Chancen kreieren – und packen

Die Erwerbsarbeit ist ein wichtiger Schritt zur sozialen Integration. Menschen ohne Schweizer Schul- und Berufsbildung fällt der Einstieg in den Arbeitsmarkt allerdings oft schwer. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Lösungen.

Text: Philipp Grünenfelder

Schaffe, schaffe, Häusle baue! Mit dieser Redensartschreiben wir unseren schwäbischen Nachbarn augenzwinkernd eine ausgeprägte Arbeitsmoral zu – ganz im Wissen um die eigene Beziehung zur Erwerbsarbeit, dem Pflichtbewusstsein und dem Streben nach Eigenständigkeit. «In der Schweiz hat die Arbeit einen hohen Stellenwert», antwortet denn auch Adrian Gerber, Chef Integration beim Staatssekretariat für Migration (SEM), als Erstes auf die Frage, weshalb die Arbeitsmarktintegration in öffentlichen Debatten so viel Gewicht hat. «Man erwartet, dass alle Erwerbsfähigen einen nachhaltigen Einstieg ins Berufsleben finden und so längerfristig für sich und ihre Familien sorgen können», präzisiert er und nennt gute Gründe dafür: «Das reduziert die Sozialausgaben und entlastet die öffentliche Hand.» Didier Ruedin, Soziologe an der Universität Neuchâtel und Kenner der Schweizer Integrations- und Wirtschaftspolitik, kann dies nur bestätigen: «Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den sozialen Frieden ist es wichtig, dass die Zivilgesellschaft so viele Menschen wie möglich in den Arbeitsmarkt integrieren kann.»

Das ist die eine Seite. Auf der anderen bildet die Erwerbsarbeit eine wichtige Grundlage für die individuelle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sowie für die gesellschaftliche Anerkennung. Am Arbeitsplatz knüpft man schnell Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und lernt neben ihren beruflichen auch die kulturellen Eigenheiten kennen. Die Politologin Flavia Fossati von der Universität Lausanne be- tont denn auch, dass die Unabhängigkeit von der Sozialhilfe oder Arbeitslosenkasse nicht nur aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive wünschenswert sei: «Praktisch niemand will freiwillig Bittstellerin oder Bittsteller sein, sondern auf eigenen Beinen stehen.»

Rolle der Migrationsbiografie

Nicht alle Menschen haben die gleichen Voraussetzungen, um ihr Leben selbst gestalten und finanzieren zu können. Auf Hürden stossen vor allem Personen, die spät in die Schweiz zugewandert sind, also Frauen und Männer, die keine hiesige Schul- oder Berufsausbildung genossen haben und über geringe Deutschkenntnisse verfügen. Dazugehören anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene genauso wie Erwachsene und Jugendliche, die im Familiennachzug oder durch Heirat in der Schweiz Fuss fassen wollen. Sie unterscheiden sich oft durch geringere Qualifikationen oder nicht anerkannte ausländische Diplome von den Migrantinnen und Migranten, die die Wirtschaft direkt anwirbt. Der Grund dafür liegt u. a. auch in ihrer Migrationsbiografie. «Flüchtlinge mussten vor Krieg, Gewalt oder Unrecht fliehen, und die Aus- und Weiterbildungen standen dabei natürlich nicht im Vordergrund», betont Fossati und verweist auch auf fehlende stabile Bildungsstrukturen in vielen Herkunftsländern – nicht nur von Flüchtlingen. Seien Letztere einmal in der Schweiz, fresse das langwierige Asylverfahren weitere wertvolle Zeit. Die Integrationsexpertin stellt aber auch klar, dass es für die meisten spät zugewanderten Personen durchaus Platz in der Schweizer Wirtschaft gebe. Adrian Gerber kann dem nur zustimmen. «Das gemeinsame Ziel von Bund, Kanto-nen und Wirtschaft muss sein, das inländische Potenzial an Arbeitskräften gezielt zu fördern.» Handlungsbedarf sieht er insbesondere bei anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen, «weil hier die Zuwanderung in denletzten Jahren sehr hoch war und sich darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene befinden, die gezielt auf eine berufliche Ausbildung oder einen direkten Berufseinstieg vorbereitet werden müssen».

