«Das Leben ist eine Sinuskurve»

Numan Acar hat aus eigener Kraft den Sprung nach Hollywood geschafft.
Zu sehen ist der Deutschtürke in Serien wie «Homeland» oder «Prison Break».

Interview: Güvengül Köz Brown

MIX: Herr Acar, was sagt Ihr Name über Ihre Persönlichkeit aus? Acar bedeutet ja so viel wie mutig oder furchtlos.

Numan Acar (NA): Ich glaube daran, dass Namen etwas über den Menschen aussagen. Trotzdem bin ich nicht furchtlos. Ich versuche, gegen meine Ängste anzukämpfen und sie zu überwinden, das ist ein fortlaufender Prozess. Ich betrachte mein Leben als eine ständige Mutprobe – mit dem Verlauf einer Sinuskurve.

MIX: Einen furchtlosen Terroristen haben Sie vor einigen Jahren in der erfolgreichen US-Serie «Homeland» gespielt. Wie hat die Rolle Ihre Beziehung zur Schauspielerei verändert?

NA: Es geht um Vertrauen in die eigne Schauspielkraft. Je mehr Vertrauen wir Schauspieler bekommen, desto mehr können wir erschaffen. Ich habe dies erfahren, und meine Spielkraft ist kreativer und freier geworden.

MIX: War es ein bewusster Entscheid, Ihr Glück in Hollywood zu versuchen?

NA: Ja, ich wollte mich international aufstellen und nicht bloss eine exotische Dattel im deutschen Früchtekorb sein, die irgendwann genau deshalb ausgesucht wird. Ein Apfel konnte ich nicht sein, also musste ich den Früchtekorb vergrössern und darauf hoffen, dass die Dattel als ständige Bereicherung gesehen wird. Auch wenn das manchen anders erscheinen mag, steckt dahinter jahrelange intensive Arbeit. Heute rate ich jedem jungen Schauspieler, keine Furcht vor den eigenen Visionen und Wünschen zu haben.

MIX: Nach islamistischen Terroristen haben Sie jüngst in Fatih Akins Kinofilm «Aus dem Nichts» ein Opfer rechter Gewalt gespielt. Beschäftigt Sie Extremismus auch im Alltag?

NA: Ich werde immer wieder damit konfrontiert. Der Ort entscheidet über das Mass. Womit wir wieder zum Thema Angst kommen: Dass sich Menschen fürchten, ist okay. Es ist die Aufgabe der Politik, der Mehrheitsgesellschaft Ängste zu nehmen und sie mit vernünftiger und vielfältiger Bildung zu sensibilisieren. Allerdings werden Politiker nicht gewählt, wenn sie keine Ängste im Zusammenhang mit Ausgrenzung, Arbeit oder Identität schüren. Es dient ihnen und wird seit Jahrhunderten praktiziert, wie wir es bei den «Pop-up-Faschisten» sehen. Dass diese Ängste über Kampagnen auf sozialen Medien bei vielen in Fleisch und Blut übergehen und Aktionismus auslösen, sehe ich als grosse Gefahr. Aufgrund meiner eigenen Ausgrenzungserfahren versuche ich, Berührungsängste gegen «Ausländer» zu mindern; ich will ein «Ausländer» zum Anfassen sein.

MIX: Viele Schauspieler mit Migrationshintergrund beklagen sich, dass sie nur für Klischeerollen engagiert werden. Warum bringt ausgerechnet diese Branche keinen arabischstämmigen «Traumschiff»-Kapitän hervor?

NA: Dieser Kapitän wäre ehrlich gesagt lediglich eine Egopolitur für alle Beteiligten – das löst das Problem nicht. In Deutschland kämpfen aber glücklicherweise schon viele Caster und Regisseurinnen erfolgreich gegen konservative TV-Redakteure. Sie arbeiten an einer tiefergehenden und visionären Förderung von Vielfalt: Ethnische Minderheiten müssen genauso die Chance erhalten, sich künstlerisch uneingeschränkt auszudrücken wie Frauen oder die LGBTQ-Community. Erst mit dieser vollkommenen Freiheit des Kreativen leben wir Vielfalt, statt nur darüber zu reden. Und wenn das mal schiefgeht, was soll’s: Der Filmfriedhof ist voll von teuren Gräbern mit renommierten Namen. Generell sollten wir uns die Automatismen unserer Gedankenwege dauernd bewusst machen. Das bemerke ich selbst etwa beim Einführen neuer Figuren im Drehbuch. Es ist dann z.B. automatisch «der Verkäufer» und nicht «die Verkäuferin». Mich dabei zu ertappen, freut mich sehr, weil es die Chance ist, dass das Drehbuch und ich wachsen können.

Schauspieler Numan Acar. Foto: © Alberto Pizzoli, Getty Images
Schauspieler Numan Acar. Foto: © Alberto Pizzoli, Getty Images