Du liebe Familie!

Migration ist in der Regel ein Familienprojekt und Integration ein verwobener, generationenübergreifender Prozess. Neben Herausforderungen sehen Fachpersonen darin vor allem grosses Potenzial.

Die meisten können nicht ohne sie und andere schaudert schon der Gedanke daran. Egal, wie man zur Familie steht, ob man in ihr Halt und Geborgenheit findet oder Konflikte durchlebt: Sie spielt für die Sozialisation eine zentrale Rolle. Dabei ist die Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern, wie wir sie aus westeuropäischer Perspektive lange als Ideal definiert haben, nicht in Stein gemeisselt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verstand man unter Familie eine weit freiere Form des Zusammenlebens, die eher von wirtschaftlichen als von verwandtschaftlichen und sozialen Bindungen geprägt war. Zwar etablieren sich heute in der Schweiz nach und nach ebenfalls wieder neue Familienmodelle, der Ende April erschienene Familienbericht des Bundes verdeutlicht aber, dass sich die Familienhaushalte nach wie vor überwiegend aus einem Paar und einem oder mehreren leiblichen bzw. adoptierten Kindern zusammensetzen; 84 Prozent der 25- bis 34-jährigen Mütter bzw. Väter sind verheiratet.

Kontinuierlich im Wandel

Allerdings ist Familie weit mehr als reine Zahlenklauberei. Wie sie gelebt und definiert, welche Bedeutung ihr beigemessen wird, verändert sich mit der individuellen Lebenserfahrung und durch den gesellschaftlichen Wandel. Auch davon sprechen die Statistiken: Rund 5 Prozent der Familienhaushalte bestehen aus Patchworkfamilien und 14 Prozent aus alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Ausserdem wächst die Mehrheit der Kinder mit binationalen oder ausländischen Eltern auf. Tatsachen, die genauso zur Schweizer Familienlandschaft gehören, wie die Debatten über das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, neue Vaterbilder, Altersbetreuung oder Fortpflanzungstechnologien.

In diesem Veränderungsprozess finden sich auch Migrationsfamilien wieder. Von den frühen Gastarbeiterinnen und -arbeitern der 1960er-Jahre, denen ein Familienleben oft unmöglich war, über die Zuwanderung ganzer Flüchtlingsfamilien aus Ex-Jugoslawien bis hin zur neuesten Familienmigration im Zuge der Personenfreizügigkeit lässt sich kein lineares Bild zeichnen. Ausser in der Tatsache, dass sich in den wichtigsten Punkten alle Familien gleich sind: Je intakter das Gefüge, umso positiver können sich sowohl Kinder als auch Erwachsene in ihr weiterentwickeln. Erfahrungen mit familiärer Geborgenheit, Vertrauen und Intimität sind zentral und befähigen uns zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Die Familie wird so im Idealfall zum Sprungbrett in ein eigenständiges Leben und zum Fels in der Brandung.

Migration als Familienprojekt

Ein grosser Teil der Schweizer Familien ist persönlich mit Migration konfrontiert. Die zunehmende Individualisierung, Mobilität und Globalisierung führen dazu, dass Grosseltern, Tanten, Cousins oder flügge gewordene Kinder längst nicht mehr selbstverständlich ums Eck leben. Wenn nicht in einem anderen Landesteil, dann vielleicht um den Globus verteilt. Das hat Einfluss auf das Familienverständnis und die Beziehungen untereinander. Erst recht, wenn Familienmitglieder ihre Heimat und Angehörige dauerhaft verlassen und in einem anderen Land Fuss fassen. «Migration ist immer mit einer biografischen und kulturellen Neuorientierung verbunden. Diese Herausforderung betrifft natürlich auch Familien», sagt der Soziologe Erol Yıldız im Gespräch mit der MIX. «Schon die Entscheidung darüber, wer sein Glück in einem anderen Land sucht, wird meist im Kollektiv bestimmt», erklärt Yıldız, der an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck lehrt und forscht. Die Gründe für den Schritt ins Ausland sind so vielfältig wie die Zusammensetzung der Familienmitglieder, die ihn mitmachen. Dazu gehören heute traditionelle Familien genauso wie alleinerziehende Mütter oder unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Ob sie nun vor kriegerischen Konflikten flüchten müssen oder freiwillig den nächsten Karriereschritt anstreben: Alle müssen sie sich mit dem Verlust ihres Umfeldes auseinandersetzen und sich neu orientieren. Der Psychiater Jean-Claude Métraux, der u.a. an der Faculté des sciences sociales et politiques der Universität Lausanne lehrt, sieht darin Herausforderungen, die lange nachwirken können. Zum Beispiel bezüglich Erwartungen, die viele Migrantinnen und Migranten von Angehörigen mit auf den Weg bekommen. Etwa diejenige, finanzielle Unterstützung zu leisten, verbunden mit der Annahme des schnellen wirtschaftlichen Aufstiegs in der neuen Heimat. Dass solche Erwartungen oft nicht in Erfüllung gehen, ist für Betroffene ebenso schwierig, wie es schamhaft ist, der Verwandtschaft Misserfolge mitzuteilen.

