«Flüchtlingsfrauen unterstellen wir, konservativ zu sein»

Die Soziologin Katja Rost forscht an der Universität Zürich zu Geschlechterfragen in der Wirtschaftswelt.

Interview: Philipp Grünenfelder

MIX: Frau Rost, in den öffentlichen Debatten um die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen scheinen Frauen kaum eine Rolle zu spielen. Stimmt dieser Eindruck?

Katja Rost (KR): Ja, bei Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen beobachte ich das durchaus. Allerdings liegt das auch daran, dass mit den jüngsten Flüchtlings- bewegungen signifikant mehr Männer als Frauen in die Schweiz gekommen sind. Letztere bleiben tendenziell lieber im Hintergrund und stehen weniger im Fokus der Medien, die sich vorzugsweise auf die Einzelfälle verhaltensauffälliger Männer konzentrieren.

MIX: Worauf führen Sie das zurück?

KR: Auf Vorurteile in der Aufnahmegesellschaft: Insbesondere Frauen aus Eritrea oder Syrien unterstellen wir gerne pauschal, dass sie aus konservativen Wertesystemen kommen und deshalb weder Bildung mitbringen, noch arbeiten dürfen. In der breiten Bevölkerung werden sie infolgedessen erst gar nicht mit der Thematik Lohnarbeit in Verbindung gebracht. Interessant ist, dass wir hier gleich auf ein grosses Dilemma in Bezug auf unser eigenes Wertesystem stossen.

MIX: Wie meinen Sie das?

KR: Aufgrund dieser weit verbreiteten Vorurteile vereinfachen und diskriminieren wir vorschnell. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass manche dieser Zuschreibungen tatsächlich zutreffen können. Sofort fordern wir dann für diese Frauen «befreite», «modernere» Rollen. Allerdings geht dabei vergessen, dass Frauen vielleicht gar keine «moderne» Rolle wollen. Wann diskriminieren wir nun, und wann gehen wir angemessen auf die unterschiedlichen Erfahrungen ein?

MIX: Wollen sich denn Frauen mit traditionellen Rollenbildern weniger in den Arbeitsmarkt integrieren?

KR: Nein, so pauschal möchte ich das nicht sagen, denn auch viele dieser Frauen haben hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft Vorstellungen und Ziele. Umgekehrt empfinden Frauengruppen mit traditionellenRollenbilderndiesnicht als Mangel oder rückständig. Sie kennen nichts anderes. Bei der Frage, wie man Letzteren begegnet, dürfen wir nicht vergessen, dass selbst innerhalb unserer Aufnahmegesellschaft die Geschlechterrollen kontrovers diskutiert werden.

MIX: Nehmen wir an, eine Frau will oder darf nicht arbeiten. Was bedeutet das für ihre Integration?

KR: Das Arbeitsumfeld ist auch für die soziale und sprachliche Integration sehr wichtig. Neben Schulen, Vereinen oder Anlaufstellen ist es der wichtigste Begegnungsort. Noch bevor es um die Frage der Arbeitsintegration geht, stellt sich die- jenige nach dem Familienmodell, in dem eine Frau lebt. Will oder soll sie ganz grundsätzlich rausgehen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben oder nicht? Und wenn sie das tut, müssen wir uns dann nicht auch die selbstkritische Frage stellen, ob sie auf die notwendige Offenheit trifft. Spricht jemand mit ihr, wenn sie z.B. mit ihren Kindern auf dem Spielplatz ist?

MIX: Als Ort des gesellschaftlichen Lebens nennen Sie u.a. die Schule. Haben traditionelle Familienmodelle Auswirkungen auf die Integration des Nachwuchses?

KR: Durchaus. Wir wissen aus Studien, dass Frauen, die vornehmlich zu Hause bleiben, den Nachwuchs weniger früh in externe Betreuungsstrukturen mit Spracherwerb geben. Weil ihnen das fremd ist, ihnen die Informationen dazu fehlen oder sie schlicht kein Geld dafür haben. Aber für Kinder ist es wichtig, dass sie möglichst früh mit der lokalen Sprache in Berührung kommen. Nehmen ihre Männer an Elterngesprächen teil, obwohl sie sonst wenig an der Erziehung beteiligt sind, dann können Mütter ihre Kinder beispielsweise schlechter bei den Hausaufgaben unterstützen und es entgeht ihnen – wie beim fehlenden Arbeitsumfeld – eine wichtige Vernetzungsmöglichkeit.

MIX: Sprechen wir von den Frauen, die arbeiten wollen. Auf welche Hürden stossen sie?