Gemeinsam Anreize stärken

Für die Berufsqualifikation und die Arbeitsmarktintegration sind in erster Linie die Integrations- und Berufsbildungsbehörden der Kantone verantwortlich. Deren Angebote sind so unterschiedlich wie ihre Systeme. «Unsere föderalistischen Strukturen ermöglichen quasi ein Versuchslabor für gute Lösungen», beobachtet der Soziologe Ruedin. Im Wettstreit um die nachhaltigsten Konzepte würden aber auch ungleiche Voraussetzungen geschaffen: «Durch das Gefälle zwischen vielen und wenigen bzw. guten und weniger guten Angeboten erhalten die Betroffenen nicht in allen Kantonen dieselben Einstiegschancen.» Weil zudem viele nicht staatliche Akteure beteiligt sind, ist neben der behördeninternen auch eine enge interinstitutionelle Zusammenarbeit notwendig. «Beides ist noch nicht überall gut aufgegleist», bedauert Ruedin. Auch die Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft klappe an einigen Orten unzureichend. Gerber ist sich dieser Ausgangslage bewusst. Im Dialog mit den Kantonen sucht er deshalb gemeinsame Ziele; er will einen klaren Integrationsprozess mit wirksamen Massnahmen definieren, die auch finanziell abgesichert sind. «Im Rahmen unserer interinstitutionellen Zusammenarbeit sammeln wir gerade Best-Practice-Beispiele von Anbietern aus allen Kantonen. Diese werden wir anschliessend systematisieren und in einer Art Baukasten den Umsetzenden zur Verfügung stellen», so der Historiker und Politikwissenschaftler.

Grundbedingung Sprachkenntnisse

Gefordert sind also alle Beteiligten. Neben der öffentlichen Hand, der Wirtschaft, den Sozialpartnern oder privaten Organisationen auch die Betroffenen selbst. Eine erste Hürde ist das Beherrschen der hiesigen Sprache. «Ohne Sprachkenntnisse geht es nicht», betonen Fossati, Gerber und Ruedin unisono. «Studien zeigen, dass mit dem Unterricht allerspätestens unmittelbar nach einem Bleibeentscheid begonnen werden sollte», weiss Fossati und wünscht sich, dass solche frühen Sprachkurse noch bewusster und vor allem gemeinsam mit ersten Beschäftigungsmassnahmen gefördert werden. «Denn möglichst viele und frühe Einblicke in den Schweizer Arbeitsalltag sind für den weiteren Verlauf zentral», so die Politologin. Zwar gibt es solche Angebote vereinzelt bereits, aber sie verfügen meist über zu wenig Geld, sind noch lückenhaft oder zu unverbindlich.

Potenziale erkennen

Daneben orten Fachpersonen vor allem Handicaps bei den Berufsqualifikationen und den Grundkompetenzen. «Aber auch in mangelnden Kenntnissen der schweizerischen Bildungs- und Arbeitskultur, die sich in vielem von anderen Ländern unterscheidet. Etwa in Bezug auf Pünktlichkeit, Qualitätsbewusstsein oder Arbeitstempo», sagt Ruedin. Zudem sei nicht immer klar, welche sozialen, schulischen und beruflichen Kompetenzen spät migrierte Personen überhaupt mitbringen. Erhebungen darüber gibt es keine. Stichproben bei Flüchtlingen aus den Jahren 2013 und 2016 wiesen aber für rund 20 Prozent einen Abschluss der Sekundarstufe II oder der Tertiärstufe aus. Weitere 50 Prozent verfügten über mehrjährige Berufserfahrungen. Wird dieses Know-how nicht rechtzeitig erkannt und angezapft, droht u.a. die unnötige Eingliederung in den zweiten Arbeitsmarkt. «Auch deshalb streben wir eine Stärkung der Potenzialabklärungen an», sagt Gerber. Die strittige Frage sei allerdings, was unter Potenzialabklärung genau verstanden werde. «Aus meiner Sicht ist ein einstündiges Gespräch nicht vergleichbar mit einer nachhaltigeren praktischen Potenzialabklärung inklusive Schnuppereinsatz.» So oder so sei im Sinne einer umfassenden Integration letztlich eine klare und übergeordnete Fallführung vonnöten – und natürlich ein ausreichendes Angebot an bedarfsgerechten Massnahmen.

