Neue Wege gehen

In Bern läuft das schweizweit einmalige Pilotprojekt «Caritas Perspektive», das private Investoren vorfinanzieren. Mittels Jobcoaches soll es die Erwerbsquote von Flüchtlingen nachhaltig steigern.

Text: Philipp Grünenfelder

Das Medieninteresse war gross, als die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern 2015 zusammen mit der Unternehmerinitiative «Fokus Bern» das Pilotprojekt «Caritas Perspektive» vorstellte. Für Aufsehen sorgte vor allem die neuartige und vom Vermögensverwalter Marc Baumann vorgeschlagene Finanzierungsform. Demnach schiessen Private die Kosten vor und der Staat entgilt am Ende sowohl die Investoren als auch die Leistungserbringerin Caritas Bern erfolgsabhängig. Ob die wirkungsorientierten Ziele erreicht werden, entscheidet 2020 eine wissenschaftliche Evaluation. Grundsätzlich möchten die Verantwortlichen bis dahin rund 60 anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. «Im Moment können wir noch keine verbindlichen Aussagen zur Zielerreichung machen», erklärt Projektleiter Philippe Lindegger. Aber er sieht sich mit seinem Team von zwei Jobcoaches auf gutem Weg.

Früh und sorgfältig begleiten

«Damit wir Erfolg haben, braucht es in jedem einzelnen Fall einen sorgfältigen Start», sagt Lindegger und meint damit die intensive Abklärungsphase mit Sprachstanderhebung, Situationsanalyse und einem zehntägigen Berufsassessment. «Erst danach beginnen wir die aktive Stellensuche, denn es bringt niemandem etwas, wenn man auf einen zwar begehrten, aber unpassenden Arbeitsplatz vermittelt wird», so der Projektleiter. In dieser Phase komme es durchaus vor, dass bei den Teilnehmenden auch einmal unrealistische Ziele und Vorstellungen zurechtgerückt werden müssen, «aber vor allem können wir aufgrund der erkannten Potenziale neue Perspektiven für ein finanziell unabhängiges und sinnstiftendes Leben aufzeigen». Die schulischen, beruflichen und sprachlichen Kenntnisse sind dabei das eine. Zu den persönlichen Lebensläufen gehören neben Erfahrungen in ganz anderen Arbeitskulturen teilweise auch traumatische Kriegs- und Fluchterlebnisse. «Entsprechend wichtig ist es, dass wir ihnen die Schweizer Arbeitswelt erklären, aber auch die künftigen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber miteinbeziehen. Denn diese müssen wissen und verstehen, weshalb ihre neuen Mitarbeitenden allenfalls mehr Zeit brauchen, um sich zurechtzufinden», gibt Lindegger zu bedenken.

Unternehmen unterstützen

«Das erfordert viel Vertrauen, das wir über die Kontakte der Unternehmerinitiative ‹Fokus Bern› noch besser in die Malergeschäfte, Restaurants oder IT-Firmen tragen können», sieht Lindegger einen der Vorteile im neuartigen Projekt. Unsicherheiten und Unklarheiten könnten letztendlich nur im Dialog geklärt werden und dies oft schon bevor man einen Betrieb für die Anstellung oder Ausbildung von Flüchtlingen gewinnen könne. «Viele sehen zuerst persönliche und unternehmerische Risiken», weiss er, «aber auf diese können wir eingehen und Bedenken zerstreuen oder zumindest abschwächen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir auch über Eigenschaften wie etwa Teamfähigkeit, Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit unserer Teilnehmenden Auskunft geben können.» Im Idealfall resultiert daraus eine neue Arbeitsmöglichkeit, «wobei nicht immer eine Standardlösung die beste ist und es sein kann, dass wir gemeinsam die Jobprofile den jeweiligen Fähigkeiten anpassen müssen». Indem etwa vereinbart wird, dass die Anforderungen an die jeweiligen Aufgaben schrittweise gesteigert werden. «Gleichzeitig organisieren wir nach Bedarf flankierende Massnahmen wie qualifizierende Kurse», sagt er und fordert hierzu noch mehr Flexibilität seitens der Gesetzgebung und der Behörden – insbesondere in Bezug auf situationsbezogene Entlohnungsmodelle. Weil neben vielen schönen Erfolgsgeschichten gleichwohl nicht immer alles reibungslos verläuft, stehen die Jobcoaches sowohl den Teilnehmenden als auch den Arbeitgebenden über den Anstellungszeitpunkt hinaus zur Verfügung und führen etwa regelmässig Standortgespräche durch. «So oder so ist es toll, wie im gesamten Prozess alle aneinander wachsen und sowohl ihren beruflichen wie persönlichen Horizont erweitern können», weiss Lindegger – und geht wieder an die Arbeit.

www.caritas-bern.ch
www.fokus-bern.ch