Entscheidung mit Folgen

Die Entscheidung, dauerhaft «wegzugehen», kann auch das Zurücklassen der eigenen Kinder bedeuten. Entweder weil die Eltern mit der baldigen, eigenen Rückkehr gerechnet haben, weil sie den Nachwuchs wegen erschwertem Familiennachzug nicht mitnehmen können oder aber, weil sie im neuen Umfeld zuerst alleine Fuss fassen und die Familie später nachziehen lassen möchten. Die Trennung von den Kindern birgt die Gefahr, in einer abwartenden Haltung zu verharren, und erschwert damit das aktive Gestalten der eigenen Zukunft. Dies umso mehr, wenn auch der Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt ist und die ökonomische Grundlage auf wackligen Füssen steht, beobachtet Métraux. Ziehen Eltern ihre Kinder erst im Teenageralter nach, erkennen sie diese bisweilen kaum wieder – weder äusserlich noch charakterlich. Sie müssen das Familienleben neu lernen, auch weil die Loyalität der Jungen gegenüber den Bezugspersonen im Herkunftsland bestehen bleibt, meint der Psychiater. Die Folge könnten für die Kinder depressive Phasen sein, die nicht nur das Familiengefüge beeinflussen, sondern auch ihre Eingliederung in die Schule und das Lernen.

Familie als Integrationsfaktor

Umgekehrt nehmen gerade Kinder und Jugendliche im familiären Integrationsprozess eine wichtige Rolle ein. Sie werden in den Betreuungs- und Bildungsinstitutionen früh gefördert, lernen Deutsch oder eine andere Landessprache und tragen Erfahrungen aus der neuen Lebenswelt nach Hause. Gleichzeitig knüpfen Eltern über sie und die Schule erste Kontakte zu anderen Erwachsenen, wobei wiederum die Kleinen Übersetzungshilfen leisten. Sie in dieser unbewussten Rolle nicht zu überfordern, sei eine unserer Herausforderungen, findet die Migrationssoziologin Rosita Fibbi und schätzt, dass der Fokus in der Integrationsarbeit vermehrt auf die ganze Familie gelegt wird (vgl. Interview). So sei es für den Spracherwerb wichtig, dass Kinder auch ihre Erstsprache richtig lernen, sich gerade bildungsferne Eltern dessen bewusst sind und die Kleinen aktiv zu unterstützen lernen. Entsprechende Förderangebote haben sich etabliert und bewährt (vgl. Schenk mir eine Geschichte). Allein diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass Integration in der Familie ein andauernder und verwobener Prozess ist, in dessen Verlauf alle ihre Positionen sowohl innerhalb der Familie als auch in der Gesellschaft und der zunehmend vernetzten Welt finden.

