«Man muss endlich aufhören, Generationen zu zählen»

Die Migrationssoziologin Rosita Fibbi beschäftigt sich seit Langem mit der Beziehung der Schweiz zu den Migrationsfamilien. Sie zeichnet ein wechselvolles Bild der Geschichte.

Interview: Philipp Grünenfelder

MIX: Frau Fibbi, die Beziehung der Schweizer Gesellschaft zur Familie verändert sich. Auch im Migrationsbereich?

Rosita Fibbi: Sehr sogar. Man braucht dafür nur in die 1960er-Jahre zurück zu schauen. Migrationsfamilien waren damals aus politischer Perspektive inexistent, verdrängt. Man rief italienische oder spanische Arbeiterinnen und Arbeiter, aber nicht Mütter und Väter. Kinder gehörten entsprechend nicht ins Bild und der Familiennachzug schon gar nicht. Es gibt Berichte über hier geborene Kinder, die mit zwei, drei Monaten sogar ausgewiesen wurden.

MIX: Ab wann änderte sich das?

RF: Erst ab den 1970er- und 1980er-Jahren. Aber selbst mit dem lockereren Umgang im Familiennachzug stand noch zur Debatte, ob Kinder hier eingeschult werden sollen oder in italienischen Schulen. Sie würden ja mit den Eltern früher oder später in die Heimat zurückziehen. Im Zuge der Ölkrise verliessen tatsächlich viele die Schweiz, aber die Politik wünschte sich auch eine Stabilisierung der Migration. Erst recht in den 1980er-Jahren, als wieder viele neue manuelle Arbeiterinnen und Arbeiter einwanderten, diesmal aus Jugoslawien oder Portugal. Ergänzt durch Flüchtlinge, die erstmals in bedeutender Zahl und mit Kind und Kegel kamen. Auch die Portugiesen wurden in der Folge mutiger, folgten ihrem Herzen und nutzten die lascheren Kontrollen, um ihre Liebsten ebenfalls mitzubringen.

MIX: Rückte damit auch die Integration von ganzen Familien in den Fokus der Politik?

RF: Noch nicht. Überhaupt kann von offizieller Integration in der Schweiz erst ab den 2000er-Jahren die Rede sein. In den Jahren davor begann man zu realisieren, dass sich die Menschen aus Italien oder Spanien genauso fest hier niedergelassen haben wie die Flüchtlinge vom Balkan. Mit der Einführung der Personenfreizügigkeit und ihrem Grundsatz, dass Familien gleichzeitig in die Schweiz kommen dürfen, verfestigte sich dieses Bewusstsein.

MIX: Weshalb erst so spät?

RF: In die erste Einwanderergeneration hat man nichts investiert, weil man ja davon ausging, dass sie zurückkehrt. Erst mit der grösseren Arbeitslosigkeit in den 1990er-Jahren wurde man sich dieser Versäumnisse richtig bewusst: «Aha, die können ja die Landessprache nicht. Aha, diese Arbeitsressourcen müssen wir pflegen.» Ich möchte aber betonen, dass die Familie, unabhängig davon, im Integrationsprozess schon immer eine sehr wichtige Rolle übernommen hat. Neu war, dass dies von der Politik auch wahrgenommen wurde.

MIX: Inwiefern ist die Familie so wichtig im Integrationsprozess?

RF: Ihre Anwesenheit beschleunigt die Integration massgeblich. Aus dem einfachen Grund, weil unterschiedliche Familienmitglieder mit mehr gesellschaftlichen Sphären in Kontakt treten und sich auch darüber austauschen. Zum Beispiel über die Schule. Kinder sind neben der Arbeitsintegration ein wichtiger Faktor. Sie bringen zusätzliche Dynamik in die Familie und tragen die hiesige Gesellschaft nach Hause.

MIX: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

RF: Für eine aktuelle Studie sprachen wir u.a. mit jungen Menschen der zweiten Generation aus Nicht-EU-Staaten, die in den Agglomerationen von Basel, Zürich, Lausanne und Genf in lokalen Parlamenten aktiv sind. Dabei stellten wir u.a. die Frage, wie sie zur Politik gekommen sind. In der Annahme, sie seien vor allem durch das politische Verständnis ihrer Eltern aus dem Herkunftsland dafür sensibilisiert worden. Dem ist teilweise zwar so, grundsätzlich haben aber alle über die hiesigen Schulen gelernt, wie unsere Politik funktioniert, welche Beziehungen man haben muss, wie man ein bestimmtes Anliegen angehen kann. Und: Sie weckten umgekehrt das Interesse ihrer Eltern für unsere Politik. Solche Bewegungen kennt man für ganz viele Lebensfelder.

MIX: Es läuft also alles über die Kinder?

