Gekommen, um zu gehen

Arbeiten, sparen und dann den Lebensabend in der Heimat verbringen – das war der grosse Traum vieler Migrantinnen und Migranten der ersten Einwanderungsgeneration. Unterdessen ist ein wachsender Teil im Rentenalter: und immer noch da. Soziale Institutionen wie Pro Senectute und HEKS stellen sich dieser Tatsache, indem sie ihre Angebote vermehrt auf diese Zielgruppe ausweiten.

Saadet Sahin ist noch von den drei Operationen gezeichnet, denen sie sich kürzlich unterziehen musste. Darüber sprechen möchte sie aber nicht wirklich, «denn ob mit oder ohne Operation, wir werden sowieso nie so alt wie die Schweizer», sagt sie etwas resigniert und holt tief Luft. Hart gearbeitet habe sie, zuerst über zehn Jahre in der Wäscherei eines Spitals, später als Näherin. Die schwere körperliche Arbeit hat bei der 71-jährigen Türkin Spuren hinterlassen, auch wenn das blond gefärbte Haar, der zart rosarote Lippenstift und der sportlich-elegante Kleidungsstil der Vergänglichkeit zu trotzen versuchen. «Als ich 1974 zu meinem in der Schweiz lebenden Mann gezogen bin, hatten wir den Plan, nur ein paar Jahre zu bleiben. Knapp 45 Jahre später sind wir immer noch hier und werden auch nicht mehr gehen.» Die Gründe dafür sind vielfältig: Mit den Jahren seien sie in der «Fremde» heimisch geworden, zudem funktioniere nicht nur das Gesundheitssystem in der Schweiz ausgezeichnet, sondern alles andere auch.

Bislang ungenügend vorbereitet

Sahins Geschichte unterscheidet sich nicht wesentlich von der anderer Arbeitsmigrantinnen und -migranten: eine kurze Zeit auf Baustellen, in Fabriken oder in Restaurants arbeiten, gutes Geld verdienen, den zurückgebliebenen Verwandten finanziell unter die Arme greifen, in der Heimat wenn möglich auf einem schönen Grundstück ein Haus kaufen und dort den Lebensabend geniessen. Gekommen ist es aber für viele anders: Laut Bundesamt für Statistik wird die Zahl der ausländischen Staatsbürger über 65 Jahre von heute 168 967 bis ins Jahr 2020 auf knapp 400 000 ansteigen, falls sich in dieser Altersgruppe das Verhältnis von ausländischen Staatsangehörigen und Eingebürgerten, zurzeit 50 zu 50, nicht verändern sollte. Die Schweiz war bis vor Kurzem auf diese Entwicklung genauso wenig vorbereitet wie die Betroffenen selbst.

Handeln tut not, dachte sich Aida Kalamujic und entwickelte 2003 als Privatperson spezifische Angebote für Seniorinnen und Senioren aus dem Balkan. Es dauerte nicht lange, bis das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) auf ihr Engagement aufmerksam wurde. «Man bot mir 2006 eine Stelle als Projektleiterin an, damit ich für die Regionalstelle Zürich / Schaffhausen das Projekt Alter und Migration (AltuM) aufbauen kann», erinnert sich Kalamujic. «Mit AltuM wollen wir durch den Einbezug freiwilliger Schlüsselpersonen aus verschiedenen Kulturkreisen Migrantinnen und Migranten ab 55 Jahren präventiv auf die Probleme beim Älterwerden aufmerksam machen und sie bei Schwierigkeiten begleiten», so die diplomierte Juristin, die 1993 wegen der Kriegswirren in Ex-Jugoslawien aus Bosnien und Herzegowina in die Schweiz geflüchtet ist. Kalamujics Erfolg kann sich sehen lassen: Mittlerweile wird HEKS AltuM auch in den Kantonen Aargau, Waadt und St. Gallen angeboten, ab Herbst auch in Basel-Stadt.

Engagiert und vernetzt

Nanthini Murugaverl ist eine dieser Schlüsselpersonen. Seit 2014 organisiert die Tamilin in Zusammenarbeit mit Pro Senectute Region Bern, Caritas und dem Schweizerischen Roten Kreuz Informationsveranstaltungen für ältere Menschen aus Sri Lanka. «Ich bin innerhalb meiner Community sehr gut vernetzt und geniesse bei den Menschen ein hohes Mass an Vertrauen. Das sind wichtige Voraussetzungen, um sie zur aktiven Teilnahme zu motivieren», sagt die quirlige 45-Jährige und nippt vorsichtig an ihrer heissen Tasse Tee. Viel Zeit zum Reden hat sie nicht. Der Anlass zum Thema «Alter und Sucht» im Quartierzentrum Tscharnergut in Bern-Bethlehem ist besser besucht als erwartet. «Wir sind davon ausgegangen, dass etwa 15 Personen kommen werden, jetzt sind es über 30. Manche sind sogar aus Thun und Solothurn angereist», freut sie sich und richtet mit einer schnellen Handbewegung den Knoten ihres Foulards, das sie locker um den Hals gebunden hat. Einen Mann, der sich derweil zu ihr beugt und etwas zu sagen versucht, wimmelt sie mit einem freundlichen Lächeln ab. «Ich werde mich nach dem Anlass um ihn kümmern», erklärt sie und fährt mit fürsorglicher Stimme fort: «Oft geht es bei diesen bilateralen Gesprächen um persönliche Gesundheitsfragen, um finanzielle Probleme oder um die Übersetzung eines Behördenbriefes.» Sie helfe, wo sie könne, manchmal auch unentgeltlich, betont sie.