Globalisierte Familienbande

Migrationsfamilien leben soziale und familiäre Netzwerke seit je und in zunehmendem Masse auch selbstverständlich über nationale Grenzen hinweg. Schon vor der Erfindung von Skype haben Kinder für ihre Grosseltern in der alten Heimat Sprachnachrichten auf Kassetten aufgenommen und Verwandten mit auf die seltene Reise zu den Angehörigen gegeben. Heute spielen Kommunikationsmöglichkeiten und Mobilität eine noch zentralere Rolle. «Es ist aus technologischer Sicht einfach und kostengünstig, selbst auf grosse Distanz Kontakte zu pflegen und diese Menschen auch zu besuchen», so Yıldız, der diese Erfahrungen als Chance sieht. Globale Vernetzung, Mehrsprachigkeit und Flexibilität seien vor allem in der Unternehmenswelt mehr denn je gefragte Kompetenzen und gelten – besonders in städtischer Umgebung – in allen Familien als wirtschaftliches und kulturelles Kapital. «Insbesondere für junge Menschen ist es deshalb selbstverständlich, ihre transnationalen Erfahrungen zu leben», weiss Yıldız und stellt damit auch das Generationenmodell in der Integration infrage. Bis heute geht dieses davon aus, familiäre Integrationsprozesse würden sich mehr oder weniger entlang den Einwanderungsgenerationen entwickeln. Die erste Generation bleibt demnach aus Selbstschutz stark ihrer Herkunftskultur verpflichtet und pflegt vor allem Kontakte zur eigenen Gemeinschaft. Die zweite fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Ursprungskultur ihrer Eltern und der neuen Umgebung, und die dritte hat sich an die Aufnahmegesellschaft angepasst – sie ist integriert. «Die Kinder der zweiten Einwanderungsgeneration leben heute bewusst aber auch wieder Traditionen ihrer Vorfahren und integrieren diese in den Alltag», so der Wissenschaftler, der darin in der Regel kein Problem sieht: «Diese jungen Menschen sind einfach mehrheimisch, statt einheimisch.»

Familienwerte als Chance

Formen solcher Retraditionalisierungen werden oft kritisiert oder sogar mit Radikalisierung gleichgesetzt. Doch so einfach sei das nicht, meint Yıldız. Er bringt die Kritik in Verbindung mit der Forderung nach völliger Angleichung an die vermeintlichen Werte in der Aufnahmegesellschaft: «Selbst wenn man Einzelfälle von Radikalisierung ernst nehmen muss, ist eine grundsätzliche Entweder-oder-Haltung kaum mehr angebracht.» Dem Misstrauen gegenüber fremden Traditionen liege oft die falsche Vorstellung zugrunde, die Aufnahmegesellschaft sei homogen und ihre eigenen Werte unumstritten und unveränderlich. «Mehrheimische Migrationsfamilien unterlaufen dieses Selbstbild und werden aus nationalstaatlicher Sicht als problematisch angesehen.» Eine Meinung, die unter den individualisierten gesellschaftlichen und globalen Gegebenheiten zahlreiche Expertinnen und Experten teilen. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, die sich mit veränderten Rollen der Familie in der Gesellschaft beschäftigt, beobachtet in dieser Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln vor allem den Wunsch, sich von der Masse abzuheben. Das, was auf den ersten Blick «wertkonservativ» aussehe, sei schliesslich vor allem eine Art Lebensdekor von gut integrierten Jugendlichen. In diesem Streben nach Individualität gleichen sich alle Jugendlichen, und überhaupt habe niemand mehr wirklich ein Konzept davon, was junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund voneinander unterscheide, meint auch Rosita Fibbi.

Familie neu denken

Die Vermittlung von Werten ist in jeder Familie zentral. Sie hat die Funktion, in herausfordernden Zeiten stabilisierend zu wirken. Vor allem für Erstzugewanderte bietet die Familie zusammen mit ergänzenden Netzwerken wie Migrationsvereinen oder herkunftsspezifischen Social-Media-Gruppen einen Sicherheits- und Selbstvergewisserungsraum. Vertraute Traditionen versprechen Zugehörigkeit, wo sie «in der Aufnahmegesellschaft oft mit Zurückweisung, Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert sind», so Yıldız. Das gilt auch für das Familienverständnis. Eltern werden hier oft mit anderen Familienmodellen und Erziehungsgewohnheiten konfrontiert. Bis hin zum abweichenden Betreuungsund Schulsystem. Ein französisches Paar beklagt vielleicht mangelhafte ausserfamiliäre Betreuungsstrukturen. Eine bildungsferne Familie aus der Türkei begegnet womöglich anderen Erwartungen an die Förderung ihrer Kleinkinder. Migrationserfahrungen verändern unweigerlich auch die Dynamik in Paarbeziehungen. Die Forschung hat mehrfach aufgezeigt, dass sich im Laufe solcher Auseinandersetzungen etwa die Entscheidungsgewalt und Aufgaben in den Familien neu verteilen, wobei auch Stereotype entkräftet werden: So gelten beispielsweise türkische Familien oft zu Unrecht als patriarchisch, denn im Alltag pflegen auch sie überwiegend einen kooperativen Stil in der Entscheidungsfindung und -umsetzung.

