Vorbild im Klassenzimmer

Lehrpersonen mit Migrationshintergrund sind im Schweizer Schulsystem Mangelware und Hoffnungsträger zugleich. Elias Alhassan ist einer von ihnen.

Text: Güvengül Köz Brown

An der Pädagogischen Hochschule FHNW studieren derzeit über 3200 angehende Lehrpersonen. Auch Elias Alhassan aus Wettingen hat vor knapp drei Jahren seinen Bürojob an den Nagel gehängt, um auf dem zweiten Bildungsweg Primarlehrer zu werden. «Und ich habe diesen Entschluss bis heute keine Sekunde bereut», sagt der knapp zwei Meter grosse Hüne mit Nachdruck. «Einerseits, weil der Beruf unglaublich lebendig ist und kein Tag dem anderen gleicht. Andererseits, weil es mir riesigen Spass macht, Wissen zu vermitteln, die Neugier der Kinder zu wecken und ihnen dabei zuzuschauen, wie sie staunen können.» Das sind keine leeren Floskeln, sondern gelebte Wirklichkeit. Bereits seit Beginn seines Studiums unterrichtet der 25-Jährige im Teilzeitpensum an einer Aargauer Schule.

Durchmischung fördern

Motivierte Pädagogen wie Alhassan sind im Schweizer Bildungssystem gefragt. Nicht nur, weil seit Jahren ein akuter Mangel an Lehrpersonen im Land herrscht, sondern weil gerade solche mit Migrationshintergrund händeringend gesucht werden. Ihr Anteil an den Pädagogischen Hochschulen ist mit etwa 13 Prozent unverhältnismässig klein in Anbetracht der hohen Heterogenität in den Klassenzimmern, wo jedes zweite Kind zwischen 7 und 14 Jahren einen Migrationshintergrund aufweist. Dessen sind sich auch die Lehrerdachverbände LCH und SER bewusst, weshalb sie zunehmend bemüht sind, die Attraktivität der Ausbildung für Studierende mit Migrationshintergrund zu erhöhen und die Durchmischung in der Lehrerschaft den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzugleichen.

Identifikationsfigur versus überschätzte Erwartungen

«Mit einer Schweizer Mutter und einem ghanaischen Vater entspreche ich vielleicht nicht dem klassischen Bild eines Secondos. Dennoch bin ich zumindest auf den ersten Blick für viele Eltern und Kinder ein Exot», sagt der junge Mann und malt beim Wort Exot Gänsefüsschen in die Luft. Negative Erfahrungen habe er deswegen bis jetzt keine gemacht – die erlebe er nur ausserhalb der Schule, fügt Alhassan hinzu und lacht spitzbübisch. Im Klassenzimmer könne seine Hautfarbe trotzdem eine Rolle spielen, gibt er jedoch offen zu. «Für manche Kinder bin ich gerade aufgrund meines Migrationshintergrundes Identifikationsfigur und Vorbild zugleich, denn ich lebe ihnen vor, dass man auch mit einem ausländischen Aussehen ein Studium absolvieren und Lehrer werden kann.» Vorbilder wie ihn werde es in Zukunft an Schulen vermehrt geben, sagt er zuversichtlich, «denn derzeit studieren mit mir zahlreiche Secondas und Secondos, die ursprünglich aus Serbien, Albanien oder der Türkei stammen», so Alhassan weiter.

Ob ethnische und kulturelle Vielfalt im Lehrerzimmer tatsächlich die Bildungschancen und den Bildungserfolg von Migrantenkindern verbessern kann, ist wissenschaftlich umstritten. Eine Untersuchung der Freien Universität Berlin warnt etwa von überzogenen Erwartungen, denn Migrationshintergrund sei nicht per se ein Kompetenzmerkmal. Viel wichtiger sei, dass Lehrpersonen allgemein in der Lage sein müssten, heterogene Klassen zu unterrichten – unabhängig von ihrer Herkunft. Kommt hinzu, dass eine türkisch sprechende Pädagogin nicht automatisch einen besseren Zugang zu einer brasilianischen Familie hat. Elias Alhassan sagt dazu: «Aus Erfahrung weiss ich um den positiven Effekt, den ich damit bewirken kann. Und das finde ich persönlich entscheidender als die Studien.»

13 Prozent der Studierenden an Pädagogischen Hochschulen haben Migrationshintergrund.

Elias Alhassan. Foto: © Claudia Link
Elias Alhassan. Foto: © Claudia Link