Ein Missverständnis

«Mein Sohn würde sich sofort in dich verlieben. Er tut mir so leid!» Während ich mir denke, dass sie und ihr Sohn es durchaus übler treffen könnten, erklärt die mir eigentlich unbekannte Dame ungeschickterweise erst zum Schluss: «Er verliebt sich einfach nie in Schweizerinnen.»

Ich schliesse die Schubladen «Künstlerin», «ÜberdreissigJährige» und «Aargauerin» und öffne derweil meine erfahrungsreichste Schublade «Dunkelhäutige mit Schweizer Pass». Sie ist die Patentante unter den Schubladen: Sie war von Anfang an dabei, das Verhältnis zu ihr ist umso ambivalenter, je älter ich werde, und meine Eltern haben mich nicht gefragt, ob ich mit ihr ein verstanden bin.

Während ich mit den Schubladen hantiere, stellt meine Freundin neben mir kampfwillig das diskussionskillende R-Schild bereit. Doch was der Sohn dieser Frau praktiziert, ist Oberfl ächlichkeit, nicht Rassismus. Wen man attraktiv findet und wen nicht, sollte man selbst entscheiden dürfen. Schliesslich wollen wir, was wir wollen.

Ich zum Beispiel will eine Wohnung mieten können, zu der meine Finanzen passen, ein Taxi bekommen, das mich nach Hause oder wohin auch immer fährt, einen Job erhalten, für den ich qualifi ziert bin, und ich will auf Schweizer Strassen um 22 Uhr nicht ängstlich sein müssen. Das sind die Dinge, die Rassismus verhindert. Dass man annimmt, dass ich rassisch bedingtes Rhythmusgefühl habe, gut singen und sexen kann, ist nervig. Doch dieser sogenannte positive Rassismus wirkt wie die Zuckerglasur auf der Crèmeschnitte der Diskriminierung: In manchen Gegenden ist das halt so, auch wenn es ohne besser wäre.

Und dennoch frage ich mich in solchen Situationen immer: Werde ich in den Augen mir Unbekannter jemals eine Schweizerin sein können?

Text: Amina Abdulkadir

Amina Abdulkadir ist Slampoetin, Autorin und Künstlerin. Foto: © Stefan Ganz
Amina Abdulkadir ist Slampoetin, Autorin und Künstlerin. Foto: © Stefan Ganz