Arbeitgebende gewinnen

Das bestehende Praktikums-, Stellen- und Ausbildungsangebot muss also auf den tatsächlichen Bedarf ausgebaut wer- den, was nicht ohne verstärktes Engagement von Firmen geht. «Grossunternehmen sind auf eine vielfältige Mitarbeiterschaft bedacht und verfügen über professionelle Personalabteilungen, die das vorantreiben», weiss Fossati. Diese Priorität würde KMU oft fehlen. «Dafür sind diese durch ihre lokale Verankerung zugänglicher. Etwa für Spontanbewerbungen oder indem man direkt vorbeigehen kann.» Persönliche Begegnungen sind wichtig für den Vertrauensgewinn. Denn Betriebe stellen sich neben organisatorischen und finanziellen Überlegungen auch teilweise unbequeme Fragen: Passt so jemand ins Team? Fällt ein dunkelhäutiger Mitarbeiter im Dorf nicht negativ auf? Dazu und zu Diskriminierungsaspekten müssen genauso professionelle Antworten gegeben werden wie Informationen zur Machbarkeit. So ist zum Beispiel das Asyl- und Bewilligungsverfahren für Aussenstehende oft schwer verständlich, und schon der Begriff «vorläufig aufgenommen» kann verwirren. Er wird fälschlicherweise immer wieder dahingehend interpretiert, dass eine Person die Schweiz bald verlassen muss. Lohnt sich dann eine Anstellung überhaupt? Das SEM begegnet den Wissenslücken u.a. mit Sensibilisierungsbroschüren und Informationen über die Arbeitgeber- und Branchenorganisationen. Und der Ständerat hat im vergangenen März eine Motion verabschiedet, die vom Bundesrat eine Änderung des Begriffs «vorläufig aufgenommen» verlangt.

Mit gutem Beispiel voran

Die in der Kommunikation und im Verlagsgeschäft tätige Berner Stämpfli Gruppe muss nicht mehr überzeugt werden. Derzeit bildet sie einen Flüchtling aus Somalia zum Hauswart aus und plant eine zusätzliche Lehrstelle. Mitinhaber Peter Stämpfli begründet das auch «mit dem Dienst an der Gesellschaft, denn wir profitieren vielfältig von ihr; etwa bei der Bildung, der Rechtssicherheit, der Infrastruktur und der sozialen Sicherheit. Entsprechend wollen wir der Allgemeinheit auch etwas zurückgeben». Selbst wenn dies für KMU in einem wirtschaftlichen Umfeld mit Margendruck und vielen technologischen Veränderungen nicht immer einfach sei. «Schliesslich gilt es, eine Stelle zu finden, die tatsächlich zum Profil der Person passt. Dafür brauche ich ein Team, das die neuen Mitarbeitenden begleiten kann, was gerade bei Menschen, die langsam sind und sich zuerst an die Arbeitsbedingungen gewöhnen müssen, herausfordernd oder belastend sein kann», so Stämpfli. Wenn die Integration dann gelinge, erfülle das die Beteiligten mit umso grösserer Genugtuung. «Und das Umfeld sowie starke potenzielle Fachkräfte nehmen positiv zur Kenntnis, dass es bei uns nicht nur ums ‹Geld› geht.»

Verfahren vereinfachen

Damit viele diesem Vorbild folgen, möchte der Bund auch Anreize durch organisatorische Erleichterungen setzen. «Im Herbst 2018 tritt beispielsweise eine Gesetzesänderung in Kraft, die die heutige Erwerbsbewilligungspflicht für vorläufig Aufgenommene durch eine einfache Meldung ersetzt», sagt Gerber. Zudem habe der Ständerat in seiner Motion gefordert, den Kantonswechsel zwecks Erwerbstätigkeit bei vorläufig Aufgenommenen zu erleichtern. Argumente könnten aber auch finanzieller Natur sein. Etwa mit der Ermöglichung spezieller Lohnmodelle, bei denen Personen, die den Stellenanforderungen noch nicht entsprechen mit einem tiefer liegenden Einstiegslohn beginnen und im Zuge ihrer Entwicklung stufenweise auf den garantierten branchenüblichen Lohn gelangen.

