Mit Kind und Kegel

Blut ist dicker als Wasser, sagen die einen. Familie kann man sich leider nicht aussuchen, die anderen. Sicher ist: Ob klassisch, alleinerziehend, Regenbogen oder Patchwork – in unserer individualistischen Gesellschaft sind die Familienformen genauso vielfältig wie ihre Bedeutung für die einzelnen Mitglieder.


Familie Tharanitharan.
Familie Tharanitharan.

Familie ist mehr wert als Geld

Pahirathi Tharanitharan, Kassiererin, drei Geschwister, verheiratet, Mutter von zwei Kindern.

«Meine Kinder sollen es einmal besser haben. Deshalb möchte ich, dass sie aufs Gymnasium gehen und später studieren. Meine achtjährige Tochter träumt schon heute davon, eine erfolgreiche Zahnärztin zu werden. Ein schöner Traum, wie ich finde. Egal, welchen Weg die beiden einst beruflich einschlagen werden, Hauptsache, sie vergessen nie, woher ihre Eltern ursprünglich kommen. Daher würde es mich sehr glücklich machen, wenn sie in 20 Jahren die tamilische Sprache, Religion und Kultur auch an die nächste Generation weitergeben würden. Wer weiss, vielleicht heiraten sie auch jemanden aus Sri Lanka, aber das liegt nun wirklich nicht in meiner Hand. Hingegen kann ich dafür sorgen, dass es meiner Familie gut geht und es ihr an nichts fehlt. Sie ist für mich das Wertvollste auf der ganzen Welt, mehr wert als eine Million Franken und tausend Häuser. Ich kann mir ein Leben ohne Eltern, Kinder und Geschwister nicht vorstellen. Ohne sie wäre ich ein einsamer und trauriger Mensch. Ich brauche sie wie die Luft zum Atmen.»


Familie Masyan.
Familie Masyan.

Familie heisst Gleichberechtigung

Erdem Masyan, Primarlehrer, Einzelkind, verheiratet, Vater von zwei Kindern, das dritte ist unterwegs.

«Ein eigenes Zimmer hatte ich als Kind nicht. Ein Schrankbett im Wohnzimmer war meine Schlafstätte. Wenn Verwandte und Bekannte zu Besuch kamen, konnte ich erst zu Bett gehen, wenn sie fort waren. Meine Bedürfnisse schienen für meine Eltern nie oberste Priorität zu haben. Nicht, weil sie verantwortungslos waren, sondern, weil sie es einfach nicht besser wussten. «Erdem wird seinen Weg schon machen», lautete ihre unumstössliche Erziehungsstrategie. Ganz Unrecht hatten sie damit nicht. Ich habe es tatsächlich weit gebracht, auch wenn vermutlich die «Sendung mit der Maus» mehr zu meiner Frühförderung beigetragen hat als die Weisheiten meines verstorbenen Vaters: «Sei immer ehrlich und gehorche deinem Lehrer.» Mein heutiges Leben ist das komplette Gegenteil dessen, wie ich aufgewachsen bin. Ich wohne mit meiner Frau und den Kindern in einem freistehenden Einfamilienhaus, beteilige mich hälftig an der Hausarbeit und verbringe viel Zeit mit meinen Kindern. Es ist mir wichtig, mich aktiv an der Erziehung zu beteiligen und sie aufwachsen zu sehen. Vom klassischen Patriarchat halte ich wenig, deshalb habe ich auch den schönen Nachnamen meiner Frau angenommen – zum Schrecken meiner ganzen Familie.»


Familie Mele.
Familie Mele.

Zwei Mamas und zwei Kinder

Isabelle Mele (Bild links), selbstständige Handwerkerin/Primarlehrerin/Lehrerin für bildende Kunst, zwei Geschwister, eingetragene Partnerschaft, Mutter von zwei Kindern.

«Ich wuchs als Tochter einer Slowenin und eines Süditalieners in Arbon am Bodensee auf. Mit 23 Jahren, drei Monate nachdem mein Vater an Lungenkrebs gestorben war, hatte ich mein Coming-out. Nicht, weil ich früher Angst vor seiner Reaktion gehabt hätte, sondern weil mir erst dann bewusst wurde, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Wahrscheinlich hätte er aber ähnlich reagiert wie sein Bruder, Zio Pino: «Hauptsache, Isa ist glücklich.» Mehr wollte er darüber nicht wissen. Aber er hat es akzeptiert. Für meine Mutter war es nie ein Problem, dass ich meine Beziehungen mit Frauen lebe. Wichtig war und ist ihr nur, dass ich jemanden an meiner Seite habe – egal ob Märchenprinz oder -prinzessin. Wie gern wäre sie auch auf diesem Foto gewesen, aber aus gesundheitlichen Gründen konnte sie für das Shooting nicht nach Basel reisen. Mit meiner Partnerin Seraina bin ich inzwischen seit elf Jahren zusammen, gemeinsam haben wir zwei Kinder: Bela und Carmine. Weil sie beide Söhne ausgetragen hat, gilt sie rechtlich als alleinerziehend. Dennoch: Es sind unsere Kinder, die wir lieben und gemeinsam grossziehen.»


Foto Özlem

Über 35 Jahre lang fotografierte Bayram Şenpınar in seinem Fotostudio an der Hammerstrasse in Basel Familien, Freunde und Hochzeitspaare aus der ganzen Welt. Mit der Schliessung seines Ateliers geht eine bunte Fototradition zu Ende. Gerade noch rechtzeitig haben wir ihn gebeten, unsere Porträtierten in bewährter Manier in Szene zu setzen.


 

Texte: Güvengül Köz Brown