Brandgefährliche Doppelmoral

Carte Blanche von Jürg Halter, Schriftsteller und Performancekünstler. 

Vor einigen Jahren erzählte mir eine Freundin, ihr Vater hätte ihr schon als Kind beigebracht, sie dürfe niemals jemanden sagen, dass sie Jüdin sei. Das fand ich absurd. Heute kann ich das immer mehr nachvollziehen. Nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren Juden in Europa so gefährdet wie jetzt; immer mehr verlassen den Kontinent. Bedroht durch Rechtsextreme und Islamisten. Das Gerede von der «jüdischen Weltverschwörung» hat aber nicht nur in
rechten und islamistischen, sondern auch in einigen linken Kreisen Konjunktur.
Fakt ist: Es gibt im Jahr 2018 nicht eine jüdische Einrichtung, die nicht unter Sicher- heitsschutz steht. Eine Schande.

Gegen den Rechtsextremismus einzustehen, gehört zum Glück für die meisten Menschen hier nach wie vor zum guten Ton, aber sich eindeutig gegen den politischen Islam zu äussern, fällt nicht wenigen schwer; wider alle Fakten wird dann dessen Einfluss in Europa verharmlost oder totgeschwiegen. Jedes islamistische Attentat, jede Bedrohung jüdischer Kinder durch muslimische Mitschüler wird als «Einzelfall» abgetan.

Als ob es keine strategisch gezielten Auslandsfinanzierungen vieler Moscheevereine und ultrakonservativer Islamverbände durch die Muslimbrüder, durch die Türkei, Katar und Saudi-Arabien gebe. Die hiesige Politik orientiert sich aber oft an Forderungen solcher Verbände, die jedoch für die Mehrheit der Muslime hier in keiner Weise repräsentativ sind.

Mit dem Schlagwort «Islamophobie» wird in einigen liberalen und linken Kreisen jegliche differenzierte Diskussion über den Islam verhindert und das Feld so verantwortungslos den Rechten überlassen. Das ist brandgefährlich und mit ein Grund für das erneute Erstarken Rechtsextremer. Das Perfideste daran ist, dass dadurch gerade die am meisten zu leiden haben, die durch den Islamismus neben den Juden am meisten gefährdet sind: Muslime, die sich öffentlich für einen säkularisierten Islam einsetzen, diejenigen, die ohne Wenn und Aber hinter Demokratie und Menschenrechte stehen. Das muss sich ändern.

Jürg Halter. Foto: zvg
Jürg Halter. Foto: zvg