Herausfordernd kann es auch werden, wenn Paare nicht gleichzeitig zuwandern oder Angehörige der zweiten Generation bzw. deren Kinder Partnerinnen und Partner aus der «alten Heimat» heiraten. Das stärkt zwar die familiären Bande ins Herkunftsland der Eltern, kann aber auch neue Hemmschwellen für die Familie mit sich bringen: Bei der Integration, wenn eine Frau zum Beispiel zu ihrem hier geborenen Mann zieht, als Hausfrau sehr häuslich lebt und ihre Kinder deshalb aus der Perspektive einer Erstzugewanderten grosszieht. Oder für den sozialen Aufstieg, wenn eine hier geborene Partnerin mangels Berufsperspektiven ihres zugewanderten Partners zusätzlich auch ihn über die Runden bringen muss.

Konfliktherd Familie

Unabhängig davon, wie viele Familienmitglieder zu welchem Zeitpunkt migrieren, sie bewegen sich in unterschiedlichen sozialen und lokalen Kontexten, in denen sich verschiedene und zum Teil widersprüchliche Elemente vermischen. Gerade Angehörige der zweiten Generation können unter Druck geraten, wenn ihre Eltern – in bester Absicht – unrealistische Bildungs- und Berufswünsche an sie stellen. Oder ihnen Werte vermitteln, die in starkem Kontrast mit den Gegebenheiten in der Schule oder im Freundeskreis stehen. Bei allen persönlichen Herausforderungen möchte Erol Yıldız aber auch diese Problematik relativieren. «Selbst wenn es natürlich Fälle gibt, in denen Eltern sich in das Beziehungsverhalten ihrer Kinder, vornehmlich ihrer Töchter, einmischen und zum Beispiel den Kontakt zu einheimischen Jungs verbieten, sind das über die gesamte Migrationsbevölkerung gesehen letztendlich Ausnahmen», so der Experte.

Herausforderung Alter

Und die Grosseltern? Viele der einstigen Arbeitsmigrantinnen und -migranten der 1960er-Jahre sind, entgegen aller ursprünglichen Absichten und Annahmen, nicht in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Oder sie pendeln zwischen zwei Ländern, um sowohl ihrer Sehnsucht nach der alten Heimat als auch der Verbundenheit mit der wachsenden Anzahl in der Schweiz lebender Angehöriger zu folgen. Viele können noch immer schlecht Deutsch und sind auf die Unterstützung ihrer Kinder und Enkel angewiesen. Beim Arztbesuch genauso wie beim Behördengang. Die Integrationsplayer werden sich dieser neuen Klientel langsam bewusst (vgl. Projektseite), aber auch in den Migrationsfamilien selbst eröffnen sich dadurch neue Fragestellungen. Viele Seniorinnen und Senioren dieser Erstgeneration stammen aus Ländern, in denen die Familienbande gerade im gegenseitigen Betreuungsverständnis sehr ausgeprägt sind und der Sozialstaat entsprechend weniger ausgebaut ist. Sie haben die Erwartung, dass sich ihre Kinder um sie kümmern – bisweilen auch finanziell. Rosita Fibbi beobachtet aber auch oft das Gegenteil, wonach sich ältere Menschen dieser Tatsachen durchaus bewusst sind und die Unabhängigkeit ihrer Kinder und Enkel sogar aktiv fördern. Mediterrane Abteilungen in Altersheimen sind erste Antworten auf diese Entwicklung. Darauf, welche weiteren die Gesellschaft auf Fragen im Zuge des demografischen Wandels und der sich verändernden Familienlandschaft finden wird, darf man gespannt sein.

Text: Philipp Grünenfelder

Integration ein verwobener, generationenübergreifender Prozess. Fotos: © Claudia Link.
Integration ein verwobener, generationenübergreifender Prozess. Fotos: © Claudia Link.