Tierschutz gegen Religionsfreiheit

Umstrittene Volksinitiativen haben in der Schweiz Tradition. Die allererste von 1893 war antisemitisch motiviert.

Text: Güvengül Köz Brown

Die direkte Demokratie ist wie der Föderalismus ein fundamentaler Bestandteil der schweizerischen Identität und bringt einzigartige Vorteile mit sich. So sind in keinem anderen Land die politischen Rechte des Souveräns derart weit gefasst wie hierzulande. Ein Privileg, um das wir gerne beneidet werden. Seit einigen Jahren gerät jedoch vor allem das Initiativrecht vermehrt in die Kritik. Kontrovers diskutiert werden insbesondere jene Vorlagen, die mit dem Völkerrecht unvereinbar sind – wie etwa die Minarett- oder die Ausschaffungsinitiative oder die bevorstehende Selbstbestimmungsinitiative, die Schweizer Recht vor Völkerrecht stellen will.

«So wird der Jude unser Meister»

Umstrittene Volksinitiativen sind allerdings keine neue Erscheinung. Schon das allererste Volksbegehren über das Verbot des Schlachtens von Tieren ohne vorherige Betäubung verdeutlicht, wie sich mit fremdenfeindlichen Ressentiments erfolgreich politisieren lässt. Denn die von Tierschutzvereinen lancierte Initiative, die am 20. August 1893 auf Bundesebene zur Abstimmung kam und mit über 60 Prozent klar angenommen wurde, zielte primär auf das von Jüdinnen und Juden praktizierte rituelle Schächten ab – und somit auf die Einschränkung ihrer Religionsfreiheit. Die Fortführung von anderen tierquälenden Tötungsmethoden, wie die heute ebenfalls verbotenen Genickstiche oder Schläge auf den Kopf mit Hammer oder Axt, lässt die wahre Absicht der Initianten unmissverständlich erkennen. Auch wenn sich die Tierschützer gegen die Unterstellung, Antisemiten zu sein, vehement wehrten, verkörperte die Schächtdebatte geradezu exemplarisch den herrschenden Zeitgeist, in dem die jüdische Bevölkerung u.a. für die damals herrschende Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit verantwortlich gemacht wurde. Dass die Initianten während des Abstimmungskampfes prominente Schützenhilfe durch den bekennenden Antisemiten Ulrich Dürrenmatt (1849–1908) bekamen, überrascht daher nicht. Der Grossvater von Friedrich Dürrenmatt schrieb in einem Gedicht, das einen Tag vor der Abstimmung publiziert wurde: «Israel hat kein Erbarmen, treibt es alle Tage dreister; wenn wir ihm nicht Meister werden, wird der Jude unser Meister.» 1978 wurde das Schächtverbot aus der Bundesverfassung gestrichen und ins Tierschutzgesetz aufgenommen.

Schächtszene im 18. Jahrhundert. Abbildung: © Alamy Stock Foto
Schächtszene im 18. Jahrhundert. Abbildung: © Alamy Stock Foto