RF: Vieles und Wichtiges, aber nicht alles. Im Zuge der ganzen Entwicklungen plädiere ich, bei allen Fortschritten, dennoch dafür, vermehrt die Integration der ganzen Familie in den Fokus zu nehmen. Denn das hohe Integrationstempo der Kinder hat auch Schattenseiten. Es kann zu Spannungen in der Familie führen, weil die Kinder den Eltern in vielen Ansichtspunkten zu entgleiten drohen, sie einen Teil der Kontrolle verlieren.

MIX: Haben sich solche Mechanismen innerhalb von Familien in all den Jahrzehnten ebenfalls verändert?

RF: Die Dynamiken innerhalb der Familien sind oft ähnlich. Veränderungen sehe ich vor allem im globalen Kontext, in Familienbeziehungen über nationale Grenzen hinweg. Es ist heute einfacher, persönliche Kontakte ins Herkunftsland aufrecht zu erhalten. Eine spezielle Auffälligkeit zeigt sich mir diesbezüglich bei den erwähnten Gesprächen mit den jungen Menschen der zweiten Generation vom Balkan oder aus der Türkei. Sie führen die Unterstützungskontakte ihrer Eltern ins Herkunftsland bis heute fort. Eine solche Verpflichtung gegenüber der Familie über Generationen hinweg ist mir neu und in der Literatur kaum zu finden. Bei Italienern und Spaniern war das vor allem in der ersten Generation der Fall.

MIX: Leben junge Migrantinnen und Migranten denn auch modernere Familienmodelle?

RF: Bei Migrationsfamilien findet man, wie bei einheimischen, bis heute eher die traditionelle Konstellation. Natürlich kommen zum Beispiel auch alleinerziehende Expats oder unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Bedeutender und einschneidender ist aber eine andere Entwicklung: Wir haben heute erstmals eine Grosselterngeneration. Die Einwanderer der 1960er-Jahre sind im Pensionsalter.

MIX: Mit welchen Auswirkungen?

RF: Ein wichtiges Thema ist die Betreuungsfrage. Diese Bevölkerungsgruppe hat zum Teil andere Bedürfnisse, auch weil sie in der Integration lange vernachlässigt worden ist. Viele können schlecht Deutsch. Die Frage ist denn auch eher eine gesellschaftliche als eine innerfamiliäre, denn den Betroffenen war schon früh klar, dass sie keine traditionelle Betreuung innerhalb der Familie erwarten können, wie es in ihren Herkunftsregionen zum Teil noch üblich ist. Sie haben schliesslich auch alles dafür getan, dass ihre Kinder erfolgreich und berufstätig sein können. Indem sie sich später auch um die Enkel kümmerten, damit die Mütter nicht aus dem Arbeitsmarkt fallen, führten sie dieses selbst initiierte Modell mit allen Konsequenzen bis heute weiter.

MIX: Sprechen wir von den Enkeln. Man bezeichnet sie gerne als dritte Generation.

RF: Das hat man im Rahmen der Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung wieder oft gelesen, ja. Aber sind wir mal ehrlich: Niemand hat wirklich ein Konzept davon, was sie von der Schweizer Bevölkerung gleichen Alters unterscheiden soll. Ausser in dem Sinne, dass sie noch nicht die Schweizer Staatsbürgerschaft haben. Und gerade Italiener oder Spanier hat man, aus verschiedenen Gründen, lange auch nicht dazu motiviert. Man muss jetzt endlich aufhören, die Generationen zu zählen, wenn man sie damit nicht fortlaufend unnötig stigmatisieren will. Es zeigt uns letztendlich ein grundsätzliches Problem mit dem Konzept des Migrationshintergrunds. Wenn wir historischen Verläufen folgen wollen, haben wir Kategorien nötig. Aber wenn wir es aus sozialer Perspektive betrachten, wird es problematisch.

MIX: Aus sozialer Perspektive sind wir uns ähnlicher geworden?

RF: Wir leben auch ausserhalb der Migration in einer Welt, die international aufgestellt ist. Man reist viel, man migriert selbst und lebt zeitweise im Ausland; wir definieren uns nicht mehr nur national. Das ist vor allem in den Städten sichtbar, etwas weniger auf dem Land. Junge Menschen mit Migrationshintergrund erachten es dadurch als selbstverständlich, sich nicht nur einer kulturellen Welt verpflichtet zu fühlen. Nehmen wir das Thema Weitergabe der Herkunftssprache in der Familie. Lange ein umstrittenes Thema. Doch heute sagen sich die Jungen: «Auch Schweizer sprechen mehr als Deutsch. Ich spreche halt Deutsch und Türkisch oder Kroatisch.» Man pflegt also die symbolische Beziehung zum Herkunftsland der Familie in letzter Konsequenz auch, um gleich wie die anderen Altersgenossen zu sein.

Rosita Fibbi. Foto: zVg
Rosita Fibbi. Foto: zVg