddeutsche Immobilien-Gesellschaft» aus Mainz vor – für eine Fläche, halb so gross wie das ganze damalige Siedlungsgebiet innerhalb der noch bestehenden Stadtmauer. Weil die Behörden im Eiltempo darauf einstiegen und das Land grösstenteils bereits erworben war, wandelten die Mainzer mit lokalen Investoren die weitläufigen Getreidefelder und drei Landschlösschen innert weniger Jahre zu einem Grossstadtquartier. Nur einen Wunsch schlugen ihnen die Stadtoberen unter dem Eindruck des damaligen patriotischen Eifers aus: Das Quartier erhielt den Namen Gundeldingen, die beiden wichtigsten Plätze die Namen Tell und Winkelried. International ist das Quartier dennoch geworden: Der Ausländeranteil liegt derzeit bei rund 40 Prozent, und auch die damals befürchtete «schleichende Katholisierung» des protestantischen Basels durch die Zugezogenen aus der Innerschweiz und Italien trat nicht ein. Die Hälfte der 19 000 Quartierbewohnerinnen und -bewohner ist heute – konfessionslos.