Zahn um Zahn

Babür Taner ist Schöngeist, Zahnarzt und Arbeitgeber. Als er vor 20 Jahren in die Schweiz kam, konnte er seine aussergewöhnliche Erfolgsgeschichte nicht erahnen.

Das graumelierte Haar ist sorgfältig nach hinten gekämmt, der Bart akkurat gestutzt und die Brille in warmen Brauntönen sorgfältig ausgewählt. Es ist augenscheinlich: Babür Taner ist ein Mann des guten Geschmacks. Seine unaufdringliche Eleganz widerspiegelt sich auch in seiner geschmackvoll eingerichteten Altstadtwohnung, in der Designklassiker stilvoll mit zeitgenössischen Stücken kombiniert sind. «Meine Begeisterung für das Schöne habe ich von meinem verstorbenen Vater geerbt. Er war Architekt und hat mich wie keine andere Person zeitlebens geprägt», erklärt er freimütig und steht auf, um Kaffee aufzusetzen. Architektur habe er dennoch nicht studiert, «davor hat mich mein Vater komischerweise immer gewarnt», verrät er und grinst spitzbübisch. Dass er sich später für das Studium der Zahnmedizin entschieden habe, sei eher dem Zufall geschuldet und nicht Folge einer bewussten Entscheidung gewesen. Dennoch: Bereut habe er seine Berufswahl bis heute nicht, stellt er klar; inzwischen erfüllt ein herrlicher Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen den Raum. Für den Bonvivant ist auch die Kaffeezubereitung eine Kunstform. Dass er derzeit einen Baristakurs absolviert, überrascht daher kaum.

Taner, 1969 in Ankara geboren und in .anakkale, einer kleinen Stadt am Eingang zu den Dardanellen, aufgewachsen, lebte schon als Kleinkind kurz in der Schweiz. «Mein Vater kam als junger Mann nach Europa und studierte und arbeitete mit Unterbrüchen mehrere Jahre abwechselnd in Deutschland und der Schweiz – bis wir 1976 unsere Koffer ‹für immer› Richtung Türkei packten.» Rückblickend sei es für ihn aber nie ein endgültiger Abschied gewesen, denn «der Wunsch zurückzukommen, war stets präsent». Nach seiner Promotion stand dem Traum nichts mehr im Wege: Er bewirbt sich für ein einjähriges Volontariat beim Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich und bekommt die Stelle. Das war vor 20 Jahren. 

Mittlerweile führt der 47-Jährige inmitten eines verschlafenen Wohnquartiers in Basel eine Zahnarztpraxis und beschäftigt eine Dentalhygienikerin und zwei Dentalassistentinnen – allesamt Frauen mit Migrationshintergrund. Auf die Frage, ob er stolz über das Erreichte sei, antwortet er mit einem zufriedenen Nicken, und seine braunen Augen funkeln schelmisch im hellen Sonnenlicht. «Als ich mich entschied, in die Schweiz zu kommen, hatte ich die Absicht, mich niederzulassen. Dass es derart gut klappen würde, hätte ich mir aber nie erträumt, denn gerade mit einem türkischen Pass ist es nicht einfach, eine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung zu erhalten.» Geklappt habe es nur, weil er der einzige Assistenzzahnarzt gewesen sei, der sich für eine freie Stelle in Appenzell Innerrhoden beworben hätte, sagt er und lacht herzhaft. «Um in der Schweiz eine Praxis eröffnen zu können, musste ich später das Schweizer Bürgerrecht erwerben und das schweizerische Zahnarztdiplom nachholen» – was er 2008 auch tat.

Wie Taner machen sich jedes Jahr Tausende von Menschen mit Migrationshintergrund selbstständig. Gemäss CRIF, dem führenden Anbieter von Kreditinformationen für Bankinstitute, besass 2015 rund ein Drittel sämtlicher Firmengründerinnen und -gründer (22 180) einen ausländischen Pass. Damit leisten sie alle einen wichtigen Beitrag zum Wirtschaftsstandort Schweiz und für die soziale Sicherheit. Für Babür Taner ist die Karriereplanung längst nicht abgeschlossen: «Wer weiss, vielleicht eröffne ich demnächst eine zweite Praxis oder sogar ein kleines, schmuckes Kaffeehaus.»

Text: Güvengül Köz Brown

22'180 Firmen wurden 2015 in der Schweiz von Menschen mit einem ausländischen Pass gegründet.

Babür Taner: Schöngeist, Zahnarzt und Arbeitgeber. Foto: © Claudia Link
Babür Taner: Schöngeist, Zahnarzt und Arbeitgeber. Foto: © Claudia Link