Leben und Alltagssorgen

Veranstaltungen wie diese würden den Betroffenen wertvolle Informationen vermitteln, weiss Murugaverl. «Weil Themen wie Ergänzungsleistungen, Wohnen im Alter, psychische Gesundheit oder wie an diesem Morgen ‹Alter und Sucht› alle betreffen.» Es geht aber auch um Wertschätzung, darum, dass ihr Leben und ihre Alltagssorgen der Schweiz nicht gleichgültig sind. Da ist jemand, der ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Diese Anerkennung widerspiegelt sich auch in den Inhalten der Veranstaltungen. «Wir passen das Programm immer den Bedürfnissen der Menschen an. So werden wir uns das nächste Mal vertieft mit dem Thema Bestattung befassen, weil sich das viele gewünscht haben.» Das erstaunt nicht, denn Tamilinnen und Tamilen der ersten Generation, die in den 1980er-Jahren in die Schweiz gekommen sind, erreichen jetzt das Rentenalter. Entsprechend gewinnen die Auseinandersetzung mit dem Tod und die Frage, wo man bestattet werden möchte, erheblich an Bedeutung. Neben dem Ausbau des Informations- und Beratungsangebots bieten sowohl HEKS wie Pro Senectute Computer- und Deutschkurse an und helfen älteren Menschen, ihre Freizeit sinnvoller zu gestalten – etwa durch mehr Bewegung. Ohne engagierte Schlüsselpersonen wie Murugaverl wäre Pro Senectute nicht in der Lage, diese vulnerable Zielgruppe derart erfolgreich zu erreichen. Dessen ist sich auch Ruth Schindler, Geschäftsführerin Pro Senectute Region Bern, bewusst. «Als wir uns vor rund vier Jahren entschieden haben, unser umfassendes Angebot an Dienstleistungen auf die Migrationsbevölkerung auszuweiten, wussten wir, dass wir auf Brückenbauerinnen angewiesen sind, die Türkisch, Albanisch, Serbisch, Tamilisch oder Kurdisch sprechen.» Was damals als Pilotprojekt angefangen hat, ist seit Anfang 2017 Bestandteil des regulären Angebots, so Schindler. Man hätte viel früher anfangen müssen, ist sie heute überzeugt, «denn es ist ja nicht so, dass wir den Menschen etwas Spezielles anbieten. Nein, es geht nur darum, dass sie wie alle anderen ebenfalls Zugang zu unseren Dienstleistungen erhalten». Der einzige Unterschied zur Schweizer Klientel sei, so die Geschäftsführerin, «dass wir für die Beratungsgespräche interkulturelle Übersetzende benötigen».

Noch viel zu tun

Aida Kalamujic beobachtet die Entwicklung der letzten Jahre zwar mit Freude, aber ohne Euphorie. Unter anderem deshalb, weil konkrete Angebote derzeit erst in einigen Regionen existieren. «Zudem ist es grundsätzlich schwierig, ältere Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen. Neben gesundheitlichen oder sprachlichen Problemen sowie Altersarmut liegt der Grund teilweise auch in negativen Erfahrungen mit Behörden und öffentlichen Institutionen. Aus Informationsmangel kennen sie ihre Rechte und Möglichkeiten bezüglich des Lebens im Alter nicht genügend und nutzen in der Folge Dienstleistungen und Versorgungsangebote wie jene von Spitex und Pro Senectute zu wenig.» Damit sich das ändert, braucht es also auch künftig das Engagement weitsichtiger Menschen und ihr Umfeld, das mitzieht.

Text: Güvengül Köz Brown

www.zwaeginsalter.ch
www.heks.ch 

Laut Bundesamt für Statistik wird die Zahl der ausländischen Staatsbürger in der Schweiz über 65 Jahre bis ins Jahr 2020 auf knapp 400 000 ansteigen. Foto: © Claudia Link
Laut Bundesamt für Statistik wird die Zahl der ausländischen Staatsbürger in der Schweiz über 65 Jahre bis ins Jahr 2020 auf knapp 400 000 ansteigen. Foto: © Claudia Link