KR: Wir wissen, dass alle spät migrierten Menschen, also diejenigen ohne hiesige Schul- und Berufsbildung, auf dem Weg in den Arbeitsmarkt viele Steine beiseite räumen müssen. Bei Frauen kommen die Stichworte Mehrfachdiskriminierung
oder Vereinbarkeit von Beruf und Familiehinzu. Neben den offensichtlichen Merkmalen wie etwa dem Namen, der Kleidung oder der Hautfarbe, die zu Ausgrenzung führen, sehen sich Frauen mit den bereits angesprochenen Vorurteilen wie Bildungsferne und fehlende Emanzipation konfrontiert. Unter dieser Generalisierung leiden auch gut oder sehr gut ausgebildete Frauen.

MIX: Bleiben wir vorerst bei Frauen mit weniger guter Bildung.

KR: Unqualifizierte Frauen sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen. Ein besonders hohes Risiko trifft sie dann, wenn sie jung Kinder bekommen haben und von ihren Partnern getrennt leben. Sie wären dringend auf gute familienergänzende Angebote angewiesen. Doch meist arbeiten sie in Branchen, in denen adäquate Kinderbetreuungsangebote fehlen. Wenn sie Schicht arbeiten und spätestens um 7 Uhr früh auf der Matte stehen müssen, hat noch kaum eine Krippe offen – abgesehen davon, dass diese kaum bezahlbar wäre. Hinzu kommt ein erhöhtes Kündigungsrisiko. Wenn ihr Kind einmal eine Woche krank ist und sie zu Hause bleiben müssen, riskieren sie zum Beispiel schnell einmal eine rote Karte. Solche Strukturen diskriminieren in erster Linie Frauen bzw. Mütter.

MIX: Bisher sprachen wir vor allem über junge Frauen. Wie sehen die Chancen für ältere aus?

KR: Wenn sie nicht bereits eine lokale Sprache sprechen und ein Mindestmass an Qualifikationen mitbringen, besonders düster. Man muss sich dann ganz genau fragen, welche Qualifizierungsmassnahmen neben dem Spracherwerb noch sinnvoll sind, wo ein Einsatz wirklich möglich wird. Das sind heikle Fragen, die etwa Berufsberater klären müssen. Denn diese Frauen können zwar durchaus ihren Platz finden und Perspektiven entwickeln, aber man muss in Anbetracht des fortgeschrittenen Alters berücksichtigen, was es heisst, ganz von vorne zu beginnen. Im Zuge der Digitalisierung und des erwarteten Wegfalls unqualifizierter Berufe wird sich diese Frage noch akzentuieren – bei allen Menschen jeden Alters, die nur für schlecht qualifizierte Berufe infrage kommen.

MIX: Das heisst, gut qualifizierte Frauen haben es einfacher?

KR: In Bezug auf die bisher angesprochenen Herausforderungen ganz sicher. Allerdings müssen auch gut qualifizierte Frauen eine lokale Sprache oder Englisch sprechen. Und sie haben das Problem, dass die Diplome aus der Heimat nicht oder nur teilweise anerkannt werden.

MIX: Gut qualifizierte Frauen kommen teilweise auch aus Ländern, in denen bessere familienergänzende Strukturen angeboten werden oder wo es selbstverständlich ist, in geschlechteruntypischen Berufen zu arbeiten. In Indien etwa studieren weit mehr Frauen naturwissenschaftliche Fächer als hierzulande. Wie gehen sie mit diesem «Abstieg» um?

KR: Damit können sie sich meist arrangieren. Aber gerade beim letzten Punkt sollte man auch sehr aufpassen, dass man diesen Frauen nicht ebenso vorurteilsbelastet ein progressives Rollenverständnis zuschreibt. Wir wissen aus Indien oder Ländern mit vielen Eltern in wirtschaftlich weniger komfortabler Lage, dass Frauen sogenannt männertypische Studienrichtungen oder Berufe oft aus rein ökonomischen und nicht aus emanzipatorischen Überlegungen wählen. Auch gut ausgebildete Frauen können sowohl traditionelle wie auch progressivere Rollenbilder leben.

MIX: Sprechen wir noch über die Gruppe junger Migrantinnen – oder auch Migranten –, die durch Familiennachzug oder durch Heirat in die Schweiz kommen. Wie zeichnet sich hier das Bild?

KR: Interessant finde ich den Fall, wenn eine hier aufgewachsene Seconda einen Mann aus dem Herkunftsland ihrer Familie heiratet. Studien in Deutschland zeigen etwa, dass Türkinnen sehr gut integriert und ausgebildet sind. Gleichwohl bleiben sie mit ihrer hybriden Identität konfrontiert, fühlen sich trotz Emanzipation den Traditionen ihrer Eltern verbunden. Diese Frauen heiraten oft Männer aus der Türkei. So pflegen sie die Herkunftstradition und behalten gleichzeitig den emanzipierten gesellschaftlichen Status.

Soziologin Katja Rost. Foto: © John Flury
Soziologin Katja Rost. Foto: © John Flury