Menschen und Unternehmen begleiten

Die Ausgangslage zeigt, dass es im gesamten Prozess unzählige Schnittstellen gibt. Fachpersonen fordern deshalb, dass diese von Jobcoaches überbrückt werden. Sie sollen Betroffene von der Bedarfsabklärung über die Grundlagenvermittlung bis zur Praktikums-, Lehr- oder Festanstellung begleiten und beraten. Ebenso aber auch die Unternehmen, die über die Anstellung hinaus mit organisatorischen und personellen Fragen konfrontiert bleiben. Der Kanton Graubünden praktiziert dieses Modell erfolgreich und auch der Kanton Bern verfolgt mit dem Pilotprojekt «Caritas Perspektive» diesen Ansatz. «Je besser die Teilnehmenden begleitet werden, desto einfacher gelingt ihre Integration», weiss Unternehmer Stämpfli. «Gleichwohl mussten wir z.B. Integrationsversuche mit psychisch Beeinträchtigten auch schon abbrechen, weil die Teilnehmenden die minimalen Anforderungen nicht schafften», sagt er ehrlich und betont umgehend, dass dieses Risiko einfach dazugehöre.

Bringen Frauen und Männer noch nicht genügend Grundlagen für eine direkte Anstellung oder Lehrstellensuche mit, müssen sie deshalb möglichst früh darauf vorbereitet werden und neben den Berufsbildern auch über das Leben und Arbeiten in der Schweiz informiert werden. Hierzu gibt es vielversprechende Angebote in den Kantonen. Auch der Bund leistet mit dem kürzlich lancierten Pilotprogramm «Integrationsvorlehre» einen wichtigen Beitrag. «Wir bieten damit in allen Regionen eine umfassende und an klar definierten Standards orientierte Vorbereitung auf die berufliche Grundbildung. Die Frage der Altersgrenze haben wir bewusst offengelassen, um den Kantonen bei der Umsetzung die Möglichkeit zu geben, auch Bewerberinnen und Bewerber über 25 Jahre zu berücksichtigen», so Gerber. Fossati begrüsst dies, «denn diese Altersgruppe hat es durch die starke Formalisierung unseres Bildungssystems besonders schwer, nachträglich in die regulären Bildungsstrukturen zu kommen. Dabei wird es im Zuge der Digitalisierung nicht nur für Zugewanderte immer wichtiger, sich in jeder Lebensphase neu zu orientieren und aus- oder weiterzubilden zu können».

Bestehende Diplome anerkennen

Hindernisse bleiben selbst für Betroffene bestehen, die über Berufsabschlüsse verfügen, denn ihre Diplome werden nicht automatisch anerkannt. «Mit dem Pilotprojekt ‹Potenziale nutzen› reagieren wir darauf und wollen gut qualifizierte Flüchtlinge gezielt unterstützen, damit sie eine ähnliche Tätigkeit ausüben können wie in ihrem Herkunftsland», sagt Gerber. Um diesen anstrengenden und langwierigen Prozess wissen auch die Beraterinnen und Berater des Projekts MosaiQ des HEKS. Sie begleiten in einigen Regionen bereits heute qualifizierte Migrantinnen und Migranten bei der Anerkennung ihrer ausländischen Diplome und beraten sie bei einer praktischen Kompetenzabklärung oder über notwendige Zusatzausbildungen. «Solche Angebote vor Ort und mit erfahrenen Personen braucht es überall», sagt Gerber und verweist auch hier auf laufende Gespräche mit den Kantonen. Die Arbeit geht den Beteiligten vorerst auf keiner Ebene aus: in manchen Kantonen mehr, in anderen Regionen weniger – aber immer mit einem lohnenden Ziel sowohl für die Betroffenen als auch für die ganze Gesellschaft.

Chancen kreieren – und packen.  Foto: © Claudia Link.
Chancen kreieren – und packen. Foto: © Claudia Link.