Raus aus der Abhängigkeit

Erwachsene Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger können in Basel-Stadt einen Lehrabschluss nachholen. Wie das funktioniert, erklärt der Projektleiter Silvan Surber.

Interview: Güvengül Köz Brown

MIX: Herr Surber, Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger zwischen 25 und 40 Jahren haben im Rahmen des Projekts «Enter» die Möglichkeit, einen Berufsabschluss zu erlangen. Das klingt vielversprechend und anspruchsvoll zugleich.

Silvan Surber (SiSu): In der Tat bietet «Enter» die einmalige Chance, sich beruflich neu zu orientieren und finanziell unabhängig zu werden. Wer diesen Weg einschlagen will, muss aber Geduld mitbringen, denn vom Erstgespräch über die individuelle Beratungszeit bis hin zum Abschluss vergehen mehrere Jahre. Deshalb setzen wir voraus, dass die Teilnehmenden freiwillig am Projekt teilnehmen und entsprechend motiviert sind.

MIX: Wie hoch ist dabei der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund?

SiSu: Der ist relativ hoch. Das liegt u.a. daran, dass sie aufgrund ihrer Biografie nicht die Chance hatten, die obligatorische Schule in der Schweiz zu absolvieren. Einige von ihnen verfügen zwar über Abschlüsse aus den Heimatländern, diese werden aber bei uns oft nicht anerkannt. Das führt dazu, dass sie in diesem Bereich keine Anstellung finden – auch wenn sie der deutschen Sprache mächtig sind. Andere wiederum gingen bis zu ihrer Kündigung ungelernten Tätigkeiten nach. Auch für diese Personengruppe ist der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ohne die erforderlichen Diplome schwierig.

MIX: Und wie gehen Sie konkret vor, damit diesen Menschen der Einstieg ins Berufsleben gelingt?

SiSu: Nachdem die Sozialhilfe die Kandidatinnen und Kandidaten bei uns angemeldet hat, klären wir im Dialog ab, welche Berufswünsche sie haben. Denn es geht uns nicht darum, ihnen etwas aufzuzwingen. Vielmehr wollen wir auf vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten aufbauen. Danach wird gemeinsam mit der kantonalen Berufsberatung eine Strategie erarbeitet, die den Weg zum Berufsziel beinhaltet. Und auf diesem Weg begleiten wir die angehenden Lernenden bis zu ihrem Lehrabschluss. Das heisst, wenn während der Ausbildungsphase weitere Massnahmen wie die Organisation von Nachhilfestunden notwendig sind, leiten wir diese auch ein.

MIX: Wie finden die Lehrstellensuchenden dabei die Ausbildungsplätze?

SiSu: Wenn das Bewerbungsdossiers zusammengestellt ist, kommt der Gewerbeverband ins Spiel. Dieser vermittelt über alleBranchen hinweg Unternehmen, die willig sind, den Erwachsenen eine Ausbildung anzubieten.

MIX: Werden die «Enter»-Teilnehmenden an der Berufsfachschule separat unterrichtet?

SiSu: Nein, sie nehmen am normalen Unterricht teil, also mit Jugendlichen, die ihre Kinder sein könnten. Dies ist zu Beginn für alle ein wenig gewöhnungsbedürftig. Danach wird dieser Mix aber als gewinnbringend und bereichernd erlebt.

MIX: Wie viele Personen nehmen derzeit am Projekt teil?

SiSu: Wir betreuen im Moment ungefähr 50 Personen, die eine Ausbildung absolvieren. Die allermeisten schliessen diese auch ab. Die hohe Erfolgsquote liegt u.a. auch daran, dass die Lernenden eben sehr motiviert sind, ihre berufliche Zukunft in die Hand zu nehmen.

Das Einstiegsprojekt

«Enter» wurde 2014 als Pilotprojekt von der Strategiegruppe Jugendarbeitslosigkeit entwickelt. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt beauftragte das Erziehungsdepartement mit der Umsetzung des Projektes. Aufgrund der Erfolge wurde es 2016 in eine fünfjährige Projektphase überführt.

www.enter-berufsintegration.bs.ch